Antetokounmpo bei den Bucks

„Freak“ ohne Ego

Von Jürgen Kalwa, New York
21.07.2021
, 17:28
Die Milwaukee Bucks haben nach 50 Jahren wieder den Titel in der NBA geholt. Mit einem Basketball, der die Länge der Akteure honoriert – und einem Giannis Antetokounmpo, der alle überragt.

Der Spieler, den die Milwaukee Bucks vor acht Jahren verpflichteten, war gerade einmal 18 Jahre alt und ein unbeschriebenes Blatt. Kind einer nigerianischen Familie, die nach Athen ausgewandert war und erst seit wenigen Wochen im Besitz eines griechischen Passes. Ein Basketballer, dessen Körper damals seinen letzten Wachstumsschub noch vor sich hatte und der in seinem ersten Profijahr noch sechs Zentimeter zulegte. Und der einen Namen hatte, der ganz und gar nicht einfach über die Zunge rollt: Giannis Antetokounmpo.

Sein Spitzname – „Greek Freak“ – war deshalb auch nur halb so despektierlich gemeint, wie es klang. Ein NBA-Profi mit derart langen Armen und riesigen Händen und einer enormen Sprungkraft, einer, der mit dem Ball oder ohne, im Angriff und in der Defensive jeden Gegner vor Probleme stellt, trifft schließlich nicht alle Tage in der NBA ein. Spätestens seit Dienstag ist es sehr viel einfacher geworden, den 26-Jährigen zu beschreiben und im selben Atemzug zu klassifizieren. Denn da sicherte Antetokounmpo den Milwaukee Bucks zum ersten Mal seit 50 Jahren die Meisterschaft.

Selbst die Freiwürfe fielen

Das Team aus Wisconsin bezwang in eigener Halle im sechsten Spiel der Finalserie die Phoenix Suns mit 105:98. Antetokounmpo, die Nummer 34, rundete mit einer herausragenden Leistung eine ungewöhnlich strapaziöse Saison ab. Obwohl er noch vor wenigen Wochen im Halbfinale gegen die Atlanta Hawks eine schwere Knieverletzung erlitten hatte, lieferte er mit 50 Punkten im Angriff und fünf Blocks in der Verteidigung einen weiteren Nachweis seiner Qualitäten ab: überragende körperliche Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Treffsicherheit. Er überwand diesmal sogar seine einzige Schwäche und verwandelte fast alle Freiwürfe. Eine Darbietung, die mit der Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Finalserie honoriert wurde.

Der Erfolg der Bucks, die Antetokounmpo im Dezember für weitere fünf Jahre an sich gebunden hatten und ihm dafür ein Gehalt von insgesamt 228 Millionen Dollar garantierten, markiert den Beginn einer neuen spielstilistischen Phase in der NBA. Nachdem in den vergangenen Jahren Teams wie die Golden State Warriors mit ihrem quirligen, reflexhaften Attacken und zielsicheren Drei-Punkte-Würfen ihre Gegner bezwungen hatten, zeigte bereits der Titelgewinn der Los Angeles Lakers im letzten Jahr, wie viel Potential sich mit großgewachsenen Typen entfalten lässt. Vorausgesetzt, sie bringen eine explosive Athletik mit und einen siebten Sinn für ein temporeiches Spiel. So bezwang Milwaukee Phoenix unter anderem auch deshalb, weil es neben Antetokounmpo lange Kerls wie Brook Lopez und Bobby Portis unter den Korb abkommandieren konnte, die während der Playoffs ihre Rebound-Qualitäten demonstrierten.

Zu den Bausteinen des Erfolgs gehören in Milwaukee noch ein paar Figuren, die angesichts des Rummels um Antetokounmpo vergleichsweise wenig Beachtung finden: Darunter Spielmacher Jrue Holiday und Flügel Khris Middleton, deren Wert das Bucks-Management mit hochdotierten Verträgen honoriert hat. Und Trainer Mike Budenholzer, der nach einer längeren Periode als hoch geschätzter Assistenztrainer der San Antonio Spurs und einer ersten Erfahrung als Head Coach mit den Atlanta Hawks 2018 in Milwaukee anheuerte. Seine Bilanz mit den Bucks war gemischt. Das Team war in der regulären Saison regelmäßig stark, blieb jedoch in den Playoffs im entscheidenden Moment immer wieder auf der Strecke. Der Titelgewinn nach den beiden Niederlagen in den ersten Begegnungen der Finalserie zeigte jedoch, dass es Budenholzer durchaus versteht, eine Mannschaft so vorzubereiten, dass sie auf dem Platz ihr komplettes Können abruft.

Glück gegen die Nets

Eine ordentliche Portion Glück gehörte diesmal allerdings auch dazu. So gewannen die Bucks die bis in die letzten Sekunden hart umkämpfte Viertelfinal-Serie gegen die Brooklyn Nets wohl vor allem deshalb, weil deren überragender Akteur Kevin Durant bei seinem Wurf im entscheidenden Moment mit seiner Fußspitze die Drei-Punkt-Linie berührte. Statt eines Dreiers, mit dem die Nets gewonnen hätten, bekam Durant nur zwei Punkte zugestanden und verlor mit seinem Team die Partie in der Verlängerung.

Wie gut, dass jemand wie Giannis Antetokounmpo sich nicht gerne mit dem „Wenn und Aber“ des Sports aufhält. Obwohl er sich gründlich mit dem psychologischen Aspekt seines Jobs beschäftigt. Sich zu sehr mit der Vergangenheit zu beschäftigen, sei ihm zu egozentrisch, sagte er vor ein paar Tagen. Zu weit nach vorne zu schauen, sei von zu viel persönlichem Stolz geprägt. „Ich versuche, mich auf jeden jeweiligen Augenblick zu konzentrieren. Das ist Ausdruck von Bescheidenheit und bedeutet, keine zu großen Erwartungen zu erzeugen. Aber es bedeutet auch, den Wettkampf auf hohem Niveau zu führen.“ Und nebenbei der staunenden Welt zu zeigen, dass er alles andere als ein Freak ist, sondern ein Modellathlet. Ein Muster von besonderem Wert.

Quelle: F.A.Z.
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