Start der Schwimm-WM

Bei Märtens ist „der Groschen gefallen“

Von Christoph Becker
18.06.2022
, 09:23
„Starke Leistungsexplosion“: Lukas Märtens aus Magdeburg will  nun auch auf der großen Bühne zeigen, welche Power in ihm steckt.
Die Deutschen reisen nur mit einem kleinen Elite-Team zu den Titelkämpfen nach Budapest. Die Blicke richten sich besonders auf den jungen Lukas Märtens. Denn der Magdeburger erlebt sein bestes Jahr.
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„Nach den Olympischen Spielen muss man mal ein bisschen Ruhe einkehren lassen, den Olympiazyklus neu aufbauen, die Sportler neu entwickeln“, sagt Bernd Berkhahn. Der Magdeburger Coach ist ein Solitär unter den deutschen Schwimm-Trainern. Was er sagt, hat Gewicht, das ihm die Erfolge seiner Sportler verleihen. Weil es die einzigen Erfolge deutscher Schwimmer auf höchstem Niveau sind.

Jetzt reist der Bundestrainer Berkhahn mit drei Beckenschwimmerinnen und sieben Schwimmern nach Budapest, einer Art Elite-Team. Zehn Beckenschwimmer nicht etwa aus Magdeburg, sondern aus ganz Deutschland. Mehr schickt der Deutsche Schwimm-Verband nicht zu dieser WM. Der Nachwuchs wird, während der Weltmeisterschaft, im Rahmen der „Finals“ in Berlin die deutschen Meisterschaften ausschwimmen. Und hat so einen gesicherten Platz im Programmschema des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, während die besten Schwimmer der Welt bestenfalls in einem Stream zu sehen sein werden.

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Reduziertes Training

Linear haben in diesem Jahr nicht einmal die Spartensender Interesse an der Premiumveranstaltung des Internationalen Verbandes FINA unter ihrem Präsidenten Husain Al Musallam. Der Kuwaiter hatte im Februar, in Peking liefen gerade die Corona-Winterspiele, gemeinsam mit Viktor Orbán verkündet, im Sommer in dessen Hauptstadt doch eine WM zu veranstalten, schon um nachzuholen, was in den vergangenen zwei Jahren ausgefallen war. Und bis einschließlich 2025 wird jedes Jahr eine folgen.

Die Konsequenz ist eine gewisse Zurückhaltung, was die Veranstaltung in Budapest angeht. „Die anderen Nationen gehen nicht anders vor als wir“, sagt Berkhahn. „Diese Saison ist reduzierter trainiert worden. Jeder Sportler muss Zeit haben, sich um eine duale Karriere kümmern zu können. Was aus der Saison geworden ist, dass jeder internationale Verband die Meisterschaften nachholen möchte aus den letzten Jahren, lässt sie sehr schwer werden.“ Nicht jeder mache da mit, sagt Berkhahn. „Relativ viele Australier lassen die Weltmeisterschaften aus, einige konzentrieren sich auf die Commonwealth Games, andere Sportler auf die Europameisterschaften.“ Denn die folgen Mitte August in Rom, dann auch wieder mit dem deutschen Nachwuchs.

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In Budapest soll die Elite liefern. „Wir können damit rechnen, dass jeder das Semifinale erreicht, wenn nicht sogar das Finale.“ Drei junge Schwimmer strebten auf, „in die Weltspitze“: Rafael Miroslaw, 21 Jahre alt, der erste Deutsche, der über 100 Meter Freistil im 50-Meter-Becken in unter 48 Sekunden geschwommen ist. Anna Elendt, die Brustschwimmerin, die mit drei deutschen Rekorden nach Budapest kommt. Lukas Märtens, Berkhahns Schwimmer aus Magdeburg. „Ich denke schon, dass wir uns darüber freuen können“, sagt der Coach.

„Starke Leistungsexplosion“

Aber: Elendt und Miroslaw trainieren am College in den Vereinigten Staaten. Ihre Entwicklung verfolge er mit Begeisterung, aber: „Das gehört nicht zum System des DSV. Es sollte nicht so sein, dass der Deutsche Schwimm-Verband Schwimmer ausbildet, die in die USA gehen und dort schnell schwimmen und dann zur WM fahren und dort schnell schwimmen. Das ist keine Systematik.“ Im DSV liefere die Ausbildung „an sich“ eine „gute Qualität. Es mangelt daran, die Sportler in die absolute Spitze führen zu können“. Er erwarte deshalb bis Olympia 2024 keine weiteren Schwimmer, die in diese Kategorie aufsteigen werden: „Bis Paris werden keine Unbekannten dazu stoßen.“

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Bleibt der eigene Mann aus dem Nachwuchs. Eine „starke Leistungsexplosion“ nennt Berkhahn das, was Lukas Märtens im April in Stockholm gelungen war: Märtens hatte Florian Wellbrock, seinen Trainingskollegen, den Weltmeister und Olympiasieger, im Rennen über 800 Meter um fast zwei Sekunden abgehängt und sich dessen deutschen Rekord geschnappt. Allerdings war der 20 Jahre alte Märtens speziell auf das Rennen vorbereitet worden, Wellbrock schwamm es aus dem vollen Training und hatte sich im Frühjahr eine Erkältung eingefangen.

Doch nun ist Märtens derjenige, auf dem eine Menge Aufmerksamkeit liegen wird, vom Samstag, dem ersten Tag der Weltmeisterschaft an, wenn er über 400 Meter startet. In seinem Vorlauf schlug er am Samstagmorgen nach 3:45,04 Minuten an und war damit Viertschnellster aller Vorläufe: „Ich bin froh, dass ich das erste Finale erreicht habe“, sagte Märtens, der bei seinem ersten WM-Einsatz noch etwas nervös war. Über diese Strecke, wie über 800 und 1500 Meter, war in diesem Jahr niemand auf der Welt schneller als er. Von 200 Meter bis 1500 Meter Freistil ist Märtens in Budapest im Rennen, und würde er auf einen Start über 200 Meter Rücken nicht verzichten, hätte er während der Becken-Woche der WM kaum einen Ruhetag.

„Die Trainingsqualität, die Lukas bringt, ist nichts Neues. Die bringt er seit langer Zeit. Da ist er zeitweise stärker als Florian, bei bestimmten Serien und kurzen Teilstrecken. Aber bisher ist ihm nie gelungen, dass er die Leistung aus dem Training ansatzweise umsetzen konnte. Im April hat er es zum ersten Mal geschafft. Der Groschen ist gefallen, schön, dass es endlich geklappt hat.“ Es gehe nun darum, die gleiche Leistung im Umfeld einer hochklassigen Meisterschaft abrufen zu können. In Tokio war Märtens das nicht gelungen. Die große Bühne war noch eine Nummer zu groß.

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Wellbrock war in Japan zur ersten Goldmedaille seit 33 Jahren geschwommen; im Freiwasser-Rennen über 10 Kilometer. Er verließ Tokio gleichwohl in dem Wissen, dass er im Becken als Weltmeister über 1500 Meter mit der Bronzemedaille unter den Erwartungen geblieben war, auch den eigenen. Zudem schwamm seine Partnerin Sarah Köhler im 1500-Meter-Rennen der Frauen zu Bronze, inzwischen ist ihnen nicht nur die gleiche Medaille zu eigen, sondern auch derselbe Nachname, im Dezember heirateten Deutschlands erfolgreichste Schwimmer der Gegenwart. Sarah Wellbrock verzichtet auf die Weltmeisterschaft, die Jurastudentin möchte das Staatsexamen abschließen.

Ihr Mann steht in Budapest vor ähnlich herausfordernden logistischen Prüfungen wie der Trainingskollege. Zwischen dem Finale über 1500 Meter am 26. Juni und dem Staffelrennen im Freiwasser liegt eine Nacht. „Da sind schon einige Sachen, die im Wettkampfplan nicht ganz harmonisch und für die Sportler ausgerichtet sind“, sagt Berkhahn. Wellbrock hat im Training einen stärkeren Fokus auf die Grundlagenausdauer gelegt, eine verbesserte Regenerationsfähigkeit. „Man wird sehen, welchen Einfluss das auf die Geschwindigkeit, die Becken-Wettbewerbe hat“, sagt Berkhahn. „Ich bin gespannt, ob er über 800 Meter und 1500 Meter so schnell ist, wie wir es gewohnt sind.“

In Budapest, glaubt Berkhahn, werde es jedenfalls keinen Weltrekord geben über 1500 Meter. Wellbrock macht kein Geheimnis daraus, dass er die Zeit des Chinesen Sun Yang aus dem Jahr 2012, 14:31,02 Minuten, irgendwann unterbieten will. „Die WM ist die eigentlich wichtigere Meisterschaft, ohne Frage“, sagt Berkhahn. „Aber der Kopf der Sportler spielt eine große Rolle. Und im August in Rom unter freiem Himmel in diesem sehr, sehr, sehr schnellen Becken schwimmen zu können, gibt den Sportlern eine Menge mit. Ich glaube eher, das dort eine Möglichkeit besteht, den Weltrekord zu schaffen.“ Und so könnte letztlich die Europameisterschaft diese WM von Budapest doch übertrumpfen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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