Patzer von Springreiter Thieme

„Der peinlichste Moment in meinem Leben“

Von Evi Simeoni, Herning
14.08.2022
, 13:23
Fliegt wie ein Champagnerkorken aus der Flasche: Thieme kann sich nicht in Chakarias Sattel halten.
Der deutsche Springreiter André Thieme wird im Nationenpreis der WM plötzlich aus dem Sattel katapultiert und ist untröstlich. Ein Reiter, ein Profi, auf dem Boden – das ist kein ruhmreiches Bild.
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Als die besten Springreiter am Sonntag in Dänemark um die Weltmeisterschafts-Medaillen in der Einzelwertung ritten, da war der Europameister schon wieder zuhause in Plau am See und bereitete sich auf die Einschulung seines Töchterchens vor. Es dürfte ihm gut getan haben, aus dem Fokus der großen, weiten Welt wieder in die Geborgenheit seines Zuhauses zurückgekehrt zu sein, denn das, was ihm bei den Titelkämpfen in Herning passiert war, nahm er sich schwer zu Herzen.

Ein Reiter, ein Profi, auf dem Boden – das ist kein ruhmreiches Bild. „Dies ist der wahrscheinlich peinlichste Moment in meinem Leben“, sagte er, als er noch in Herning war, und wand sich vor innerem Schmerz. „Weil ich weiß, wer da alles zugekuckt hat in so einem Moment, wo es zählt.“ In der zweiten Runde des Nationenpreises hilflos aus dem Sattel aus seiner Fuchsstute Chakaria geschossen zu sein, das konnte er nur schwer ertragen.

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Pferd schraubt sich in die Luft

Die deutsche Mannschaft hatte auf seinen Ritt gezählt, denn es stand Spitz auf Knopf. Eine Null-Fehler-Runde wäre jetzt nötig gewesen, um im Medaillenrennen zu bleiben, nachdem Kollege Marcus Ehning sich als Startreiter mit Stargold zwei Abwürfe erlaubt hatte. Zwar hatte Jana Wargers, der Neuling im Team, auf Limbridge mit einer fehlerfreien Runde und nur einem Strafpunkt für Überschreiten des Zeitlimts der Equipe ein bisschen Luft verschafft. Doch jetzt musste geliefert werden.

Thieme begann die Runde sehr entschlossen, überwand mit seiner Stute Hindernis eins, einen riesigen Oxer, fehlerfrei. Hindernis zwei, eine abschreckende Mauer mit einer Weltkarte darauf, in einem tollen Satz. Danach wartete Sprung drei, noch ein sehr großer Oxer, dekoriert mit dem dänischen Märchendichter Hans-Christian Andersen. Vielleicht erwischte er den Absprungpunkt ein klein wenig zu dicht. Jedenfalls schraubte sich Chakaria, die partout keinen Fehler machen wollte, mit ihrem Reiter Thieme auf dem Rücken steil in die Luft.

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„Mit einmal war es passiert“

„Sie hat einen so abnormalen Sprung gemacht, das ich in der Landung einen unter den Arsch geknallt gekriegt habe“, erzählte er hinterher. Er wurde aus dem Sattel katapultiert wie ein Champagnerkorken aus der Flasche. „Mit einmal war es passiert. Mit einmal war sie weg und ich bin auf dem Boden gelandet und wusste gar nicht, was passiert ist.“ Er verdrehte die Augen: „Sie sprang zu gut.“

Thieme lieferte keine Null-Fehler-Runde, sondern eine Nullnummer, so dass Ehnings beide Fehler nicht im Streichresultat verschwinden konnten. Als auch noch Schlussreiter Christian Ahlmann mit seinem gewaltigen Hengst Dominator am Aussprung der dreifachen Kombination, einen Sprung vor Schluss, einen Abwurf hatte, war die Medaille weg.

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Deutsche erreichen Minimalziel

Die deutsche Equipe musste mit dem fünften Platz zufrieden sein. Weltmeister wurden die souveränen Schweden vor den Niederlanden und Großbritannien. Ein deutscher Abwurf weniger hätte gereicht, und Deutschland wäre auf dem Bronzeplatz gelandet, doch von solchen Rechenexempeln wollte Bundestrainer Otto Becker nichts wissen. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, zitierte er.

Das deutsche Team musste sich damit trösten, dass es mit Platz fünf das Minimalziel, die Qualifikation für Olympia 2024, geschafft hatte, während so renommierte Teams wie die Schweiz und Titelverteidiger Vereinigte Staaten die zweite Chance bei den Kontinentalmeisterschaften im nächsten Jahr brauchen. Thieme stellte sich trotzdem selbstquälerisch vor, wer alles seine plötzliche Erdung schadenfroh beobachtet haben könnte.

Seine Fußball-Altherrenmannschaft aus Mecklenburg, die ihm Laune nach Herning gefolgt war. 10 000 Zuschauer in dem zum Pferde-Arena umgewidmeten Fußballstadion auf dem Messegelände von Herning. Das deutsche Fernsehpublikum. Oder gar die ganze Welt. In Wirklichkeit machten sich erst einmal alle Sorgen, ob sich Thieme oder seine Stute bei seinem Sturz verletzt hatte. Er wurde, genau wie Chakaria, umgehend ärztlich untersucht, beide hatten den Zwischenfall heil überstanden.

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Otto Becker war erst einmal nahezu sprachlos. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte er kopfschüttelnd. Tags darauf erklärte er, wie leid es ihm für Thieme tue. „Für ihn persönlich ist es ein Drama.“ Der 47 Jahre alte Reiter ist ein Profi im Sattel. Mit Chakaria hat er das Pferd seiner Träume gefunden und schon viele Erfolge erzielt. Mit Pferdehandel hat er in den Vereinigten Staaten schon gutes Geld verdient.

„Beim nächsten Mal klappt es wieder“

Doch das imprägnierte Gemüt, das viele Pferdeleute manchmal auch zum Nachteil des Sports auszeichnet, scheint er nicht zu haben. Im vergangenen Jahr etwa machte er keinen Hehl daraus, wie sehr ihn das Leben in der Olympia-Blase von Tokio belastete. Die Isolation und Langeweile im Hotel etwa. Entsprechend waren auch seine Leistungen. Im selben Jahr noch wurde er in Riesenbeck, wo er sich wohler fühlte, mit Chakaria Europameister.

„Beim nächsten Mal klappt es wieder“, sagte Becker. „Natürlich werden wir ihm dabei helfen.“ Becker plant, ihn für das nächste hochkarätige Ereignis, das Nationenpreis-Finale Ende September in Barcelona, zu nominieren. Außerdem werden sie gemeinsam Thiemes Reitweise analysieren. Durch seine Körpergröße hat er es schwerer, einen stabilen Sitz zu erreichen, als ein kleiner, kompakter Reiter.

„Das einzig Positive ist, dass mit dem Pferd nichts passiert ist“, sagte der zunächst untröstliche Thieme. Als Chakaria nach Thiemes Abflug merkte, dass ihr Reiter fort war, fing sie erschrocken an, im Galopp den Parcours zu umrunden. Sie rannte einmal ganz herum.

Dann noch einmal, ohne die erhobenen Arme der Leute am Einritt zu beachten, die sie vorsichtig aufhalten wollten, ohne sie zu erschrecken. Schließlich ging Marcus Ehning kurz entschlossen zu Sprung eins, nahm eine Stange von dem Oxer und stellte sich damit quer in Chakarias Bahn. Das half. Die Stute blieb stehen und ließ sich einfangen. „Das sieht man den Fachmann“, sagte Becker.

WM-Woche der Schweden

Schweden ist die derzeit dominierende Nation im Springreiten. Nach dem Weltmeistertitel mit der Mannschaft gewann Henrik von Eckermann mit seinem herausragenden Wallach King Edward am Sonntag in Herning auch die Goldmedaille in der Einzelwertung, und das, ohne in den fünf schweren Parcours auch nur einen einzigen Hindernisfehler zu machen. Der 41 Jahre alte Skandinavier, seit Kurzem auch Erster der Weltrangliste, ist in Deutschland gut bekannt: Er war zwölf Jahre lang bei Ludger Beerbaum in Riesenbeck angestellt, bevor er sich selbständig machte und in die Nähe von Bonn zog.

Heute betreibt er mit seiner Schweizer Partnerin Janika Sprunger, die selbst eine erfolgreiche Springreiterin war, einen Stall in Kessel in den Niederlanden. Silber gewann der Belgier Jérôme Guéry mit dem Hengst Quel Homme de Hus vor dem Niederländer Maikel van der Vleuten mit dem Wallach Beauville.

Ein höchst respektabler Abschluss für die deutsche Mannschaft gelang Marcus Ehning mit zwei Null-Fehler-Runden in den schweren Final-Parcours. Auf diese Weise konnte der erfahrene Reiter aus Borken sich mit seinem Hengst Stargold noch von Rang 22 auf Rang fünf verbessern. Ehning, der mit „vermeidbaren“ Fehlern in den vorangegangen Runden gehadert hatte, streckte nach Überqueren der Ziellinie die Faust in die Luft.

Weniger triumphal endete das ansonsten starke Debüt der 30 Jahre alten Jana Wargers. In der letzten Runde handelte sie sich mit dem Hengst Limbridge einen Abwurf und zwei Zeitfehler ein und wurde Neunte – immerhin noch Top Ten. Christian Ahlmann verzichtete auf das Finale, um seinen Hengst Dominator zu schonen, er hatte auf Rang 18 gelegen. (oni.)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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