Rollstuhlbasketball

Bis es ordentlich kracht

Von Tobias Landwehr, Tokio
27.08.2021
, 07:18
Umgekippt: Aliaksandr Halouski im Spiel gegen die USA
Rollstuhlbasketball ist eines der Paralympics-Spektakel: Die Spins der Athleten sind eindrucksvoll, die Richtungswechsel katzenhaft, balanciert wird auf einem Rad. Was kann man von dem Sport lernen?
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Fußball ist ein behinderter Sport. Oder besser: Ein behindernder. Aktiv einen Ball von einem Ende eines Feldes zum anderen zu bringen, dafür gibt es bessere Varianten, als nur die Füße zu benutzen. Mit Armen und Händen käme man da rationaler und effizienter durch das Gegnerbollwerk.

Doch der Arm- und Handgebrauch wird qua Reglement eingeschränkt. Zehn von elf Kickern bräuchten die oberen Gliedmaßen rein technisch gar nicht. Die paralympischen Team-Disziplinen sind da ähnlich. Die Regeln, die existieren, behindern körperliche Funktionen: Beim Goalball das Sehen, beim Sitzvolley- oder Rollstuhlbasketball die Beinarbeit.

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Rollstuhlbasketball wird dieser Tage vom wuchtigen Quaderbau der Ariake-Arena am ‚Ostwolkenkanal‘ Shinonome Unga beherbergt, wo Deutschlands „R-Baskets“ die USA im Fünf-versus-Fünf konfrontieren. Würde die Paarung bei den olympischen Basketballspielern angesetzt, wäre das dank NBA-Millionen- und Skill-Wahnsinn eine ziemlich sichere Wette gegen Schwarz-Rot-Gold. Doch die Rollstuhl-Korblegerwelt ist eine andere. Tatsächlich liegt die deutsche Delegation früh und komfortabel in Front.

Es ist keine Dominanz, auch Kontrolle wäre zu viel gesagt, aber Selbstsicherheit trifft es schon. Als die erste Halbzeit zu Ende geht, sind es sechs Punkte Vorsprung. Zur Pause winken freundliche Grüppchen japanischer Erstklässler von der Tribüne. Auf der Gegentribüne geht es bei den Journalisten und Delegationen weit weniger geordnet zu. Aber insgesamt bleibt Platz, viel zu viel Platz. Das Spektakel auf dem Feld hätte so viel mehr ‚Aaahs‘ und ‚Oooh‘ verdient gehabt.

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Katzenhafte Richtungswechsel

Die Spins der Athleten sind eindrucksvoll, quasi BMX-artig artistisch, die Richtungswechsel katzenhaft. Im dritten Viertel schnappt sich Center Aliaksandr Halouski in der Defense den Pass des Gegners, balanciert dabei auf einem Rad, spielt den Ball noch in dieser Schwebe weiter, fällt und rollt sich ab, wuchtet sich hoch und stürmt nach vorne. Derart energiegeladen würde der Sport eigentlich ganz gut ins olympische Actionsport-Verjüngungskonzept passen.

Das Spiel entwickelt sich dennoch zum Defense-Game. „Unsere Verteidigung war ganz in Ordnung, die Amerikaner haben nicht viel getroffen“, sagt Center Halouski nach dem Match. Defense, das ist im Wortsinn knallharte Arbeit. Körperkontakt ist im R-Basket nicht erlaubt, Rollstuhlkontakt hingegen erwünscht. Es kracht allenthalben, die Rollwege der Gegner werden aktiv blockiert. Die Antizipation des gegnerischen Fahrwegs ist ein Schlüsselelement im Spiel. Ob Lewis Hamilton und Sebastian Vettel sich hier gut machen würden?

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Spiel drehen

Auf der anderen Seite tut sich Matt Scott im stärker aufspielenden amerikanischen Team hervor. Zum letzten Viertel ist der deutsche Vorsprung schon auf zwei Punkte geschmolzen. In einer Szene stürmt Forward Scott zurück, um den deutschen Konter zu verhindern. Mit einem Kollegen keilt er den deutschen Angriff ein und hebelt ihn ganz wörtlich aus. Schon in der Gegenbewegung sieht Scott die freie Lücke zum Mitspieler im Drei-Meter-Raum: Schneller Pass, gezielter Wurf, zwei Punkte – und Führung. Die amerikanischen Guys drehen das Spiel.

„Je lauter die Uhr tickt, je heller die Scheinwerfer leuchten: Wenn das Spiel auf Messers Schneide steht und es Zeit ist, groß aufzuspielen, dann will ich für mein Team da sein“, kommentiert Scott lässig und breit lächelnd die letzten Minuten. Die Führung bleibt – und Deutschland muss in der letzten Minute das berüchtigte Foul-Game bemühen, dennoch steht es vor dem letzten Angriff der Nationalmannschaft 55:58. „Wir brauchten den Dreier, doch die USA sind sehr weit aufgerückt“, sagt der deutsche Center Aliaksandr Halouski. Der Ball geht zu Andre Bienek, doch der kann aus unvorteilhafter Position die Punkte und den Ausgleich nur verfehlen.

Rollstuhlbasketball nach Deutschland gebracht

„Ergebnis schlecht, das Spiel so lala, aber knapp. Aber das ist Basketball. Wir geben uns Mühe, morgen geht es weiter, alles gut“, sagt Halouski. Ob der Niederlage ist für Halouski ohnehin alles gut gegenüber seinem Gegner Scott. Jahrelang hat Halouski, der aus Belarus stammt und den der Rollstuhlbasketball vor zehn Jahren nach Deutschland gebracht hat, gemeinsam mit Scott Körbe gelegt.

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Nicht etwa im vermeintlichen Basketballparadies in den Vereinigten Staaten, sondern in Elxleben nahe Erfurt bei den Thuringia Bulls (deren Sponsor keine Getränkemarke aus Österreich ist). „Das ist eines der besten Rollstuhlbasketballprogramme, die es gibt. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der Welt“, schwärmt Scott.

„Egal ob das Spiel gut oder schlecht geht, Matt ist top. Es gibt ganz wenige Spieler auf diesem Level, ich habe echt viel gelernt“, sagt Halouski. Einer der Gründe, warum Scott 2017 zu den Bulls wechselt, ist Halouski, dessen Ruf als Center um die R-Basket-Welt ging. Zusammen gewinnen sie drei Meisterschaften, zweimal die Champions League. „Alex ist ein echter Freund. Es macht Spaß, mit ihm zu spielen, es macht Spaß, gegen ihn zu spielen – und noch mehr Spaß zu gewinnen“, sagt Scott und muss lachen.

Paralympics-Teilnehmer

Und so verströmt das beschauliche Elxleben in Thüringen nicht nur internationales Flair – drei deutsche und zwei amerikanische Paralympics-Teilnehmer sind oder waren Teil der Bulls. Es ist auch Aushängeschild des inklusiven Charakters des Rollstuhlkorblegens. Zum einen spielt die erste Liga in Deutschland im Mixed, Frauen wie Männer. Zum anderen können auch Nichtbehinderte mitspielen. Dafür sorgt ein Punktesystem, das sich zwischen 1 und der faktischen Einschränkungslosigkeit 4,5 bewegt. Jeder Spieler bekommt seine Punkte. Bei den Paralympics darf die Punktesumme der Feldspieler 14 nicht übersteigen.

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Doch anders als in Deutschland wird in Tokio nach Geschlechtern getrennt um Gold gedribbelt. Darüber bestimmt das IPC auch Kriterien zu „Minimalbehinderung“, die es zuletzt verstärkt durchsetzte. Beinahe davon betroffen gewesen wäre die deutsche Paralympics-Spielerin Barbara Groß. Deren Einschränkungen wurden im Sommer 2020 als unzureichend angesehen. Provokant gesagt, war sie nicht behindert genug.

Das Urteil wurde nach Einreichung medizinischer Unterlagen zwar revidiert. Doch ein Sport wie Rollstuhlbasketball, der dank guten Regelwerks alle gleichsam behindert und, salopp gesagt, gleichsam fetzt, könnte auf der Weltbühne Paralympics eigentlich gesellschaftliche Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Einschränkungen überwinden. Noch tut er es nicht.

Deutschland bezwingt Weltmeister Großbritannien

Die deutschen Rollstuhlbasketballer haben bei den Paralympics überraschend klar Welt- und Europameister Großbritannien bezwungen. Im zweiten Spiel der Gruppe B in Tokio gewann die Mannschaft von Bundestrainer Nicolai Zeltinger an diesem Freitag mit 71:59 und ist mit dem Erfolg und einer zuvor knappen Niederlage gegen Gold-Favorit USA (55:58) auf Viertelfinalkurs. Nächster Gegner ist am Samstag Australien. Vier Teams der beiden Sechser-Gruppen qualifizieren sich für die Runde der besten Acht. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
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