Schwimmer Florian Wellbrock

„Die tun richtig weh“

Von Sabrina Knoll, Hamburg
16.04.2021
, 16:50
Florian Wellbrock soll für Deutschland erstmals seit 2008 wieder eine olympische Schwimm-Medaille gewinnen. Auf einmal glänzt er auch über 400 Meter. Doch bei den Spielen spricht mehr gegen als für einen Start.

Nun also auch noch die 400 Meter. Als Florian Wellbrock am vergangenen Samstagmorgen nach den acht Bahnen Freistil-Schwimmen in seinem Heimatbecken in Magdeburg anschlug, standen 3:44,35 Minuten auf der Uhr. Und da dieses Rennen im Rahmen eines offiziellen Olympia-Qualifikationswettkampfes stattfand, schwamm sich Wellbrock damit nicht nur an die Spitze der Jahresweltbestenliste, er kraulte sich über diese Strecke auch auf die Liste der möglichen Olympiastarter. Dort steht sein Name bereits neben den 800 Metern, den 1500 Metern – und dem Zehn-Kilometer-Freiwasserrennen.

Der Magdeburger hat dieses enorme Pensum erstmals bei der WM 2019 getestet. In Südkorea wurde er zunächst Weltmeister im Freiwasser, blieb dann über 800 Meter weit hinter den Erwartungen zurück – auch den eigenen –, um sich anschließend aufzurichten und über 1500 Meter zum zweiten WM-Gold zu schwimmen. Weltmeister im Freiwasser und im Becken: Das war zuvor weltweit noch keinem Schwimmer gelungen.

Herausforderung und Gefahr

Und nun also auch noch die 400 Meter? Puh. Abschließend wollten sich bislang weder der Schwimmer selbst noch sein Trainer dazu äußern. Hört man Wellbrock und Bernd Berkhahn aber zu, spricht doch mehr dagegen als dafür. Da wäre zum einen der Ablauf der Schwimmwettkämpfe in Tokio. Die ohnehin lange Wettkampfspanne von zehn Tagen würde sich um drei weitere verlängern, noch dazu wären die 400 Meter Wellbrocks erste Starts. „Die zweimal 400, Vorlauf und Finale, die tun richtig weh. Dann sollst du als Nächstes einen ökonomischen 800-Meter-Vorlauf schwimmen, um gut ins Finale zu kommen, musst aber gleichzeitig voll da sein, weil es ein schnelles Rennen wird“, sagte Berkhahn im Gespräch mit der F.A.Z.

Dazu kämen dann noch das Medieninteresse und die Gefahr, dass sein Schützling vielleicht nicht gut schwimmt: „Dann bist du schon am ersten Tag durch, bevor es überhaupt richtig losgeht.“ Auch methodisch wäre es für Berkhahn „eine Herausforderung“, die intensiven 400 und die zehn Kilometer so vorzubereiten, dass Wellbrock in beiden Wettkämpfen eine Medaille holen kann.

Denn genau darum geht es bei dieser Entscheidung: Wellbrock soll dem Deutschen Schwimm-Verband (DSV) erstmals seit 2008 wieder olympisches Edelmetall bescheren. Mit diesem Anspruch geht auch der Doppelweltmeister selbst die Frage nach dem Start über 400 Meter an. „Eine Medaille würde ich wohl nicht holen können, da fehlt es noch an einigen Stellen“, sagte der 23-Jährige der F.A.Z. Das Risiko wäre auch ihm daher eher zu groß. Perspektivisch aber sei eine starke 400-Meter-Zeit wichtig, um etwa auf den 1500 Metern auch hintenraus schnell schwimmen zu können.

Tatsächlich steht die Bestzeit über die 400 Meter für die Fortschritte, die Wellbrock seit der WM 2019 gemacht hat. Die Magdeburger Nationalkader-Athleten gehören zu jenen Leistungssportlern, die trotz Coronavirus-Pandemie relativ gut und durchgehend trainieren konnten. Anders als bei anderen Schwimmerinnen und Schwimmern war für sie die Elbeschwimmhalle fast durchgehend geöffnet. Wettkämpfe als Standortbestimmung aber gab es im vergangenen Jahr keine. Die für Berkhahns Trainingspläne unerlässlichen Höheneinheiten wurden ebenfalls häufiger auf 43 Metern über null simuliert als in den Bergen der Sierra Nevada absolviert.

Natürlich sei es schwer gewesen, die Olympia-Verschiebung zu verkraften, zumal er mit dem Doppel-Gold-Schwung der WM in seine zweiten Spiele gestartet wäre, sagte Wellbrock. Aber das zusätzliche Jahr habe man dann bestmöglich genutzt, um an der Geschwindigkeit zu arbeiten, seine Athletik zu verbessern, die Abstöße, den Startsprung.

Die nötige Motivation zog Wellbrock dabei auch aus der Trainingsgruppe selbst, in der er nicht nur Freiwasserkonkurrent Rob Muffels im Nacken hat, sondern mittlerweile auch den 19 Jahre alten Lukas Märtens. Märtens hatte in jenem Vorlauf in Magdeburg knapp hinter Wellbrock angeschlagen und war in 3:45,71 Minuten ebenfalls unter der Norm für die Spiele in Tokio geblieben. „Wenn Rob mal müde ist, dann habe ich Lukas neben mir, wenn Lukas mal müde ist, ist da Rob. Besser geht es eigentlich nicht.“ Jeder Tag ein Wettkampf also, genau das Richtige für den ehrgeizigen Wellbrock.

An diesem Wochenende wird er beim Abschluss der Olympia-Qualifikation in Berlin zum vermutlich letzten Mal vor dem Showdown in Tokio einen richtigen Beckenwettkampf schwimmen. Das 400-Meter-Duell im schnellen Berliner Becken mit dem Kollegen Märtens lässt er sich zum Auftakt dabei nicht nehmen.

Quelle: F.A.Z.
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