Hohe Ziele im Surfkurs

In die Röhre schauen

Von Michael Eder
05.08.2021
, 13:48
Licht am Ende des Tunnels: Der Brasilianer Adriano De Souza surft in einer Tube auf Tahiti.
Wer nicht surfen kann, ist ein armer Wicht. Ein Bekannter der Frau unseres Autors hat deshalb beschlossen, richtig Wellen zu reiten. Es soll direkt ein Tuberide sein. Eine Glosse.

Keinen Ironman im Lebenslauf? Nicht mal den New York Marathon? Kann man sich ja kaum noch sehen lassen im Betrieb. Und nicht surfen können? Da ist man erst recht ein armer Wicht. Deshalb hat ein Bekannter meiner Frau beschlossen, jetzt mal richtig Wellen zu reiten. Sein Ziel: Er will einen Tunnel surfen, ein Tuberide schwebt ihm vor. Kennen Sie wahrscheinlich von Bildern aus Hawaii. Also ist der Bekannte an die französische Atlantikküste gereist, dort gibt es ein paar berühmte Wellen, La Nord zum Beispiel, direkt bei uns im Urlaubsort.

Ein Tuberide also soll es sein. Warum nicht? Ein Ziel, nicht viel größer, als würde ich hier am Strand sagen, ich lasse mein Buch mal liegen, mache drüben im Aufblasbecken der Kinderschwimmschule Club Sud einen Kraulkurs, und dann schwimme ich nächste Woche hinüber nach New York, wollte ich schon lange mal wieder hin, meinen alten Freund Seb besuchen, einen exzellenten Schwimmer nebenbei.

Das mit dem Club Sud hat nicht geklappt. Die nehmen tatsächlich nur Kinder. Und Atlantiküberquerungen haben sie gar nicht im Programm. Kann man nichts machen, schaue ich mir am Strand halt weiter die Surfkurse an. In so einem wird jetzt auch der Bekannte stecken, ein paar Kilometer weiter.

Anpaddeln. Aufspringen. Abstürzen.

Die Kurse sind alle gleich. Surfnovizen kommen an, werden in Neopren gepackt und mit einem Board beglückt. Dann geht’s los. Erst im Sand, was immer wahnsinnig lustig ist für die Zuschauer: Comédie-Française. Die angehenden Tunnelsurfer liegen mit ihren Riesenbrettern aufgereiht am Strand, und Mr. Cool, der Surflehrer, befehligt die erste Übung. Liegen auf dem Brett. Aufspringen. Ausfallschritt.

Am zweiten Tag ins Wasser, dort kräuseln sich ein paar Wellen, dreißig Zentimeter hoch, vielleicht einunddreißig, und falls es irgendwo eine Tube geben sollte, müsste man sie mit der Lupe suchen. Rauspaddeln, aufs Brett legen, waiting for the wave. Dann kommt die Miniwelle. Anpaddeln. Aufspringen. Abstürzen. So geht das Tag für Tag: Tunnel­sucher, verzweifelt bemüht, auf dieses verdammte Brett zu kommen und für ein paar Augenblicke drauf zu stehen. Ein Lehrstück über das ewige Scheitern im Kampf um Balance, quasi Lebensschule.

Nimmt die Welle doch mal einen mit, fühlt es sich an wie ein Wunder, wie die perfekte Welle, dreißig Zentimeter hoch. Wenn die Stürme kommen im Herbst und Winter, wird La Nord an manchen Tagen acht Meter hoch. Dann hat sie auch Tubes dabei. Ob der Bekannte meiner Frau sie dann surfen wird? Ich glaube es eher nicht. Aber wer weiß? Im Sport ist vieles möglich. Vielleicht schwimme ich nächste Woche ja doch nach Amerika. Mal sehen.

Quelle: F.A.S.
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