Vendée-Globe-Logbuch

„Weiß nicht genau, wann und wo für wen Weihnachten ist“

Von Sebastian Reuter
23.12.2020
, 13:46
Kurz vor Weihnachten überqueren die Segler bei der Vendée Globe eine besondere Grenze – was den deutschen Segler Boris Herrmann ein wenig verwirrt. Doch am anderen Ende der Welt könnte bald etwas anderes zu einem Problem werden.

Kurz vor Weihnachten werden die Führenden bei der Vendée Globe um einen ganzen Tag zurückgeworfen. Das liegt glücklicherweise aber nicht an kollektiven Schäden oder anderen Problemen, mit denen die Teilnehmer zu kämpfen haben. Sondern an der Datumsgrenze, die beim Überqueren in östliche Richtung aus einem Mittwochabend innerhalb einer Sekunde wieder einen Dienstagabend werden lässt.

Auf ihrem Weg in Richtung Südamerika segelt die französische Spitzengruppe um den Führenden Yannick Bestaven sowie die im Abstand von etwa 100 und 150 Seemeilen folgenden Thomas Ruyant und Charlie Dalin derzeit mehr als 1000 Seemeilen südöstlich von Neuseeland dicht an der Eisberggrenze entlang.

Eigentlich gilt dieses entlegene Gebiet im Südpazifik als ungemütlich, windig und nicht ungefährlich für die um die Welt hetzenden Einhand-Segler. Doch derzeit beherrschen laue Winde und wenig Seegang den Kampf um eine möglichst gute Platzierung – und bringen den Zeitplan bei der Rund-um die-Welt-Regatta zumindest etwas durcheinander.

Denn nach 45 Tagen allein auf dem Meer haben die Teilnehmer noch nicht einmal 60 Prozent der mehr als 40.000 Kilometer langen Strecke absolviert. Der 74-Tage-Rekord von Sieger Armel Le Cléac’h bei der vergangenen Vendeée Globe ist nach einigen Flauten zu Beginn des Rennens schon jetzt nicht mehr zu erreichen – und auch seinen in genau 80 Tagesrationen aufgeteilte Proviant wird sich Boris Herrmann möglicherweise noch gut einteilen müssen. „Wenn ich zehn Tage länger unterwegs bin als geplant, wäre das auch kein Problem“, sagt der 39 Jahre alte Hamburger, schränkt aber gleichzeitig ein: „Sollte es noch länger dauern, würde ich mich auf jeden Fall noch mehr auf meine erste richtige Mahlzeit an Land freuen.“

Herrmann hat sich in den vergangenen Tagen auf den vierten Rang vorgearbeitet und spürt derzeit nicht viel von einem drohenden Weihnachtsblues: „Ich genieße diese langen Tage und Sonnenuntergänge. Derzeit ist nur wenig Wind, es passiert nicht wirklich viel“, berichtete Herrmann am Morgen vor Heiligabend in seiner wöchentlichen Online-Pressekonferenz. Dass er sich auf die Feiertage freue, hatte der „Seaexplorer“-Skipper schon vor einigen Tagen erzählt – auch wenn es ihm an Bord und am anderen Ende der Welt schwerfällt, immer genau zu wissen, welcher Tag eigentlich gerade ist: „Ich weiß gar nicht genau, wann und wo für wen Weihnachten ist. Diese Datumsgrenze bringt mich ganz durcheinander.“

Die Vendée Globe gilt als die härteste Regatta für Einhandsegler. Sie begann am 8. November an der französischen Atlantikküste und führt entlang des Südpolarmeeres einmal um den Globus. Mit Boris Herrmann nimmt erstmals ein Deutscher teil.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reuter, Sebastian
Sebastian Reuter
Redakteur vom Dienst.
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