Schach-Kandidatenturnier

Auch Weltmeister Carlsen plagt der Blues

Von Stefan Löffler
13.06.2022
, 11:57
Möchte Weltmeister Magnus Carlsen seinen Titel überhaupt noch verteidigen?
Acht Kandidaten bewerben sich um einen Platz bei der Schach-WM. Doch ob Weltmeister Magnus Carlsen seinen Titel überhaupt verteidigen wird, ist unklar. Das sorgt für Ärger und eine kuriose Situation.
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Am kommenden Freitag beginnt in Madrid das Kandidatenturnier der Schach-WM. Bis vor wenigen Tagen warb der Weltschachbund FIDE dafür mit dem Gesicht von Magnus Carlsen und dem Versprechen, dass derjenige, der sich unter den acht Großmeistern durchsetzt, sein Herausforderer wird. Nun rückten die acht Kandidaten in den Vordergrund, denn es ist überhaupt nicht sicher, dass der 31 Jahre alte Norweger noch einmal antritt.

Es kann auch passieren, dass der Zweitplatzierte des Kandidatenturniers gegen den Erstplatzierten um einen entwerteten Titel spielen wird. Schon nach der WM im Dezember machte Carlsen öffentlich und hat das seitdem bestätigt, dass es ihn nicht mehr reizt, sich monatelang auf einen einzigen Gegner vorzubereiten und einen langen Zweikampf durchzustehen, in dem nicht verlieren wichtiger als gewinnen ist. Das will er sich eigentlich nur noch gegen einen „Vertreter der nächsten Generation“ antun.

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Carlsen hat sich andere Ziele gesetzt

Carlsen ist nicht der erste Schachweltmeister, der den Blues hat. Als José Raúl Capablanca seit drei Jahren Weltmeister war und weit und breit kein ebenbürtiger Gegner in Sicht, kündigte er seinen Rückzug an. Während es sich der Kubaner vor fast einem Jahrhundert anders überlegte, ist es fünfzig Jahre her, dass Bobby Fischer seinen einzigen WM-Kampf bestritt und danach lieber in der Versenkung schwand, als den Titel nach Regeln zu verteidigen, die ihm nicht behagten.

Michail Botwinnik hatte sogar schon genug, bevor er der Welt beweisen konnte, dass er der Beste war. Dem Russen war das Gefeilsche um den WM-Modus so zuwider, dass er sich 1946 der Wissenschaft zuwenden wollte. Als strammer Kommunist ließ er sich überreden, dass er der Sowjetunion am Schachbrett nützlicher war und holte zwei Jahre später den Titel.

Dass sich Carlsen nicht verbindlich erklärt hat, ob er noch einmal antritt, ist für Raj Tischbierek, den Chefredakteur der Zeitschrift „Schach“, der Gipfel an Unkollegialität. Die Kandidaten wissen weder, was den Sieger erwartet, noch ob der zweite Platz für einen WM-Kampf reicht. Kurios ist die Ausgangslage für Alireza Firouzja, den designierten „Vertreter der nächsten Generation“. Firouzja könnte es schlauer finden, hinter einem Spieler, den Carlsen nicht als würdigen WM-Gegner sieht, Zweiter zu werden und gegen ihn mit besseren Chancen um den Titel zu kämpfen als gegen den übermächtigen Carlsen.

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An einen Rückzug vom Profischach denkt Carlsen übrigens noch lange nicht. Er hat sich nur andere Ziele gesetzt, zum Beispiel in der Weltrangliste, die er jetzt schon überlegen mit fast sechzig Elopunkten Vorsprung anführt, auf 2900 Elo zu kommen. Beim „Norway Chess“-Turnier in Stavanger wurde er vorige Woche zwar Erster, aber seine Zahl bleibt unverändert bei 2864.

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Überraschend stark spielte in Stavanger trotz seiner bereits 52 Jahre Viswanathan Anand – abgesehen von einem kuriosen Patzer, als er ein Matt in zwei Zügen übersah. Als der Inder von 2008 bis 2013 selbst Weltmeister war, hatte er seine eigene Art Blues gehabt und kein einziges klassisches Turnier gewonnen. Der Bann brach erst, als Anand den Titel an Carlsen los war und 2014 das Kandidatenturnier gewann. Es ist der sportlich schwerste Wettbewerb im Schach, und wahrscheinlich hat Carlsens Blues auch damit zu tun, dass er insgeheim selbst gern in Madrid dabei wäre, um es zu gewinnen.

Quelle: F.A.Z.
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