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Ringer Frank Stäbler

Weltmeister im Kuhstall

Von Daniel Meuren
Aktualisiert am 23.05.2018
 - 07:53
Traktor ist im Griechisch-Römisch ein durchaus denkbarer Spitzname: Frank Stäbler (blaues Trikot) ringt mit seinem iranischen Trainingspartner Mohammad Papi zur Bildergalerie
Der bizarre Streit um Ringer-Weltmeister Frank Stäbler geht weiter. Da der TSV Musberg seinem prominentesten Mitglied die Nutzung der Sporthalle erschwert, trainiert der Weltmeister nun dort, wo er als Kind Kühe herumgeschoben hat.

Die Heuballen sind Kulisse für die Fotografen. Die Traktoren aber stehen an ihren Stammplätzen, dort wo bis vor nicht einmal zehn Jahren 110 Kühe ihren Platz hatten. Jetzt aber liegt eine zwölf mal zwölf Meter große Ringermatte im ehemaligen Kuhstall, in dem Frank Stäbler nun trainiert. Noch hat er Traktor oder Heuballen nicht in sein Krafttraining eingebaut, aber Ideen dürfte der pfiffige zweifache Weltmeister im griechisch-römischen Stil schon im Kopf haben, zumal Traktor im Griechisch-Römisch, wo aufgrund der Beschränkung auf den Oberkörper als Angriffsfläche viel geschoben und gezogen wird auf der Matte, als Spitzname durchaus voller Ehrfurcht verwendet wird. Denn eine seine Stärken auf dem Weg zu seinen bisherigen Erfolgen war es stets, gemeinsam mit seinem Trainer Andreas Stäbler, nicht verwandt oder verschwägert, aus einer Not eine Tugend zu machen. „Probleme sind da, um gelöst zu werden“, lautet sein Credo.

Auf der Matte hat der zweifache Weltmeister das am spektakulärsten bei seinem ersten EM-Triumph 2012 umgesetzt, als er seinen Finalgegner damals in den Schlusssekunden mit dem sogenannten Eichhörnchen überraschte, einem Sprung über den gegnerischen Kopf hinweg auf dessen Rücken, um dann mit einer Wurftechnik die siegbringenden Punkte zu erringen. Und so geht Stäbler nun auch mit der neuen Situation um, die ihn vor Probleme auf dem Weg zur WM im Oktober und den Olympischen Spielen 2020 stellt.

Er muss dieser Tage morgens bei 16 Grad trainieren, weil er genug hat von den Streitereien mit dem TSV Musberg, der fast seit Geburt sein Verein war und es nun seit der Abspaltung der Ringer in den KSV Musberg nur noch immer aufgrund der Formalie der Mitgliedschaft ist. Der Verein hat sein prominentestes Mitglied nun aber aus dem Ringerraum in der Hauberghalle zumindest teilweise ausgesperrt, nur er und die Kinder dürfen überhaupt ausnahmsweise anders als die anderen zum neugegründeten KSV abgewanderten Sportler noch in den Raum. Stäbler darf nur noch vor 16 Uhr und nach 20 Uhr mit höchstens zwei Trainingspartnern in den Ringerraum, also zu Zeiten, in denen die anders als der von der Bundeswehr geförderte Vollprofi Stäbler berufstätigen Ringerkollegen eher nicht zur Verfügung stehen.

Das Problem lässt sich mit keiner Ringertechnik und auch keinem Überraschungsangriff lösen. Stattdessen sind die Fronten erstaunlich verhärtet in einem Ort einer recht überschaubaren Größe von 5500 Einwohnern, in dem die Sporthalle oder zumindest der Ringerraum schon jetzt den Namen des erfolgreichsten Sportlers der Ortsgeschichte tragen könnte. Stäbler lebt schließlich seit seiner Geburt vor 29 Jahren in Musberg, seit dem vierten Lebensjahr ringt er im TSV, dem Ringerraum blieb er trotz besserer Möglichkeiten an Olympiastützpunkten wie in der Ringerhochburg Schifferstadt als Trainingsstätte immer treu aus Heimatverbundenheit und dem Wunsch nach einem vertrauten Umfeld samt seinem nicht verwandten Heimtrainer Andreas Stäbler.

Vorstand muss sich für Vorwürfe entschuldigen

In Musberg ticken die Uhren aber anders, nicht nur weil der Vorsitzende Joachim Beckmann für seinen Verein „Personenkult“ grundsätzlich ausschließt. Und so tobt seit vielen Jahren ein Streit zwischen dem Vorstand des TSV und den Ringern, der seinen Anfang nahm mit den sportlichen Erfolgen der Abteilung bis hin zum Bundesligaaufstieg im Jahr 2010 und den ersten Erfolgen Frank Stäblers. Der Vorsitzende Joachim Beckmann beruft sich dabei auf die Verantwortung der Vereinsführung gegenüber den 2200 Mitgliedern des Mehrspartenvereins und wirft den Ringern finanzielle Unregelmäßigkeiten in der Vergangenheit vor. „Ich bin bei meiner Prüfung damals auf Sachen gestoßen, die kreativ bis manipulativ waren“, sagt Beckmann.

Im Januar musste sich der TSV-Vorstand allerdings für in einem Schreiben geäußerte Vorwürfe der Steuerhinterziehung in der Ringerabteilung nach Androhung einer Strafanzeige entschuldigen. Tatsächlich legt ein dieser Zeitung vorliegendes Schreiben eines damals für eben diese steuerlichen Belange zuständiges Ausschussmitglied der Ringerabteilung nahe, dass Beckmanns Vorwürfe deutlich überzogen sind. Der bis zum Renteneintritt unter anderem als Partner bei PWC tätige Walter Schuldt, in Jugendtagen selbst als Ringer im TSV aktiv, attestiert den Ringern bis auf geringfügige steuerliche Fehler vor seiner Amtszeit einwandfreie Haushaltsführung gerade auch im Umgang mit den komplizierten Entlohnungen ausländischer Ringer und Versicherungsfragen. Beckmann kündigt nun an, im Juni mit „Beweisen aus Vereinsordnern“ in die Offensive gehen zu wollen.

Handschlag verweigert

Stäbler bezeichnet diese „Schmutzkampagne“ ebenso als willkürliche Schikane wie viele andere Vorfälle in den vergangenen Jahren. Mal ging es darum, dass der TSV und Beckmann seiner Mutter die Akquise privater Kleinsponsoren für einen „Frank-Stäbler-Club“ untersagte. Ein andermal um das Abhängen eines Plakats, mit dem die Ringer ihren Europameister nach dessen Titelgewinn empfangen hatten. Und schließlich wirft Stäbler dem Vereinsvorsitzenden vor, dass er ausgerechnet im Abschlusstraining vor der WM 2015 Stäbler mit dem Abschleppen des vor der Halle geparkten Autos zu stören versucht habe. Beckmann widerspricht und behauptet, niemals das Veranlassen eines Abschleppens auch nur in Erwägung gezogen zu haben, sondern immer wiederkehrend auf eine größere Parkdisziplin bei allen Sportlern aller Abteilungen gedrängt habe, und „eben auch vom Ringerweltmeister erwarten dürfe, dass er 50 Meter von einem großen Parkplatz zur Halle laufen könne“.

Der Streit eskalierte endgültig, als Stäbler 2015 bei einem Empfang nach seinem ersten Weltmeistertitel die Gratulation Beckmanns vor laufenden Fernsehkameras verweigerte. „Ich habe ein Zitat gelesen vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln: ,Gib einem Menschen Macht und du wirst seinen wahren Charakter kennenlernen.‘ Und wir lernen nun alle mehr und mehr den Charakter von Dr. Beckmann kennen“, sagt Stäbler.

„Abkochen“ mit Ringer Stäbler
Der Kampf vor dem Kampf

Wenngleich Beckmann betont, dass der Verein weiter zur Sportart Ringen stehe und die Türen für eine Rückkehr der Ringer weiter offen seien, so mag ein Detail zeigen, wie unversöhnlich verhärtet die Fronten sind. Beckmann rüttelt sogar an dem für die Sache unerheblichen Detail, dass Stäblers neue Trainingsstätte tatsächlich einmal die Heimat von Kühen war. „Das war immer eine Lagerhalle, da standen nie Kühe“, behauptet Beckmann. Stäbler sagt im Scherz, dass er durchaus noch wisse, wo er „für erste ringerische Kraftübungen die Kühe hin- und hergeschoben“ habe. Erst seit sein Vater die Viehzucht Anfang des Jahrzehnts aufgegeben habe, diene die Halle als Lagerhalle.

In zwei Monaten werde sie nun für die Getreideernte auch wieder als solche benötigt. Es bleibt zu hoffen, dass Stäbler bis dahin eine Lösung findet und im Kampf um seine Titelverteidigung nicht die Flinte ins Korn werfen muss.

Ringen im Selbstversuch
Am Boden und in der Luft
© Wonge Bergmann, FAZ.NET
Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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