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Ringer-Weltmeister Stäbler

Der Kampf nach dem Kampf

Von Daniel Meuren, Heilbronn
 - 16:57
Spektakulärste Aktion des Abends: Frank Stäbler wirbelt seinen Mainzer Gegner Ruhullah Gürler durch die Luft.

Frank Stäbler ist noch außer Atem, das Handtuch hängt um seinen Hals, immer wieder wischt er sich Schweißperlen aus dem Gesicht. Eigentlich hätte er sich ein Durchschnaufen verdient. Soeben hat er im letzten Duell des Halbfinal-Hinkampfs um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft mit einem 14:0-Sieg gegen Ruhullah Gürler seinem Team der Red Devils Heilbronn gegen den Herausforderer ASV Mainz 88 weitere drei Mannschaftspunkte gesichert. Der dreifache Weltmeister im griechisch-römischen Stil sorgte damit für den 15:10-Endstand, der den leicht favorisierten Schwaben einen beruhigenden Vorsprung mit auf den Weg zum Rückkampf am kommenden Samstag in Mainz gibt.

Stäbler löste seine Aufgabe gegen einen talentierten deutschen Nachwuchsmann Gürler, mit dem er beispielsweise bei der deutschen Meisterschaft vor einem Jahr einige Probleme hatte und sich dabei sogar einen Nasenbeinbruch zugezogen hatte, mit Bravour.
Doch der 29 Jahre alte Stäbler bekommt nach dem Schlussgong keine Ruhe. Autogrammjäger umlagern das Aushängeschild des deutschen Ringens. Dutzende Kinder und Jugendliche wollen den Schriftzug ihres ringenden Idols im Programmheft, auf einer Autogrammkarte oder einem T-Shirt haben, Stäbler schreibt entkräftet und ausgelaugt geduldig seinen Namenszug. Die wachsende Begeisterung im Ringernachwuchs muss schließlich gepflegt werden. „Das ist noch härter als der Kampf“, scherzt Stäbler. „Aber ich mache das gerne, wenn ich die Kinder sehe, ich sehe das auch als Verpflichtung an. Als ich ein kleiner Ringer war, da saß ich bei mir in Musberg am Mattenrand und habe bei Oberligakämpfen die großen Männer bestaunt. Ich weiß heute noch, wie dankbar und glücklich ich war, wenn mir dann mal einer zugezwinkert oder mich abgeklatscht hat.“

Botschafter seines Sports

Der 29 Jahre alte Schwabe spricht gerne davon, dass er neben seinen sportlichen Ambitionen auch das Ringen voranbringen möchte in Deutschland, wo die olympische Traditionssportart ein Schattendasein fristet. Er versteht sich mit seinem offenen Wesen selbst bei in der Ringerszene umstrittenen Auftritten wie vor zwei Jahren bei Promi-Big-Brother stets auch als ein Botschafter seines in Deutschland anders als in den großen Ringernationen öffentlich wenig beachteten Sports. Er will für das puristischste Duell Mann gegen Mann, das es im Kampfsport gibt, auf jeder möglichen Bühne werben, weil das Ringen selbst nur selten seine Faszination so eindrücklich entfalten kann wie an diesem Samstagabend in Heilbronn.

In den Playoffs, wenn die Klubs ihre bestmöglichen Teams auf die Matte schicken, zieht gerade das Mannschaftsringen eine mit mehr als tausend Zuschauern vollbesetzte Halle in ihren Bann. Es geht dann nicht nur um Siege und Niederlagen in den zehn Kämpfen in Griechisch-Römisch oder Freistil, sondern auch um die Punktedifferenz in den einzelnen Duellen. So quälen sich die in Mainzer Diensten ringenden Weltklasseathleten wie der de Pole Tadeusz Michalik oder der Russe Timur Bizhoev trotz klarer Führung bis zur vollkommenen Verausgabung, um ihrem Team noch je einen zusätzlichen, für eine geringe Restchance im Rückkampf wertvollen Punkt zu bescheren. Nach dem Schlussgong brauchen sie minutenlang, um sich von den zweimal drei Minuten der Strapazen auf der Matte zu erholen.

Ähnlich gehen auch die Heilbronner wie das aus der eigenen Ringerjugend bis in die Weltklasse aufgestiegene Vereinsurgestein Eduard Popp im Schwergewicht an die eigenen Grenzen und kurzzeitig sogar darüber hinaus. Vergessen sind an einem solchen Abend die seit Jahren andauernden Streitigkeiten im deutschen Ringen, wo sich fünf der besten Klubs aus Unzufriedenheit mit der Vermarktung des Mannschaftsringens durch den Deutschen Ringerbund in einer eigenen Deutschen Ringerliga selbst organisieren und ebenfalls in diesen Wochen einen Meister ermitteln und in der Bundesliga schmerzlich vermisst werden als qualitative Bereicherung.


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„Abkochen“ mit Ringer Stäbler
Der Kampf vor dem Kampf

Der Kampf in Heilbronn ist nach einer Bundesligasaison, in der viele Kämpfe allzu deutlich endeten, Werbung für den Sport. „Wir haben heute tolle Kämpfe gesehen, eine tolle Organisation und Atmosphäre“, sagt Baris Baglan, Sportlicher Leiter der Mainzer. „Das steht für mich trotz einer gewissen Unzufriedenheit mit dem Kampfverlauf aus unserer Sicht im Vordergrund.“ Baglans Ringerherz freute sich über enge Kämpfe, über „das, weswegen ich diesen Sport liebe.“ Und so erkannte der 44 Jahre alte Mainzer auch an, dass die Heilbronner am Ende einen Tick mehr zu bieten hatten an diesem Abend.

Motivation für Stäbler

Und sie haben eben ihren Weltmeister, der nicht nur wegen der Autogrammjäger am Ende seiner Kräfte war. Stäbler hatte in den Tagen zuvor Fieber. Beim Aufwärmprogramm in der Halbzeit des Mannschaftskampfes wirkte er entsprechend matt und gar ein wenig zweiflerisch, ob die Entscheidung für einen Einsatz richtig war. Nur sein neun Monate altes Töchterchen konnte seine Stimmung aufhellen, als sie zu ihm auf die Matte gekrabbelt kam. Für einen Ausheber mit abschließendem Küsschen für die neun Kilogramm schwere „Sparringspartnerin“ reichte die Kraft soeben. „Im Kampf ging es dann aber erstaunlich gut“, sagt Stäbler. „Mir kommt in solchen Situationen meine Erfahrung zugute. Ich war umso fokussierter, weil ich wusste, dass alles sitzen muss, was ich mache. Ich konnte mir keine Kraftverschwendung leisten.“Der mutigen Anfangsoffensive seines Gegners Gürler hielt Stäbler stand, ohne wegen Passivität in die Bodenlage geschickt zu werden. Und als sich ihm Chancen eröffnen, nutzt er diese kaltschnäuzig und sorgte mit zwei spektakulären Würfen für die technisch anspruchsvollsten Aktionen des Abends. Wie so oft, wenn er in der 75-Kilogramm-Klasse zum Abschluss eines Kampfabends auf die Matte geht, erlebten die Zuschauer die Höhepunkte in den Schlussminuten. Für Heilbronn stehen die Chancen nun gut auf den Finaleinzug.

Und es könnten sich dann nach einem Jahr ohne Mannschaftsmeistertitel für Stäbler die Worte wieder erfüllen, die einst der Trainer seines früheren Vereins Germania Weingarten sprach. „Wo Stäbler ist, da ist der Titel“, sagte Frank Heinzelbecker vor zwei Jahren. In der großen Titelsammlung könnte nun eine fünfte deutsche Mannschaftsmeisterschaft hinzukommen und viele weitere Autogrammwünsche. Auch die wird Stäbler erfüllen, der seine Karriere nicht nur mit der ersehnten Olympiamedaille in Tokio 2020 vollenden will. Er will auch dem Anspruch gerecht werden, den einst Muhammad Ali für eine wahre Sportgröße formuliert hat. „Er hat gesagt, dass du dich nicht als Champion bezeichnen darfst, wenn du Kindern nicht Autogramme gibst.“

Mit seiner Zuwendung zu den jüngsten Ringsportfans wie auch seinen Erfolgen ist er auf dem Weg, Alis Anspruch gerecht zu werden. Eine besondere Marke kann er dabei noch in den Playoffs brechen, auch wenn die Bundesliga für Stäbler neben seinen internationalen Zielen nur ein sportlicher Nebenschauplatz ist. Stäbler hat die Chance, als vermutlich erster deutscher Ringer seinen 50. Kampf in Serie zu gewinnen. Eine Niederlage hatte er zuletzt vor über zwei Jahren und 48 Kämpfen erlitten. Gegen Mainz. Auch das wird der erfolgreichste deutsche Ringer der vergangenen 20 Jahre als Herausforderung für den Rückkampf am kommenden Samstag in Mainz begreifen.

Quelle: FAZ.NET
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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