Judo in Rüsselsheim

„Es ist frustrierend“

Von Achim Dreis
11.09.2021
, 10:21
Olympia-Medaillengewinner und Rüsselsheimer Vorzeige-Kämpfer: Eduard Trippel
Trotz der Silbermedaille von Eduard Trippel bei Olympia in Tokio fehlen dem Judoclub Rüsselsheim Sponsoren. Vor dem Bundesliga-Start muss Trainer Andreas Esper um kleinste Beträge feilschen.

Sage keiner, dass olympische Helden keinen Nachahmungseffekt erzielen: „Die Kindergruppen sind voll“, schwärmt Judo-Trainer Andreas Esper über das muntere Kämpfen auf Rüsselsheimer Matten. Von einem Judo-Boom wie einst im Tennis möchte der Macher des JC Rüsselsheim (JCR) zwar nicht sprechen: „Davon sind wir weit entfernt.“ Doch mit dem gewachsenen Zuspruch ist der Sportlehrer durchaus zufrieden: „Auch einige, die aufgehört hatten, sind wieder eingestiegen.“ Einen gewissen Ertrag hat der Olympia-Erfolg seines besten Kämpfers also doch bewirkt.

Eduard Trippel, 24 Jahre altes Eigengewächs aus Rüsselsheim, gewann im Sommer in Tokio die Silbermedaille in der Klasse bis 90 Kilogramm. Dieser großartige Erfolg im Nippon Budokan, dem wichtigsten Judo-Tempel der Welt, hat ihm danach auch in der heimatlichen Industriestadt am Main frei nach Andy Warhol seine Viertelstunde Berühmtheit eingebracht. Wahrscheinlich sogar ein bisschen mehr: Empfang beim Bürgermeister mit Eintrag ins Goldene Buch der 66.000-Einwohner-Stadt inklusive.

Doch sollte er den Traum, dass sich sein Leben nun grundlegend ändern könnte, tatsächlich geträumt haben, dann ist Trippel binnen weniger Wochen wieder auf dem Boden der bundesdeutschen Tatsachen gelandet. „Ich lerne“, sagt er am Telefon über seine aktuelle Hauptbeschäftigung. Das Studium an der hessischen Polizeihochschule hatte wegen der vielen Trainingseinheiten vor den Olympischen Spielen gelitten. Stoff muss von ihm nachgeholt, Klausuren nachgeschrieben werden. Und leben, so viel steht fest, wird Trippel von seinem olympischen Judo-Ruhm in Zukunft nicht können.

Großer Rummel nach der Rückkehr aus Tokio: Eduard Trippel (l.) mit Trainer Andreas Esper und seinen Olympia-Medaillen in Einzel und Mannschaft
Großer Rummel nach der Rückkehr aus Tokio: Eduard Trippel (l.) mit Trainer Andreas Esper und seinen Olympia-Medaillen in Einzel und Mannschaft Bild: dpa

„Wir hatten schon gehofft, dass sich in Sachen Sponsoring etwas mehr tut“, bekennt Esper, der nicht nur als Trippels Heimtrainer fungiert, sondern sich auch um die Belange des Bundesliga-Teams des JCR kümmert. Und generell um alles, was in Rüsselsheim mit Judo zu tun hat. „Es müssten einem die Tränen kommen“, klagt er im Laufe des Gesprächs, je tiefer er in die Problematik der Vermarktung seiner Randsportart einsteigt. „Es geht um kleinste Beträge, wir feilschen um hundert Euro“, so Esper kopfschüttelnd – um dann nach einer Pause resigniert nachzulegen: „Ich kann das nicht mehr.“

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Judo bei Olympia
Auf die Matte

Die Unterstützung eines Rüsselsheimer Jungen, der von Rüsselsheim aus die Sportwelt erobert hat, sollte nach Espers Auffassung zur lokalen Unternehmerwelt passen. Eigentlich. Doch selbst die in Rüsselsheim ansässige Weltmarke Opel habe sich in keiner Weise nach den Olympischen Spielen erkenntlich gezeigt. Nicht mal für die Mannschaft. „Sehr bedauerlich“ findet es der Trainer, dass seine Riege selbst Kleinbusse aus dem Fahrzeug-Pool für die Auswärtsfahrten in der an diesem Samstag beginnenden Judo-Bundesliga nicht mehr zur Verfügung gestellt bekommt: „Es ist frustrierend.“

Bundesliga-Auftakt in Heidelberg

Nun ist eine Fahrt zum Bundesliga-Turnier nach Heidelberg, wo am Samstag von 13.00 Uhr an der erste Kampftag für die Rüsselsheimer gegen die TSG Backnang, den VfL Sindelfingen und den 1. JT Heidelberg/Mannheim ansteht, für Esper und seine Mitstreiter auch in Eigeninitiative zu bestreiten, doch es ist die fehlende Wertschätzung, die bohrt – und zwar tief.

Die Bundesliga-Saison wird auch so schon anstrengend für die beteiligten Judoka, denn die vier Kampftage der Vorrunde mit jeweils zwei bis drei Begegnungen sind an den kommenden vier aufeinander folgenden Samstagen angesetzt. Besonders für Kämpfer, die für den Einsatz in ihrer Klasse Gewicht machen müssen, eine nur schwer zu bewältigende Aufgabe.

Die Hauptattraktion des Klubs wird sich wohl eher nicht quälen müssen. Nach dem Silbergewinn bei Olympia zieht es Eduard Trippel derzeit nicht auf die Bundesliga-Matte. Weil sein Studium vorgeht, befindet er sich auch nicht mehr in bester Form; sein Team unterstützen will er aber.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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