Snooker-Masters in London

Bingham und der „Gott der schwarzen Acht“

Von Bertram Job
Aktualisiert am 20.01.2020
 - 20:57
Stuart Bingham sichert sich die Trophäe beim Snooker-Masters.
Stuart Bingham gewinnt in London im „Ally Pally“ eines der wichtigsten Turniere im Snooker. Was da mit ihm passiert war, wusste er nicht mal annähernd zu erklären – und sprach daher von mystischen Kräften.

Als es dringend geboten war, wechselte Stuart Bingham mal eben in einen anderen Modus. Von nun an traf er die 21 Kunstharzkugeln auf dem Tisch mit einer Erfolgsquote von 94 Prozent, führte den weißen Spielball ohne Fehler über das Filztuch und ließ dort keine „Einsteiger“ mehr für seinen Gegner liegen. Kaum zwei Stunden später hatte er den Spielstand von 5:7 auf 9:8 gestellt und sicherte sich dann auch den nächsten Frame, der ihn zum Sieger eines der drei wichtigsten Turniere im Snooker-Kalender machte – dem Masters im Alexandra Palace, im Londoner Volksmund zärtlich „Ally Pally“ genannt.

Was da mit ihm passiert war, wusste der 43 Jahre alte Billardprofi aus der englischen Grafschaft Essex zum späten Sonntagabend nicht mal annähernd zu erklären. „I can’t“, bedauerte er unter Tränen beim Gewinner-Interview vor 2000 Ohrenzeugen. Ein paar Momente später versuchte er es in der launigen Expertenrunde der BBC dennoch. Er klang aber wie einer, der von einer religiösen Erweckung berichtet. Irgendwas sei über ihn gekommen, so Bingham, noch immer ergriffen, so dass er einen Schub erhalten habe – genau nach jener Spielpause, in der er sich selbst schon aufgegeben hatte: „Ich dachte, es sei hoffnungslos.“

Vielleicht war es also der „Gott der schwarzen Acht“ oder einfach ein grandioser „Flow“, der Bingham im Endspiel gegen Ali Carter zu Hilfe eilte – und ihn plötzlich „Snooker, wie man es sich besser kaum vorstellen kann“ (Fernsehkommentator Rolf Kalb), spielen ließ. Sicher ist nur, dass damit ein denkwürdiges Turnier der Main Tour seinen adäquaten Höhepunkt als Wundertüte erfuhr. Anders als bei den übrigen Terminen der weltumspannenden Prestigeserie sind beim Masters die besten 16 Profis auf der Weltrangliste gesetzt. Sie spielen den Sieg im erstmals 1975 ausgetragenen Format, das zur „Triple Crown“ des Sports gehört, in vier K.-o.-Runden unter sich aus. Und gerade dieses Jahr wirkte das eben nicht wie ein geschlossener Zirkel, da sämtliche Favoriten sich früh aus dem Rennen um den gläsernen Pokal (und 250.500 englische Pfund) verabschiedeten.

Mark Selby und Ding Junhui, Neil Robertson, Mark Williams und der zuletzt schon als neuer Dominator ausgerufene Judd Trump: Gleich fünf zum Teil mehrfache Weltmeister wurden bereits im Achtelfinale hinausgeworfen. Im Halbfinale waren dann die Nummern 10, 11 und 14 der Rangliste unter sich – ergänzt durch Carter, der als Siebzehnter nur in die Veranstaltung rutschte, weil der siebenmalige Masters-Sieger Ronnie O’Sullivan seine Teilnahme kurzfristig zurückgezogen hatte. Ein „Misfit“ also, der überraschend bis ins Finale vordrang und dies zu einer Bezirksmeisterschaft machte – beide Konkurrenten stammen aus der Grafschaft Essex.

Carter war darum auch der sentimentale Favorit des Matches. Sein Sieg hätte an den EM-Triumph der dänischen Fußballer erinnert, die beim Turnier 1992 für die Auswahl Jugoslawiens eingesprungen waren. Der so gerufene „Captain“ mit der Fluglizenz wollte auch gerade abheben, als ihm das „Midsession Interval“ nach einem furiosen Lauf mit vier gewonnenen Frames den Schwung nahm. Als er danach einmal Pink verschoss, kam er praktisch nicht mehr ins Match – und zeigte sich nachher trotz 100.000 Pfund Prämie enttäuscht. „Ihr Leute wollt doch nicht wirklich mit mir sprechen“, würgte er eine Frage einer Live-Moderatorin im Alexandra Palace ab, „es geht nur um Stuart.“

In dieser Woche ist jedoch auch der frisch geehrte Mr. Bingham wieder nur einer von vielen Aspiranten bei den „European Masters“ im österreichischen Ort Dornbirn. Nächste Woche zieht die Karawane der Main Tour dann ins Berliner Tempodrom, wo die German Masters steigen; darauf geht es unter anderem nach Wales. Die Anzahl der Turniere lässt den Spielern kaum Luft zum Innehalten, was eventuell auch das schwache Abschneiden der designierten Helden in London erklärt. Eine dauerhaft große Form kann sich da keiner mehr leisten; es sei denn, ihn beflügeln mystische Kräfte im entscheidenden Moment.

Quelle: F.A.Z.
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