Tennis am Rothenbaum

Das Turnier der Außenseiter

Von Doris Henkel, Hamburg
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 11:39
Der russische Tennisprofi Andrei Rubljew steht im Halbfinale von Hamburg.
Nach Ansicht der Ausrichter ist das Tennisturnier am Rothenbaum größer als seine Teilnehmer. Dazu passt, dass selten Stars gewinnen. Andrei Rubljew ist allerdings auf dem besten Weg, einer zu werden.

Natürlich macht es einen Unterschied, wer am Ende eines Turniers mit dem Pokal in den Händen bei der Siegerehrung steht, und das gilt nicht nur für den Sieger selbst. Aber lange bevor feststand, wer spielen würde, hatte Sandra Reichel, die Direktorin der Hamburg European Open, schon gesagt, wichtig sei doch vor allem, dass das Turnier überhaupt stattfinde.

Nach Wochen der Planungen und Unwägbarkeiten war völlig klar gewesen, dass es keinen normalen Maßstab geben würde. Wie sehr oder ob dieser Sieg jemals in Gefahr war, das weiß die Österreicherin selbst sicher am besten, und aus diesem Blickwinkel betrachtet stand der Erfolg des traditionsreichen Turniers am Rothenbaum lange vor dem letzten Matchball fest.

In der jüngeren Vergangenheit hatte Hamburg immer überraschende Finalisten im Angebot. Der letzte Turniersieg eines Favoriten liegt eine Weile zurück – fünf Jahre sind seit dem Erfolg eines gewissen Rafael Nadal vergangen, der damals im Finale gegen Fabio Fognini aus Italien gewann. Seither stand die Tür für Außenseiter immer ziemlich weit offen, völlig unabhängig davon, wer am Anfang an der Spitze der Setzliste gestanden hatte. Im vergangenen Jahr beispielsweise waren der Österreicher Dominic Thiem und der Local Hero Alexander Zverev an Nummer eins und zwei gesetzt, und alle freuten sich auf eine schöne Bewegung der beiden im Finale – am Ende spielte der Georgier Nikolosz Basilaschwili gegen den Russen Andrei Rubljew um den Titel.

Rubljew verlor seinerzeit im Juli in drei harten Sätzen, aber die Beziehung des jungen Russen zum Rothenbaum scheint darunter nicht gelitten zu haben. Er ist auch diesmal dabei, und es geht ihm offensichtlich wieder gut in Hamburg. Mit einem souveränen Sieg über den Spanier Roberto Bautista Agut (6:2, 7:5) landete er als Erster im Halbfinale, in dem er an diesem Samstag gegen Casper Ruud aus Norwegen spielen wird, der sich gegen Ugo Humbert aus Frankreich durchsetzte (7:5, 3:6, 6:1).

Es war Rubljews 23. Sieg in diesem Jahr, und es gibt nur einen, der 2020 öfter gewonnen hat – die Nummer eins, Novak Djokovic. Er hatte das Jahr – als noch keiner wusste, wie furchtbar kompliziert es werden würde – im Raketentempo mit Turniersiegen in Doha und Adelaide begonnen. Aber auch bei der Fortsetzung ein Dreivierteljahr später machte er einen guten Eindruck und erreichte bei den US Open in New York das Viertelfinale.

Daunenjackentennis in Hamburg

Beim Matchball gegen Bautista Agut schien kurz mal die Sonne ins Stadion, auch bei der Partie danach zwischen dem Griechen Stefanos Tsitsipas und Dusan Lajovic aus Serbien – der Rest des Turniers wird vermutlich eher unter die Kategorie Daunenjackentennis fallen. Am Wetter an den ersten vier Turniertagen hatte es sicher nicht gelegen, dass die erlaubte Zahl von 2300 Zuschauern pro Tag nie erreicht wurde. Es sah so aus, als müsste sich das Hamburger Publikum erstmal wieder an die Idee gewöhnen, dass wieder Profitennis gespielt wird, aber auch darauf kam es am Ende nicht an; Einzelheiten zählten definitiv weniger als das große Ganze.

Quelle: F.A.Z.
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