Reit-EM in Aachen

War es das, Totilas?

Von Evi Simeoni, Aachen
13.08.2015
, 20:11
Über diesen Auftritt von Totilas und Matthias Rath in Aachen wird noch lange diskutiert.
Verwirrte Zuschauer und Richter, die sich uneins sind: Der Auftritt von Dressurreiter Rath und Millionenhengst Totilas bei der Reit-EM dürfte noch viel Stoff für Diskussionen geben. Am Ende reicht es wieder nicht zu Gold für das deutsche Team.
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War es das, Totilas? Als der Kronberger Dressurreiter Matthias Rath und sein schwarzer Hengst ihren Grand Prix bei den Europameisterschaften in Aachen beendet hatten, sah man in verwirrte Gesichter. Was hatten die Leute da gesehen? Hatten sie eine standesgemäße Vorstellung mit ein bisschen viel Spannung gesehen, wie das Optimisten nach der einjährigen Verletzungspause des Promi-Paars erwartet hatten?

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Oder ließen die teils ungleichen Tritte der Hinterhand – und die Tatsache, dass Rath noch nicht einmal beim Einritt normalen Trab gezeigt hatte, die Gangart, in der man mit bloßem Auge am ehesten eine Lahmheit entdecken kann –, auf eine angeschlagene Gesundheit des 15 Jahre alten Rappen schließen?

Erst einmal auf die Note schauen, sagten sich die Zweifler, schließlich sitzen die sieben Richter am nächsten dran. Ergebnis: Mit 75,971 Prozentpunkten erhielten die beiden eine ungewohnt niedrige Zensur, auch wenn man die Fehler in den Einerwechseln berücksichtigt. Doch auch bei spitzfindigem Blick ließ sich kein eindeutiges Richter-Votum erkennen. Von Platz 3 bis 21 reichten die sieben Beurteilungen.

Ausgerechnet die deutsche Richterin Katrina Wüst setzte Rath und Totilas mit 72,9 Prozentpunkten weit nach hinten, Finnland und Dänemark gaben jeweils mehr als 80 Prozent. An dieser Marke fängt die Weltspitze an. Katrina Wüst sagte, sie habe durchaus die ungleichen Tritte gesehen und in ihre Bewertung einbezogen, aber sie habe ihn durchaus für fit genug für die Prüfung erachtet.

Grund zur Freude? Oder macht Rath nur gute Miene zum mäßigen Ritt?
Grund zur Freude? Oder macht Rath nur gute Miene zum mäßigen Ritt? Bild: AFP

Die Gesichter in der deutschen Delegation, die seit Monaten akribisch auf eine erfolgreiche Titelverteidigung hingearbeitet hatte, versteinerten. Das Gold wackelte. Vier Stunden später war es weg. Europameister wurden die Niederländer mit Edward Gal an der Spitze, dem einstigen Totilas-Reiter, jetzt auf dem Wallach Undercover (82,229 Prozentpunkte). Seriensiegerin Charlotte Dujardin führte Großbritannien mit Valegro (83,243) zu Silber.

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Kristina Bröring-Sprehe schaffte es nicht mehr, mit Desperados die Lage zu retten. Ihre 79,986 Prozentpunkte reichten nur noch zu Platz drei, zum Sieg fehlten deutlich mehr als vier Punkte. Am Mittwoch hatte Debütantin Jessica von Bredow-Werndl sich mit Unée gut geschlagen (75,200), Isabell Werth hätte für ihre Vorstellung mit Don Johnson von den Richtern mehr erwartet als 74,900 Prozentpunkte, womit sie das Streichresultat lieferte. Für die Deutschen also durch die ganze Bahn eine Enttäuschung.

Scheint nicht ganz zufrieden zu sein: Rath wird von seiner Stiefmutter getröstet
Scheint nicht ganz zufrieden zu sein: Rath wird von seiner Stiefmutter getröstet Bild: dpa

Schon vor dem Auftritt von Totilas hatte es Gerüchte gegeben, das Pferd, hinter dem eine lange Krankengeschichte liegt, habe Probleme mit der linken Hinterhand. Beim tierärztlichen Check am Dienstag fiel die Entscheidung, dass Totilas gesund genug für eine EM sei, nicht einstimmig aus. Einer der beiden Tierärzte plädierte für eine Nachuntersuchung, wurde aber vom weiteren Tierarzt und zwei Jury-Mitgliedern überstimmt.

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Katrina Wüst, Präsidentin des Richtergremiums, hätte ohnehin das letzte Wort gehabt. „Ich sollte das Pferd ja nicht kaufen“, sagte sie, „sondern nur beurteilen, ob es fit to compete ist.“ Auch die ungleichen Tritte in der Prüfung, besonders erkennbar in den Trabverstärkungen, wurden von der Jury nicht als schlimm genug erachtet, um wegen Lahmheit des Pferdes abzuläuten, wie das dem Chefrichter obliegen würde.

Dieses Amt hatte aber auch der Niederländer Eduard de Wolff van Westerrode inne, dem man leicht hätte Befangenheit unterstellen können. Von seinem Standort aus in der Mitte der kurzen Seite hatte er zudem nicht den besten Blick auf die kritischen Stellen. Der grenzwertige Auftritt von Rath und Totilas am schwülen Donnerstagnachmittag dürfte viel Stoff für Diskussionen geben, bis hin zu der Frage, wie viele Opfer von einem Tier um des Erfolges willen eigentlich gefordert werden dürfen.

Rath kündigte an, er wolle am Samstag im Grand Prix Special noch einmal mit Totilas antreten, wenn es um Einzelmedaillen geht. Trotz der kontroversen Noten der Richter in ihren Häuschen: „Die sitzen da drin und haben vielleicht etwas gesehen, das ihnen nicht gefallen hat“, sagte er. Allerdings wolle er zuvor mit dem Tierarzt prüfen, ob sein Pferd überhaupt starten kann.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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