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Siegertypen 2015: Frank Stäbler

Weltmeister im falschen Land

Von Daniel Meuren, Mainz/Musberg
 - 19:15
Am Ziel der Träume: Frank Stäbler wird Weltmeisterzur Bildergalerie

Ein Kampfabend in der Ringer-Bundesliga Anfang Dezember. Frank Stäbler ist angereist mit dem ASV Nendingen. Der deutsche Mannschaftsmeister wird den Gastgeber ASV Mainz 88 souverän schlagen wie eigentlich alle Gegner, die der Krösus im deutschen Ringen derzeit dominiert. Der 26 Jahre alte Schwabe bereitet sich auf sein Duell mit dem Mainzer Ungarn Balint Korpasi vor, er gewinnt den Kampf nach zähem Ringen - wie jeden Kampf seit dem 7. September, dem Tag, der sein Leben verändert hat. Erstmals nach 21 Jahren der Erfolglosigkeit bestieg wieder ein deutscher Ringer das oberste Treppchen bei einer Weltmeisterschaft. Stäbler wurde nach einem 5:1-Sieg gegen den Südkoreaner Ryu Han-su Weltmeister in der Klasse bis 66 Kilogramm im griechisch-römischen Stil.

„Ein Traum ist wahr geworden“, sagt Stäbler. Die leidgeplagte deutsche Ringerszene atmete auf. Endlich konnte wieder einer der ihren den Ringernationen vom Kaukasus, den starken Russen, Türken, Iranern, Kubanern und Amerikanern trotzen, wie es einst zu Zeiten der deutschen Ringerlegenden Wilfried Dietrich, des „Krans von Schifferstadt“, oder Pasquale Passarelli, der „Brücke von Los Angeles“, oder Weltklasseathleten wie Maik Bullmann und Alexander Leipold üblich war.

Kampf um Anerkennung

In Mainz aber will kaum eines der zahlreichen Kinder am Mattenrand ein Autogramm. Stäbler, ein positiv denkender, sympathischer, offener Vorzeigesportler, immer ein Lächeln im Gesicht, wärmt sich fast unbeachtet auf. Am Ende seines engen Kampfs gegen den Mainzer Publikumsliebling Korpasi muss der derzeit einzige deutsche Weltklasseringer gar Pfiffe über sich ergehen lassen, weil die Zuschauer ihm zu große Passivität vorwerfen. Er bringt den Sieg beim Endstand von 2:2 nur dank der höheren Wertung über die Zeit. „Ich bin seit der WM eigentlich in einem körperlichen Loch, ich habe auch eine lädierte Rippe, gegen starke Gegner wie Korpasi kann ich mich derzeit nur mit Willen behaupten, weil ich meine Reputation als ungeschlagener Weltmeister verteidigen will“, sagt Stäbler, der in der Bundesliga aufs kräftezehrende „Gewichtmachen“ verzichtet, eine tagelange Tortur ohne feste Nahrung und am Ende gar ohne Flüssigkeitszufuhr.

Frank Stäbler
Zähes Ringen – der Alltag eines Weltmeisters
© Daniel Meuren, Daniel Meuren

Deshalb tritt er national eine Gewichtsklasse höher bis 75 Kilogramm an und findet entsprechend robuster gebaute Gegner vor. Die Pfiffe der Fans schmerzen deshalb umso mehr. Denn Stäbler würde gerne mehr Anerkennung bekommen. Stattdessen zieht in Mainz ein Mannschaftskamerad die Blicke auf sich, der an diesem Tag gar nicht gerungen hat.

Der Kubaner Mijain Lopez, zweifacher Olympiasieger und vierfacher Weltmeister in der Klasse bis 130 Kilogramm, ist aus taktischen Gründen zum Zuschauen verurteilt. Trotzdem umschwärmen ihn kleine und große Ringerfans, wollen ein gemeinsames Foto, ein Autogramm, ihm voller Bewunderung an die muskelbepackten Arme greifen. „Er ist eben eine Gestalt, eine Legende“, tröstet sich Stäbler. „Aber dafür hat Lopez mich heute vor dem Kampf um ein Foto gebeten. Das hat mich geehrt.“

Draußen, in der großen Welt der Spitzenringer, ist Stäbler respektiert. Kürzlich wurde er nach einem Sieg beim renommierten Grand-Prix-Finale in Baku von Dutzenden Aserbaidschanern umringt, Kinder rissen ihm Autogrammkarten aus der Hand und fast das T-Shirt vom Leib, weil sie ein Souvenir ergattern wollten. Die Superstars und Olympiasieger der Szene haben den Deutschen in ihre Reihen aufgenommen. Vor allem Stäblers Erfolgen ist es zu verdanken, dass die Osteuropäer die Deutschen für gemeinsame Trainingslager anfragen. Sie interessiert, wie die Ringer-Exoten mit ihren begrenzten Möglichkeiten wieder den Anschluss an die Weltspitze in der urolympischen Sportart gefunden haben.

Sie wollen wissen, warum die Deutschen mit ihrer Betonung des Teamgeists selbst unter Konkurrenten derselben Gewichtsklassen Leistungsentwicklungen bewerkstelligt haben. Stäbler hatte einst selbst den Hashtag #GoldeneGeneration in der Kommunikation innerhalb der Whatsapp-Gruppe der Individualsportler seiner Altersgruppe erfunden. „Wir werden wieder ernst genommen“, sagt er. In der Nationenwertung der WM in Las Vegas landeten die deutschen „Grecos“ auf Rang fünf. Das belegt die Entwicklung auch in der Breite bei jenen Ringern, denen die Regeln den Beineinsatz im Kampf untersagen, die „aufrecht kämpfen und nicht gebückt“ wie die Freistilspezialisten, wie es Stäbler „schelmisch“ sagt.

Im Freistil, wo der Griff zum Bein oder das Aushebeln mit dem Fuß gestattet sind, geht es ein bisschen langsamer voran, aber auch dort gibt es Hoffnung. Doch in Deutschland reicht das alles nur für die ein oder andere Meldung in den Medien, bei der Wahl zu Deutschlands Sportler des Jahres wird er nur Zwölfter, Stäbler hatte nach dem WM-Sieg ein paar kleine Auftritte im Fernsehen.

Auf der kleinen Bühne

Nebenschauplätze, wie auch an einem Freitagnachmittag im November in einer Stuttgarter Messehalle: Auf einer Verbraucherschau präsentiert sich Stäblers Heimatgemeinde Leinfelden-Echterdingen, mit ihrer „Wirtschaftsoase“ preist sie die Vorzüge des Standorts im Stuttgarter Speckgürtel an. In der riesengroßen Messehalle sitzt der Weltmeister auf einer kleinen Bühne in der Ecke, der Moderator befragt ihn sympathisch nach seinem Werdegang, und es hören rund 30 Passanten den launigen Erzählungen zu, darunter ein Dutzend Freunde, die Eltern, die Freundin. Anschließend moderiert der stets so positiv eingestellte Weltmeister eine Einlage von zwei Nachwuchsringern aus seinem Heimatverein TSV Musberg. Robin Bauer und Julian Kellermann zeigen Grundtechniken, und die Passanten schauen erstaunt.

Ringer sind im Fußballland Deutschland nicht nur auf Verbrauchermessen Exoten. Wenn sie sich ein paar Euro dazuverdienen wollen, müssen sie solche Gelegenheiten nutzen. „Mein Manager sagt mir immer wieder, dass es zehnmal einfacher ist, für einen durchschnittlichen Fußballer 100.000 Euro rauszuholen als für einen Ringer wie mich mal 10.000 von einem Sponsor“, sagt Stäbler. „Natürlich denkt man immer mal wieder, wie es in einer Ringernation wäre. In Aserbaidschan wäre ich Millionär, ein Nationalheld. Aber mir war immer bewusst, dass ich mit Ringen nicht reich werde. Ich habe das Ziel, dass ich innerer Millionär werde.“

Streit mit dem Vereinsvorsitzenden

Diesen Begriff hat er mit seinem Trainer geprägt. Das Duo glauben daran, dass Stäblers Persönlichkeit von der Fron für den Sport in unbezahlbarer Weise profitiert. Und dennoch ist er irgendwie ein Weltmeister im falschen Land, schon im Alltag hat er zu kämpfen. Seit einiger Zeit tobt ein absurder Kleinkrieg in seinem Heimatverein TSV Musberg. Der Zwist wurde öffentlich, nachdem sich Stäbler bei der Ehrung nach der Rückkehr aus Las Vegas weigerte, die Gratulation des Vereinsvorsitzenden Joachim Beckmann anzunehmen. Beckmann hatte Stäbler in den vergangenen Jahren immer wieder verärgert. So mussten die Ringer ein Transparent mit einem Foto von Stäblers EM-Sieg von 2012 über dem Eingang zum Ringerraum in der örtlichen Sporthalle abhängen.

Die Begründung: Man wolle keinen Personenkult betreiben. „Das ist rational nicht erklärbar“, sagt Heimtrainer Andreas Stäbler, nicht verwandt oder verschwägert, aber seit Kindesbeinen der Förderer. „In anderen Nationen käme der Staatspräsident zu Besuch, wir müssen im Ort um Anerkennung kämpfen.“ Beckmann wiederum sagt, dass Heimtrainer Stäbler nicht gesprächsbereit sei.

Für den heimatverbundenen Ringer ist das ein absurdes Ärgernis: Stäbler startet international noch immer für Musberg, obwohl er sein Startrecht für eine stolze Summe „verkaufen“ könnte. Dennoch erschien das erste Vereinsmagazin nach dem WM-Triumph mit dem Konterfei einer Senioren-Gymnastin auf dem Titel statt mit dem des größten sportlichen Sohns des Klubs. Nach der teilweisen Abspaltung des Ringer-Abteilung droht nun gar die Eskalation: Beckmann droht mit dem Entzug von Trainingszeiten in dem Raum, der den Ringern bislang rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Betroffen davon wäre vor allem der Ausnahmeringer in seiner Olympiavorbereitung. Denn der höchst zweckmäßige, keineswegs luxuriöse 100-Quadratmeter-Raum mit einer großen Ringermatte in der einen Hälfte und einigen Kraftmaschinen ist sein „Wohnzimmer“, wie er sagt. Hier hat er mit vier Jahren erstmals Kontakt zum Ringen aufgenommen, weil das Kinderturnen im Nebenraum überfüllt war und Mutter Michaela ihre beiden Söhne Stefan und Frank deshalb in den Ringer-Kindergarten schickte. Der Raum ist zur Keimzelle eines ungewöhnlichen Wegs an die Weltspitze geworden. „Das ist im Ringen nicht mehr vorgesehen, dass es einer aus einem kleinen Dorf an die Spitze schafft, dass ein Westeuropäer einen Titel gewinnen kann“, sagt Stäbler.

Das System Stäbler funktioniert

Es sind dabei nicht nur Rahmenbedingungen wie der laxere Umgang mit Doping-Kontrollen in einigen Ländern oder die bessere Lobby der Osteuropäer bei den Kampfrichtern. In den großen Ringernationen gibt es zudem beste Trainingsbedingungen für die Athleten. Sie arbeiten in Elite-Einrichtungen unter Profibedingungen. „Deren System funktioniert ganz einfach: Du hast 50 Talente, wenn die Hälfte mit dem System nicht zurechtkommt, hast du immer noch 25, von denen dann schon genug an die Spitze durchkommen. Wir müssen mit unseren extrem wenigen Talenten viel sorgsamer umgehen“, sagt Andreas Stäbler.

Für seinen Schützling hat er gemeinsam mit dem Ringerbund eine Insellösung geschaffen, die für einen Typen wie Stäbler passt. „Als ich in der Jugend Erfolge sammelte, Kadetten-Europameister wurde und nach Mittlerer Reife und Ausbildung zum Bürokaufmann beim Landessportbund die Entscheidung für den Leistungssport endgültig anstand, lief eigentlich alles auf einen Wechsel an den Olympiastützpunkt in Schifferstadt hinaus“, sagt Stäbler. Er hätte sich dann bei der Bundeswehr verpflichten müssen. Seine Freundin hatte sogar schon zugesichert, mit umziehen zu wollen. „Aber ich bin sehr heimatverbunden, ich brauche meine Familie und mein soziales Umfeld. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich ohne das alles hätte vorankommen können.“

Zudem kam der Sportler mit seinem Umfeld zu dem Schluss, dass er für sein Wohlbefinden und seine persönliche Zukunft auch beruflich Fuß fassen wolle. Sein Trainer öffnete durch private Kontakte Türen, Stäbler kam bei dem IT-Consulting-Unternehmen Novatec mit 200 Mitarbeitern aus der Heimatgemeinde Leinfelden-Echterdingen unter. Dort wurde er zum Fachinformatiker ausgebildet. In dualer Karriere ging es an die Weltspitze, neben dem Sport arbeitet er 30 Stunden in der Woche in seinem Büro.

Stäbler droht nicht die berufliche Sackgasse nach dem Ende der Geldflüsse beispielsweise von der Deutschen Sporthilfe. „Wir schaffen ihm als Unternehmen Freiräume beispielsweise für Trainingslager, weil wir gemerkt haben, dass der Frank seine Aufgaben hier trotz des Leistungssports beherrscht und sein Soll erfüllt“, sagt Geschäftsführer Hans-Dieter Brenner. „Zudem trägt er sein Leistungssportlerdenken in die Firma. Das motiviert auch seine Kollegen.“

Ringen im Selbstversuch
Am Boden und in der Luft
© Wonge Bergmann, FAZ.NET

Heimtrainer Stäbler glaubt, dass der mündige Athlet, der noch ein anderes Standbein im Leben hat, im entscheidenden Moment im Vorteil ist gegenüber dem Profiringer. „Der Superstar aus einer Ringernation kämpft irgendwann nur noch für seinen Status oder das Geld, der Frank tut das für sich, sein Umfeld und den Sport. Das kitzelt in Grenzsituationen ein paar Prozent raus.“ Zudem ist Stäbler vielleicht auch wegen des gedanklichen Eigenanteils am eigenen Training zu dem Strategen gereift, der er auf der Matte ist. Gerade im „Greco“, wo es bei den taktischen Spielchen unter gleichwertigen Gegnern mehr noch als im Freistil auf Nuancen in der strategischen Kampfführung ankommt, ist das besonders wichtig. Oft gewinnt nicht der Stärkere oder technisch bessere Ringer, sondern der klügere.

Weil Stäbler diese Eigenständigkeit mitbringt, setzt sich auch Jannis Zamanduridis, Sportdirektor des Deutschen Ringer-Bunds, für das „System Stäbler“ ein, obwohl es ein wenig den Sinn der Sportfördergruppe in Schifferstadt in Frage stellt, die für den Sport so existentiell schien. „Frank trägt in diesem Konzept selbst viel Eigenverantwortung, er ist ein mündiger Athlet, der sein Training mitbestimmt und mitdenken muss“, sagt Zamanduridis. „Wenn einer am Olympiastützpunkt diese Reife erwirbt, denken wir auch über individuelle Wege nach.“ Stäbler zahlt mit seinen Erfolgen für das Vertrauen zurück.

Der weite Weg aus dem Schatten

Aus dem Schatten, in dem das Ringen steht, ist es freilich auch jetzt noch ein weiter Weg. Vermutlich reicht dafür noch nicht mal ein Olympiasieg, den Stäbler in Rio anstrebt. Für diesen Tag im August quält er sich, dafür wird er bis zum Wiegen um 18 Uhr am Vorabend seines Kampftags am 14. August wieder tagelang schwitzen und bis an die Grenze zur Besinnungslosigkeit fasten, er wird sich womöglich zur Waage führen lassen müssen, weil die Kraft des ausgezehrten Körpers kaum ausreicht für diesen Gang. All das ist aber nicht genug.

Für den Platz an der Sonne in der öffentlichen Wahrnehmung müsste er wohl zudem eine spektakuläre Aktion zeigen wie einst die Legenden Dietrich und Passarelli oder eben wie Stäbler selbst vor drei Jahren bei seinem EM-Sieg. In den letzten Sekunden des Kampfs überrumpelte er mit einem „Eichhörnchensprung“ seinen Gegner. Stäbler hüpfte auf dessen Rücken, um ihn dann aus dem Gleichgewicht zu bringen. Bemerkt haben damals fast nur Insider die kuriose Aktion. Eine solche Technik im olympischen Finale würde eine andere Resonanz bringen, das „Eichhörnchen“ würde sich im kollektiven Gedächtnis neben „Kran“ und „Brücke“ einreihen. Zumindest bei Bundesliga-Kämpfen würde Stäblers Autogramm dann im Wert steigen.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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