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Olympiasieger Passarelli

Raus aus der gefährlichen Lage

Von Daniel Meuren, Frankenthal
 - 16:29

Im berühmtesten Kampf seines Ringerlebens befand sich Pasquale Passarelli einmal fast anderthalb Minuten lang am Rande einer Niederlage. Er wendete sie ab. Im Finale des olympischen Ringerturniers von Los Angeles 1984 sicherte er sich in den letzten 90 Sekunden seines Kampfs gegen den Japaner Masaki Eto Gold, weil er sich mit allerletzter Kraft gegen die drohende Schulterniederlage wehrte. Passarelli hielt in der 57-Kilogramm-Klasse im Griechisch-Römischen Stil unter heftigstem gegnerischem Druck und größten Schmerzen vor allem im eingequetschten rechten Arm die Brücke, wie die verzweifelte Abwehraktion in der Ringer-Sprache heißt.

Dabei versucht ein Ringer in der sogenannten gefährlichen Lage, eine Berührung der Schultern mit dem Boden zu verhindern, vor allem die Nackenmuskulatur wird dabei extrem beansprucht. Passarelli stand die Qual durch, musste nach dem Schlussgong vor Erschöpfung von seinen Trainern vom Boden aufgehoben werden und klagte noch Tage danach über Lähmungserscheinungen im eingequetschten Arm.

Durch die Brücke von Los Angeles verewigte sich Passarelli im kollektiven Sportgedächtnis der Bundesrepublik und wurde zur zweiten Ikone im deutschen Ringen neben Wilfried Dietrich, dem ehrfurchtsvoll mit dem Ehrennamen „Kran von Schifferstadt“ gewürdigten Olympiasieger. Die Strapaze, die der mittlerweile 61 Jahre alte, mit seinen Eltern Anfang der 60er Jahre aus Italien eingewanderte und in Ludwigshafen aufgewachsene Passarelli in den vergangenen Monaten zu überstehen hatte, war im Vergleich dazu vermutlich deutlich weniger schmerzhaft, aber langwieriger.

Von April bis Dezember vergangenen Jahres saß er in Untersuchungshaft, von Oktober bis zu diesem Freitag musste er sich vor dem Landgericht Frankenthal wegen des Vorwurfs des bandenmäßigen Drogenanbaus und -handels verantworten. Passarelli soll zwei Freunden geholfen haben bei ihren illegalen Geschäften. Die Staatsanwaltschaft hatte vor zehn Tagen für diese Vergehen wegen bandenmäßig betriebenen Drogenhandels vier Jahre und acht Monate Haft beantragt.

Richter sah nur Freundschaftsdienste

Richter Karsten Sauermilch sah nun in seinem Urteil als erwiesen an, dass es sich nicht um eine Bande gehandelt habe und Passarelli wie seine Komplizen kein Schwerkrimineller sei. Er verurteilte ihn zu einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung. Passarelli ist also vorbehaltlich einer Revision raus aus der gefährlichen Lage, dieses Mal ohne Brücke. Passarelli hat also nun Gelegenheit, in Freiheit seinen durch den Prozess und die Untersuchungshaft ramponierten Ruf wieder zu polieren.

In seiner Urteilsbegründung trug Sauermilch zur Entlastung Passarellis vor, dass er lediglich Freundschaftsdienste geleistet habe. Demnach habe der frühere Ringer aus Verbundenheit zu seinem langjährigen Freund Stefano I. dessen schwer kranken Kumpanen Mile R. gepflegt und beispielsweise für ihn Einkäufe erledigt oder den Hund „Gassi“ geführt.

R. konnte nach Ausführung des Richters keinen Pflegedienst in Anspruch nehmen, da sonst der professionell mit einer von I. finanzierten Filtermaschine, Zeitschaltuhren und Infrarotbeleuchtung durchgeführte Anbau der Marihuana-Pflanzen in dessen Haus im badischen Östringen aufgeflogen wäre. Eine an 96 Tagen durchgeführte Observierung des Hauses habe keine Hinweise ergeben, dass Passarelli ins eigentliche Drogengeschäft verwickelt gewesen sei.

„Passarelli mag sogar Handel mit Betäubungsmitteln innerlich abgelehnt haben. Aber er musste trotzdem wissen, um was es geht und hat das gebilligt“, sagte Sauermilch. Da er nach Ansicht des Gerichts zudem einmal als Bote fungiert habe bei einem Verkauf von 1,3 Kilogramm Marihuana, kam das Strafmaß von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung zustande. Die Bewährungszeit ist auf zwei Jahre angesetzt.

Entlastend kam zu guter Letzt hinzu, dass das Drogengeschäft aufgeflogen war, ehe die Haupternte von 16 Kilogramm Marihuana überhaupt in den Verkauf gehen konnte. Die Mitangeklagten kamen mit Strafen von vier Jahren sowie vier Jahren und sechs Monaten ebenfalls recht glimpflich davon.

Passarelli verließ den Saal schweigend, wie schon im gesamten Prozess wollte er sich nun auch gegenüber Journalisten nicht äußern. Von seinem Freund Stefano I., der wegen Haftverschonung aus gesundheitlichen Gründen nicht ins Gefängnis zurückkehren muss, verabschiedete er sich mit einem Bruderkuss.

Verteidiger fordert Freispruch

Der Richter ermahnte über seine formale Urteilsbegündung hinaus in seinen Ausführungen den Hauptangeklagten I., dass er seinen Freund Passarelli in die Sache hineingezogen habe, obwohl er habe ahnen müssen, dass er aufgrund seiner Prominenz im Falle eines Auffliegens öffentlich unter dem Prozess zu leiden habe. Tatsächlich ist Passarellis Ruf eines Olympiasiegers beschädigt.

Auch deshalb will Rechtsanwalt Roman Schweitzer seinem Mandanten raten, trotz des vermeintlich glimpflichen und bei entsprechend gesetzestreuem Verhalten nach Ablauf einer zweijährigen Bewährungszeit folgenlosen Strafe eine Revision zu beantragen. „Er ist sich keiner Tat bewusst, warum sollte er dann eine Strafe akzeptieren. Das werde ich ihm raten“, sagte Schweitzer und er fügte hinzu: „Bislang hat sich Passarelli immer meinem Ratschlag gebeugt.“ Anders also als einst in der Brücke von Los Angeles seinem Gegner.

Quelle: FAZ.NET
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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