Deutsche Ruderin Katrin Thoma

Die Sehnsucht nach dem schweren Schlag

Von Katja Sturm
08.04.2021
, 17:24
Der Traum von Olympia treibt Katrin Thoma bei der EM an. Doch die Ruderin hat turbulente Zeiten hinter sich – mit einem schlimmen Unfall und einer unangenehmen Überraschung durch die Partnerin.

Die Rückkehr nach Varese weckt schmerzliche Erinnerungen. „Der Ort kann ja nichts dafür“, sagt Katrin Thoma. Und doch: In der Lombardei, wo an diesem Freitag die Europameisterschaften im Rudern beginnen, wird es der 30-Jährigen schwerfallen, die Gedanken an die unangenehme Überraschung zu verdrängen, die sie im Februar während eines Trainingslagers an gleicher Stelle erlebte. „Manchmal träume ich noch davon“, sagt die Sportlerin der Frankfurter RG Germania.

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Von dem Moment, als ihre Partnerin aus dem Leichtgewichts-Doppelzweier, mit dem die Weltmeisterin von 2015 die Olympiaqualifikation für die Spiele in Tokio anstrebte, nach monatelanger gemeinsamer Vorbereitung auf die nationale Ausscheidung „wie aus dem Nichts“ erklärte, ihren Rollsitz verlassen zu wollen. Die Pflicht, das eigene Gewicht den Vorschriften gemäß auf 57 Kilogramm herunterzubringen, schien ihr nicht erfüllbar zu sein.

Plötzlich allein

Mit einem Schlag stand Thoma allein da. Sie selbst hatte sich im Herbst erst von der Kollegin überreden lassen müssen, noch einmal den Sport in den Vordergrund und ihre Promotion in Physik hintanzustellen. Nach einem schweren Unfall im Sommer, bei dem die Rennradfahrerin einen Schulterbruch erlitt, und angesichts der Pandemie, der bis heute die meisten Regatten zum Opfer fallen, wollte sie eigentlich die Skulls an den Nagel hängen.

„Irgendwann muss ein neuer Abschnitt beginnen“, sagt Thoma. Obwohl sie ihren Sport noch immer liebt. Doch selbst ihr Betreuer an der Goethe-Uni riet: „Wenn du noch dafür brennst, dann solltest du das machen.“ So meldete sich die „Hochschulsportlerin des Jahres 2016“ bis maximal zum Ende der Saison 2021 vom Studium ab, um noch einmal alles für ein mögliches Olympiadebüt zu geben.

Vor allem auf dem Ergometer lief es bestens, da sei sie Zweitstärkste hinter der dominierenden Schwerinerin Marie-Louise Dräger gewesen, verrät Trainer Ralf Hollmann. Auch das Zusammenspiel mit der eigenen Partnerin weckte Hoffnungen darauf, dass sich der Hessen-Zweier bei der nationalen Qualifikation Ende März in Köln als das Boot empfehlen könnte, das für den Deutschen Ruderverband Mitte Mai in Luzern in der einzigen noch olympischen Leichtgewichtsklasse eines von zwei Tickets nach Japan lösen soll.

Nach der unerwarteten Trennung sprang zwar Germania-Kollegin Leonie Pless der Freundin bei und setzte sich bei der Leistungsüberprüfung mit ins Boot. Doch die 32-Jährige hatte ihre Laufbahn bereits im Vorjahr beendet. Nur wenige gemeinsame Übungseinheiten reichten nicht aus, um der Konkurrenz Paroli bieten zu können.

Trotzdem hat sich für Thoma der Einsatz gelohnt: Nach den Testrennen auf dem Fühlinger See, die Dräger und die Ulmerin Katrin Volk gewannen, wurde sie zu deren Ersatzfrau bestimmt. Den Weg in Richtung Asien darf sie weitergehen, soll laut Hollmann bei allen Trainingslagern des Doppelzweiers dabei sein und jetzt bei den kontinentalen Titelkämpfen und beim ersten Weltcup Ende des Monats in Zagreb im Einer sitzen.

„Das freut mich natürlich sehr“, sagt die Silbermedaillengewinnerin von Rotterdam 2019. Aufgrund des Wechsels in die Rolle der Solistin geht sie die Wettkämpfe auf dem Lago Varese allerdings bescheiden an. „Ich hatte nur eine Woche zum Trainieren.“ Der Vorteil beim Alleingang sei zwar, dass man sein Rennen selbst bestimmen könne und sich nicht, im Bug sitzend, nach der Schlagfrau richten müsse. Doch umstellen müsse sie sich schon, „es ist anstrengender“.

Die Germania unterstützt ihr Mitglied so gut es geht, obwohl die Minijobberin ihrer Aufgabe in der vereinseigenen Geschäftsstelle derzeit selten nachgeht. Der Rückschlag für die Ambitionen des Leichtgewichts war nicht die einzige Hiobsbotschaft für Hollmanns Truppe während der sechs Trainingswochen zu Beginn des Jahres im Süden. „Innerhalb von 48 Stunden haben wir gleich zwei Olympiachancen verloren“, erzählt der Coach.

Einen Tag vor Thomas „großer Enttäuschung“ erlitt Juliane Faralisch, die als deutsche Rekordhalterin auf dem Ergometer als aussichtsreichste Kandidatin für den schweren Einer galt, ihren zweiten Bandscheibenvorfall. Nach fünf Wochen Therapie konnte die 24-Jährige im Messen mit der nationalen Konkurrenz nicht an ihre Vorleistungen anknüpfen. Stephan Krüger und der Gießener Marc Weber gelten im olympischen Doppelzweier derweil als gesetzt. Auch FRG-Para-Athlet Valentin Luz liegt für den Mixed-Vierer gut im Rennen.

Quelle: F.A.Z.
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