Vetters Untergrund-Initiative

Auf der Suche nach dem richtigen Halt

Von Michael Reinsch, Berlin
13.09.2021
, 09:42
Auf dem Boden der Tatsachen: Mit dem Belag in Japan kam Johannes Vetter nicht zurecht.
Noch immer ärgert sich Speerwerfer Johannes Vetter über sein Scheitern bei den Olympischen Spielen Tokio. Den Grund dafür sieht er im falschen Bodenbelag. Er fordert ein Umdenken.

Der Ärger über die Umstände seines Scheiterns bei den Olympischen Spielen dieses Sommers ist immer noch zu spüren. Und hat Folgen. „Ich werde nächstes Jahr nur auf Anlagen werfen, von denen ich weiß, dass ich mir dort nicht die Füße breche“, kündigt Johannes Vetter an, der stärkste Speerwerfer der Welt: „So was wie in Gateshead oder Thum oder Tokio mache ich nicht noch mal.“

Damit er und sein Trainer Boris Obergföll unangenehme Überraschungen vermeiden, wie die beiden sie in Japan erlebten, haben sie Kontakt aufgenommen zu den großen Herstellern von Stadionbelägen. „Wir werden ein paar Testbahnen ausrollen bei uns in Offenburg“, kündigt der Bundestrainer an. „Wir werden die Bahnen tunen.“

Bei der Weltmeisterschaft von Eugene (Oregon) und bei der Europameisterschaft von München im kommenden Jahr, bei der WM von Budapest im übernächsten und bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 soll der Muskelprotz aus Offenburg mit dem schnellsten Anlauf seines Metiers und mit dem mächtigsten Stemmschritt nicht wieder ins Schleudern kommen, sondern seine Kraft auf den Boden und den Speer auf die weiteste Flugkurve bringen. „Es geht nicht darum, einen Vorteil für Johannes Vetter zu schaffen“, versichert Obergföll: „Wir wollen Chancengleichheit schaffen. Derzeit ist sie nicht gegeben.“ Vetter spricht davon, die Bahn zu standardisieren.

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Der neu entwickelte Belag im Olympiastadion von Tokio verhalf mit dünner Oberfläche und luftig-federndem Untergrund Läuferinnen und Läufern zu Bestzeiten und Rekorden. Der 105 Kilogramm schwere Vetter, Weltmeister von 2017 und mit 97,76 sowie 96,29 Metern der überragende Speerwerfer von 2020 und 2021, fand deshalb ausgerechnet im wichtigsten Wettbewerb seiner Karriere keinen Halt. Er rutschte weg.

Auf Intervention von Obergföll hin kühlten die Veranstalter den Belag mit Bergen von Eiswürfeln in der Hoffnung, ihn zu härten. Die Folge: Der Boden federte weiterhin, zusätzlich war er wegen der Nässe auch noch rutschig. Als Neunter mit 82,52 Metern schied Vetter im Finale vorzeitig aus.

Es geht um 24 Quadratmeter

„Ich habe vor Olympia seit 2020 alles gewonnen, und ich hatte nach Olympia in jedem Wettbewerb die größte Weite“, sagte der 28-Jährige: „Diese Saison war die beste meines Lebens – bis auf Olympia. Ich muss keine Ausrede suchen. Ich weiß: Wenn der Belag härter gewesen wäre, hätte ich sie alle im Sack gehabt.“ Mit seinem 17. Wettbewerb des Jahres ließ er am Sonntag beim Istaf im Berliner Olympiastadion sein Sportjahr ausklingen – mit der Siegesweite von 88,76 Meter.

Es geht um 24 Quadratmeter: die letzten sechs Meter des (vier Meter breiten) Anlaufs. Dort stemmen Athleten wie Vetter aus vollem Anlauf ein Bein in den Grund, belasten dabei ihren Fuß mit bis zu einer Tonne Gewicht und gewinnen so Energie für Würfe bis über neunzig Meter. In Tokio funktionierte das nicht. Der Pole Marcin Krukowski, Zweiter der Jahresbestenliste mit 89,55 Metern, und Olympiasieger Keshorn Walcott aus Trinidad, ein Neunzig-Meter-Werfer, waren die Prominentesten derjenigen, die schon in der Qualifikation scheiterten. Keine Frage, dass sie die Initiative von Vetter und Obergföll unterstützen. „Fakt ist“, sagt Vetter: „Wo ich stehe, stehen die anderen auch.“

Underground-Tuner: Johannes Vetter plädiert für neuen Bodenbelag.
Underground-Tuner: Johannes Vetter plädiert für neuen Bodenbelag. Bild: Imago

Der Inder Neeraj Chopra, Olympiasieger von Tokio mit 87,58 Metern, und die Tschechen Jakub Vadlejch und Viteszlav Vesely, Zweiter mit 86,67 und Dritter mit 85,44 Metern, standen schließlich auf dem Podest, brauchen aber keinen harten Boden. Sie könnten auch auf Sand werfen, behauptet Obergföll. „Wir laufen offene Türen ein“, berichtet er von seiner Untergrund-Initiative: „Die Probleme mit dem Anlauf sind nie so eklatant erkannt worden wie in Tokio.“ Es gehe nicht allein um große Weiten, ergänzt Vetter, sondern auch um Verletzungsprophylaxe, um den Schutz von Knochen, Muskeln und Bändern.

Ob bei den nächsten großen Meisterschaften für die Speerwerfer automatisch dicker, harter Boden verlegt werden wird? Nach den Herstellern müssen die Veranstalter überzeugt werden, in München, wo die EM im Olympiastadion von 1972 stattfinden wird, voraussichtlich auch die Behörde für Denkmalschutz. „Wir werden noch gegen ein paar Windmühlen kämpfen müssen“, sagt der Bundestrainer.

Das Tuning des Untergrunds ist für Obergföll und Vetter nicht neu. „Wollt ihr, dass unsere Speerwerfer Medaillen gewinnen?“, fragte der Trainer den Hersteller des Bodens, als er und seine Athleten vor der Europameisterschaft von Berlin 2018 realisierten, dass die Bahn rutschig war. Die entscheidenden Meter wurden abgeschliffen und mit zwei Eimern Klebstoff gehärtet, wie er das Granulat darunter zusammenhält.

„Ein invasiv minimaler Aufwand“, wie Obergföll sagt, eine Investition von knapp fünfhundert Euro zahlte sich aus. Christin Hussung und Olympiasieger Thomas Röhler gewannen die Titel, Andreas Hofmann wurde Zweiter. Vetter, damals verletzt, wurde Fünfter. „Ich werde dafür sorgen, dass alle ihr Leistungsmaximum erreichen können“, verspricht Vetter. Auch und vor allem: er selbst.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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