Nach Drama bei Reit-EM

Totilas droht sportliches Ende

Von Evi Simeoni, Aachen
15.08.2015
, 18:35
Mit Schmerzen im Wettkampf: Totilas und Reiter Rath am Donnerstag
Der gequälte Auftritt von Totilas bei der Reit-EM verdeutlicht, mit wie viel Zynismus Reiter, Trainer und Verantwortliche den Millionenhengst behandeln. Das hat Folgen: Dem einstigen Wunderpferd droht eine lange Pause – vielleicht sogar mehr.
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Das Leben wird vorwärts gelebt - aber rückwärts verstanden. Als Totilas, der hochbegabte schwarze Dressurhengst, am Donnerstagnachmittag in die Arena von Aachen trabte und die ersten Leute sich augenreibend fragten, ob sie nicht gerade ein paar verdächtig ungesunde Tritte gesehen hatten, da fielen alle Masken. Niemand reagierte. Keiner hatte das Wohl dieses einst herrlichen Pferdes im Sinn.

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Doch wie am Samstag nun bekannt wurde leidet Totilas an einem Knochenödem am hinteren linken Bein. Das habe eine Kernspintomographie in einer Tierklinik in Belgien ergeben, bestätigte der deutsche Mannschafts-Tierarzt Marc Koene. Es habe sich Flüssigkeit im Knochen gebildet. Wie lange das 15 Jahre alte Pferd ausfällt, ließ Koene offen. Die Verletzung könne zu einer Pause von mehreren Wochen, mehreren Monaten oder sogar zum Karriereende führen.

Das interessierte am Donnerstag noch niemanden: Den Reiter Matthias Rath nicht, seine Familie und seine Entourage nicht, und sein Trainer oder die Vertreter des deutschen Verbandes auch nicht. Alles, was sie wollten, war eine Goldmedaille. Die deutsche Mannschaft sollte bei den Europameisterschaften in Aachen ihren Titel erfolgreich verteidigen. Und Totilas, der 15 Jahre alte einstige Dressurkracher, sollte unbedingt die Spitzennote bringen, die dazu gebraucht wurde, koste es, was es wolle: viel Geld. Die Transparenz von Nominierungskriterien. Und die Glaubwürdigkeit des Verbandes, der Vorbild sein will im verantwortungsvollen Umgang mit dem Partner Pferd. Gut möglich, dass der Grand Prix von Aachen der letzte sportliche Auftritt des Pferdes war, mit dem sein früherer Reiter Edward Gal einst dreifacher Weltmeister wurde und alle Rekorde brach. Der letzte Eindruck in diesem Fall: ein trauriger.

Gravierende Taktstörungen

Als Totilas zu getragenen Klavierklängen durch das Viereck trabte und solch gravierende Taktstörungen aufwies, dass kein Fachmann mit geschultem Auge mehr ein Problem leugnen konnte, da wurde klar, wie viel Zynismus diesem Auftritt in Wahrheit zugrunde lag. Als er anhielt und der Reiter grüßte, schonte Totilas unwillkürlich die linke Hinterhand. Es ist anzunehmen, dass er Schmerzen hatte. Aber immer noch schienen alle Beteiligten unwissend. Und als die Note für die Vorstellung der beiden hinter den Erwartungen zurückblieb - die 75,971 Prozentpunkte reichten am Ende nicht für den Sieg, sondern nur für die Bronzemedaille -, da machten sie erstaunte Gesichter. In der Summe der Wertungen schlug sich das Problem deutlich nieder.

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Es ist die Geschichte vom Pferd und den drei Affen. Am Tag danach behauptete Klaus Röser, der Vorsitzende des Dressur-ausschusses im deutschen Verband, noch zu diesem Zeitpunkt habe keiner von ihnen bemerkt, dass Totilas ein Gesundheitsproblem hatte. Die deutsche Gruppe, darunter auch Bundestrainerin Monica Theodorescu und Rath-Trainer Sjef Janssen, habe ungünstig gestanden, sagte er. Der Reiter, der im Sattel eine Takt-Unreinheit als Erstes und sehr deutlich gemerkt haben müsste, riss zunächst jubelnd die Arme hoch, bevor er sein Unverständnis über die Benotung kundtat.

Seine Stiefmutter und Totilas-Mitbesitzerin Ann Kathrin Linsenhoff, reiche Erbin und als Mannschafts-Olympiasiegerin im Dressurreiten eine Fachfrau, herzte exaltiert jubelnd ihre Schwiegertochter und das Enkelkind. Rath nahm Gratulationen von deutschen Verbandsvertretern entgegen. Erst am Abend, behauptete Röser, beim Studium der Video-Aufnahmen, hätten sie bemerkt, dass Totilas an der linken Hinterhand ein Problem hatte. „Es ist nicht wegzudiskutieren.“ Die Ursache lasse sich nicht erklären. Eine genauere Untersuchung in einer Tierklinik folge. Ein weiterer Start bei der EM, die an diesem Samstag mit dem Grand Prix Special weitergeht, sei nicht mehr möglich. „Äußerlich ist keine Beeinträchtigung zu erkennen“, sagte er. „Ich würde gerne wissen, woran es gelegen hat.“

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Verwunderung ist fehl am Platze. Schon für die Nominierung waren die Verbandskriterien aufgeweicht worden. Dass das Pferd, für das Ann Kathrin Linsenhoff und Paul Schockemöhle vor knapp fünf Jahren angeblich zehn Millionen Euro bezahlt haben, gesundheitlich fragil ist, hatte sich mehrmals gezeigt. „Es war fast von Anfang an der Wurm drin“, sagte Schockemöhle dieser Zeitung am Telefon - er war zu Hause geblieben. Auch 2015 begann die Saison für Rath und seinen Hengst spät. Die erste EM-Sichtung, die deutschen Meisterschaften im Juni in Balve, wurden ausgelassen. Beim Turnier in Hagen im Juli absolvierten die beiden zwei Prüfungen erfolgreich, mit Fehlern, aber das Pferd schien fit. Eine echte Belastungsprobe hielten die Funktionäre allerdings nicht für notwendig, um Totilas für die EM zu nominieren.

Nicht genau hingeschaut: Klaus Röser und Ann Kathrin Linsenhoff
Nicht genau hingeschaut: Klaus Röser und Ann Kathrin Linsenhoff Bild: dpa

Woraus man nur einen Schluss ziehen kann: Ein erfolgreicher Grand Prix, ein ausreichender Beitrag zur Mannschafts-Entscheidung, hätte wohl gereicht. Für diese eine Prüfung, das schien sich abzuzeichnen, würde Totilas schon halten. Und dann? Dass Röser und seine Ausschusskollegen das Pferd ohne ausreichenden Belastungstest in die Mannschaft genommen haben, schien er am Freitag zu bereuen. „Wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer klüger“, sagte er. „Auch das werden wir intern besprechen und werden für die Zukunft zu einem anderen Ergebnis kommen.“

Dass Röser Geschäftsführer einer der Firmen von Totilas-Mitbesitzer Paul Schockemöhle ist, macht seine Rolle besonders pikant. Zumal er nach verschiedenen Totilas-Verletzungen in den vergangenen Jahren das Rathaus eigentlich schon gut kennen müsste. Doch klar ist: Die Goldmedaille, die Ann Kathrin Linsenhoff mit dem Millionenhengst zu kaufen glaubte, wird sie nicht bekommen. Als er zehn Jahre alt war und sie die „Sportrechte“ an dem Pferd erwarb, trug sein Körper offenbar schon die Spuren seines exaltierten Bewegungsspektrums in sich. Die Konsequenzen konnte niemand aufhalten. Die teuersten Tierärzte nicht. Und auch nicht der niederländische Spezialtrainer Sjef Janssen. Auch er konnte den Schwarzen nicht vergolden. Dafür donnerte er in Aachen mit einem Ferrari vom Platz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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