Achter-Steuermann Sauer

„Ich bin kein Erfüllungsgehilfe“

Von Evi Simeoni
Aktualisiert am 12.09.2018
 - 09:52
1,69 Meter groß und 55 Kilo: Steuermann Martin Sauer darf seine Ruderer nicht belasten
Steuermann Martin Sauer ist bei der Ruder-WM in Plowdiw wieder die Schaltzentrale des Deutschland-Achters. Der kleinste und leichteste Mann im Boot sieht sich als Baustein des Erfolgs.

Als Martin Sauer noch ein Kind war, sagte seine Mutter zu ihm, er solle doch nicht ständig vor dem Fernseher rumhängen, sondern irgendeinen Sport machen. Aber Turnen machte ihm keinen Spaß. Und Judo auch nicht. Und als ein Ruder-Trainer in die Schule kam, um nach Talenten zu suchen, sagte der: „Die Großen mal aufstehen.“ Also blieb Sauer sitzen. Er war damals 1,20 Meter groß und wog 21 Kilo. Aber eines Tages kam der Ruder-Landestrainer wieder in Sauers Schule nach Berlin-Marzahn und sagte: „Die Kleinen aufstehen.“ Also stand der kleine Martin auf.

Das war 1994. Er war elf Jahre alt und scheint geahnt zu haben, dass er an einer wichtigen Abzweigung seines Lebens angelangt war. Der Trainer gab ihm einen Zettel fürs Probetraining, und so begann Martin Sauers Laufbahn als Steuermann.

Heute ist er 35 Jahre alt, 1,69 Meter groß und 55 Kilo schwer, startet für den Berliner Ruder-Club und bestreitet seine zehnte Saison im Deutschland-Achter. Er schaut auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück: Er wurde bereits siebenmal Europameister, viermal Weltmeister, einmal Olympiasieger und einmal Olympia-Zweiter. Diese Woche will er seine Sammlung um einen weiteren Titel bereichern: An diesem Mittwoch fanden die Achter-Vorläufe der Ruder-Weltmeisterschaften in Plowdiw (Bulgarien) statt. Die Deutschen mussten gegen die Niederlande, Rumänien und Italien antreten. Die Crew um Schlagmann Hannes Ocik (Schwerin) übernahm von Beginn an die Regie, baute die Führung kontinuierlich aus und kam eine halbe Bootslänge vor der Konkurrenz ins Ziel. Am Sonntag (12.15 Uhr) startet das deutsche Boot nun als Favorit in das Finale.

„Es wird richtig eng“

Seit zwei Jahren ist der Deutschland-Achter in allen Finalrennen unbesiegt, dieses Jahr ist er schon Europameister geworden und hat alle drei Weltcup-Wettbewerbe gewonnen. Aber die Konkurrenz ist stark. „Es wird richtig eng“, sagt Sauer. Erzrivale Großbritannien ist immer gefährlich, Rumänien hat die Deutschen schon im Vorlauf der Europameisterschaft bedrängen können, Australien im Endlauf auf dem Luzerner Rotsee. Und die Vereinigten Staaten, die dieses Jahr keine internationalen Rennen bestritten haben, sind die große Unbekannte. „Zwischen Sieg und Platz fünf werden nur wenige Sekunden liegen“, sagt Sauer voraus.

Sind die Ruderer physisch und technisch stark genug, kann der Steuermann eine entscheidende Rolle im Rennen spielen. Er steuert nicht nur das lange Boot, er ist auch Stratege und Schaltzentrale an Bord. Natürlich wird vorher ein Plan abgesprochen, aber der Rennverlauf verlangt spontanes Reagieren. Der Steuermann ist der Einzige, der mit dem Gesicht zum Ziel sitzt, er muss das Rennen richtig interpretieren und geeignete Maßnahmen ergreifen. Zum Beispiel beim Olympiasieg 2012 in London. Da griffen die Briten bei 1000 Meter an, um die Deutschen zu demoralisieren. Sauer spürte, was für ein entscheidender Moment das war, und beschloss blitzschnell, einen Spurt dagegenzusetzen. Angriff abgewehrt, Deutschland gewann die Goldmedaille. Anders vier Jahre später in Rio. Da lagen sie plötzlich eine Länge hinter den Briten, und Sauer beschloss, die Hoffnung auf den Sieg früh fallenzulassen, um das Rennen nach hinten abzusichern. „Das war bitter“, sagt er. Aber musste akzeptiert werden.

Dass eine Entscheidung des Steuermanns auch manchmal riskant sein kann, zeigte sich dieses Jahr im August im Vorlauf der Europameisterschaften von Glasgow. Da hätte eine Ansage Sauers beinahe den direkten Einzug in den Endlauf gekostet. Weil der Deutschland-Achter bis 1500 von 2000 Metern eine komfortable Führung erarbeitet hatte, entschied er, Druck herauszunehmen. „Wir mussten ja nicht jetzt schon alles zeigen, dafür gab es keinen Grund.“ Allerdings haben die Deutschen keine Übung im Nachlassen, also verringerten die acht ihre Anstrengungen in unterschiedlichem Maße. Das Boot verlor seine Linie, fast wären sie noch von der rumänischen Konkurrenz abgefangen worden. Dann hätten sie mit Kraft-Überschuss ein Rennen verloren. Aber die Sache ging noch einmal gut.

Informant für die Ruderer

Natürlich macht sich manchmal auch Unmut breit über Entscheidungen des Steuermanns. Die acht Ruderer um Schlagmann Ocik, dem Sauer im Boot direkt ins Gesicht schauen kann, sollen im Rennen zwar hauptsächlich den Vortrieb liefern, aber sie denken natürlich trotzdem mit. „Nicht alles, was die Ruderer einen Fehler nennen, hat man wirklich falsch gemacht“, sagt Sauer allerdings. „Ich bin kein Erfüllungsgehilfe, dass die anderen sich wohl fühlen. Ums Wohlfühlen geht es nicht. Ich muss sie immer wieder mit dem Stock pieksen – das ist meine Aufgabe.“

Er hält sie mit Hilfe der Coxbox genannten Sprechanlage über den Rennverlauf auf dem Laufenden, er vermittelt Ruhe und spornt sie an. Er erspürt, ob der Achter gut läuft, und lokalisiert Fehlerquellen. „Das gibt es, dass heute einfach nichts geht. Dass man sich tierisch einen abzieht und nichts vorwärtsgeht. Das spürt man in den Knochen. Und wenn es läuft – dieses Gefühl kann auch gefährlich sein. Ein gemeinsamer Rhythmus kann Fehler verschleiern.“

Bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio will Sauer noch weitermachen, es wären seine dritten. „Dann muss ich mit meinem Leben etwas Neues anfangen.“ Sein Jurastudium hat er beendet, ein reiner Schreibtischjob soll es aber nicht werden nach über 20 Jahren Leistungssport. „Schon jetzt ist jedes Rennen ein Geschenk“, sagt Sauer. „Ich bin auf der Zielgeraden und denke, was für ein Glück, mich zusammen mit diesen hochmotivierten Jungs mit den Besten der Welt messen zu dürfen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Simeoni, Evi
Evi Simeoni
Sportredakteurin.
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