Sitzvolleyball in Tokio

Eine Frage der Klasse

Von Tobias Landwehr, Tokio
28.08.2021
, 14:47
Morteza Mehrzadselakjani (rechts, Nummer 2) ist der mit 2,49 Metern offiziell zweitgrößte Mensch der Welt.
Klassifizierungen gehören zum paralympischen System. Die Einteilungen sind nicht leicht und sorgen auch für Diskussionen. Wie etwa im Sitzvolleyball, wo der zweitgrößte Mensch der Welt mitspielt.
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Lionel Messi ist eine 93, Cristiano Ronaldo eine 92, Manuel Neuer nur eine 89. Jedenfalls im Ranking des aktuellen Videospiel-Ableger der FIFA-Serie von Electronic Arts, das die Spielstärke angibt. Zocker-Connaiseure spielen häufig nur mit den besten Akteuren, denn die sind eine Klasse für sich. Das macht am meisten Spaß, sorgt aber auch auf beiden Seiten für annähernd gleiche Verhältnisse.

Dominik Albrecht ist ein VS2, genauso wie Florian Singer, ihr Teamparter Jürgen Schrapp hingegen ist ein VS1. Auch ihr Gegner Morteza Mehrzadselakjani ist ein VS1. Die vier Sportler sind in unterschiedlichen Klassen. Allerdings im echten Leben – und das mit echten Auswirkungen. Sie sind alle Sitzvolleyballer, aber zusammenspielen dürfen sie nicht. Zumindest nicht alle gemeinsam.

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Im ersten Gruppenspiel gegen Iran bleibt Singer im ersten Satz draußen, obwohl er zuvor Stammspieler war und als solcher mit Dresden sogar Seriensieger Leverkusen die deutsche Meisterschaft entreißen konnte. Singer bleibt auf der Bank, als das Spiel im ersten Satz auf Messers Schneide steht. Er kommt auch im zweiten Satz nicht rein, als das Spiel der deutschen Annahme entgleitet und mehr denn je von entscheidenden Spielern mit versiertem Angriff wie ihm abhinge.

Ein 2,49 Meter großer Iraner

Denn mit VS2 ist er nur Minimal Disabled, also wenig versehrt. Nur zwei von ihnen sind im Kader erlaubt, nur einer auf dem Spielfeld. „Und derzeit hat Dominik Albrecht aufgrund der besseren Form den Vorzug“, sagt Trainer Michael Merten. Albrecht erzielt in diesem Match starke 16 Punkte, doch das werden nicht genug sein. Deutschland verliert mit null zu drei Sätzen.

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Die versiert gezielten Angaben nehmen den Deutschen zunehmend die Angriffsoptionen, sodass die Iraner gut abwehren und ihnen alle Attacken offen stehen. Da ist der starke Sadegh Bigdeli, elf Punkte, der raffinierte Hossein Golestani, aber vor allem ist da: Morteza Mehrzadselakjani, der mit 2,49 Metern offiziell zweitgrößte Mensch auf dem Globus. Sitzend erreicht er bis 2,30 Meter Abschlaghöhe.

„Das ist so außergewöhnlich, dass wir keine Vergleiche haben, keine Antizipation. Es passiert halt einfach irgendetwas“, beschreibt Außenangreifer Jürgen Schrapp, der Mehrzadselakjani mehrfach gegenübersitzt. „Wir spielen nicht häufig genug gegen ihn, unsere Verteidigung kann nur reagieren.“ Mehrzadselakjani rangiert eine Größenklasse über allen anderen Spielern, denn er hat Akromegalie, einer Form des Riesenwuchs. Ist das unfair? Ist das nicht der eigentliche Klassenunterschied?

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Wenn Mehrzadselakjani zuschlägt, dann fliegt der Ball auf der deutschen Seite oft genug wild durch die Halle und kommt nicht zurück – Punkt Iran. „Wir können ihn derzeit nicht verteidigen, aber vielleicht haben wir etwas gelernt“, sagt Schrapp. Mehrzadselakjani mag alles überragen, aber überragend ist für ihn der Sitzvolleysport selbst. „Ich war früher sehr deprimiert. Damals hatte ich Angst, wegen meines Aussehens nach draußen zu gehen. Ich fühlte mich wie im Gefängnis. Sitzvolley hat mein Leben verändert“, sagt der Ausnahmeathlet.

„Da braucht er noch Zeit“

Erst sehr spät kommt Mehrzadselakjani ans Netz – aufgrund einer iranischen TV-Show. Dort taucht er auf, denn diese featurt Menschen mit ungewöhnlichem Alltag oder Talenten. Zufällig sieht auch Sitzvolley-Coach Hadi Rezaeigarkani die Sendung – und greift zum Hörer. „Es ist meine Pflicht als Trainer, Talente zu entdecken und zu fördern“, kommentiert Rezaeigarkani seinen Glücksgriff. „Aber er ist noch lange nicht komplett, da braucht er noch Zeit.“

Und tatsächlich: Iran gewinnt nicht durch Mehrzadselakjani, sondern mit ihm. So wird er – ungewöhnlich für einen Außenangreifer – durch einen Libero ersetzt. Auch für die zweite Aufgabe wird er rausgenommen. Auch macht er „nur“ 18 Punkte und ragt damit gar nicht so weit aus der iranischen Punkteverteilung heraus, wie man meinen könnte.

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„Für mich gibt es nicht den besten Spieler. Mehrzadselakjani kann gut spielen, weil er eine gute Annahme oder einen guten Steller hat. Es gibt nur ein bestes Team“, sagt Coach Rezaeigarkani. „Und ein gutes Team haben wir dank der – nach meinen Informationen – besten Sitzvolleyliga der Welt.“ In der islamischen Republik haben Volleyball – ein TV-Quotengarant – und eben auch Sitzvolley haben einen unglaublich hohen Status.

Eventuell wäre Mehrzadselakjani auch bei den springenden Volleyballern gelandete. Schließlich zählt Akromegalie nicht als Behinderung im paralympischen System. Warum sollte sie auch, olympische Basketballer und Volleyballer freuen sich über jeden Zentimeter mehr. Da sind solche Sportarten von Natur aus etwas unfair. Manchmal wird gar diskutiert, ob nicht – wie im Gewichtheben die Gewichtsklassen – Größenklassen eingeführt werden sollten. Etwas wie Volleyball bis 1,70 Meter oder Basketball ab zwei Metern. Wären ein solches Klassendenken auch auf Olympiaebene gerechter?

„Können wir nicht nachvollziehen“

Klassifizierungen sind jedenfalls Realität im paralympischen System. Mehrzadselakjani ist eine VS1, disabled und somit einer der komplett versehrten – aber eben nicht wegen des Riesenwuchses. Nach einem Radunfall mit 16 Jahren hört sein rechtes Bein auf zu wachsen, sodass 15 Zentimeter zwischen seinem linken und rechten Fuß liegen. Auf der anderen Seite – und auf der Ersatzbank – gibt es eben den deutschen Florian Singer. Diesem machen Klumpfüße zu schaffen. Und das reicht nach einer prä-paralympischen Regelreform eben nur zu VS2. Die paralympischen Grenzen sind da eine schwammige Radikale.

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„Das zum Beispiel eine Beinlängendifferenz von sieben bis acht Zentimetern nicht ausreicht, etwas kürzer als bei Mehrzadselakjani, um voll klassifiziert zu werden, können wir alle nicht nachvollziehen“, sagt der deutsche Trainer Michael Merten. Das ist so, als ob jemand Neuer und Messi verbieten würde, gemeinsam in einem Team zu spielen, weil der eine in einer FIFA-80er, der andere aber in einer 90er Wertung kategorisiert ist.

„Fairerweise: Es hat andere Nationen härter getroffen als uns“, so Merten. Die Brasilianer etwa. Gleich drei Leistungsträger von Rio 2016 mussten nach besagter prä-paralympischen Regelreform ganz aussortiert werden. Auch deswegen hat Deutschland im letzten Gruppenspiel gegen die Südamerikaner gute Chancen. „Im Sitzvolleyball sind wir uns international alle einig, dass die Klassen-Einteilung zu streng sind. Wir sind überhaupt nicht zufrieden. Ich wäre froh, wenn es wieder entspannter wäre.“ Eine Entspannung ist sogar im Gespräch. Da Änderungen allerdings nur in paralympischen Zyklen geschehen, könnten Florian Singer und Dominik Albrecht frühestens 2028 in Los Angeles wieder gemeinsam schmettern.

Quelle: FAZ.NET
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