Start der US Open im Golf

Kann daraus noch Liebe werden?

Von Wolfgang Scheffler
17.06.2021
, 07:16
Mehr als eine Rechnung offen: Mickelson beim Heimturnier
„Es ist der Garten hinter meinem Haus, ein ganz besonderer Ort“: Golfprofi Phil Mickelson ist der sentimentale Favorit der US Open. Für den 51-Jährigen ist es wohl die allerletzte Chance, das Major zu gewinnen.

Es scheint alles bestens gerichtet für ein traumhaftes Happy End einer langen Geschichte. Die US Open, das dritte Golf-Major des Jahres, findet von diesem Donnerstag bis Sonntag auf dem South Course von Torrey Pines statt, jener öffentlichen Anlage in La Jolla, einem Stadtteil von San Diego, auf der Phil Mickelson aufwuchs. „Es ist der Garten hinter meinem Haus, ein ganz besonderer Ort für mich“, beschreibt der Linkshänder die beiden Plätze an der Pazifikküste. Es wäre also der ideale Platz für „Lefty“, um bei seiner 30. Teilnahme an der offenen Meisterschaft seines Heimatlandes endlich nach sechs zweiten Plätzen als sechster Profi den modernen „Karriere-Grand-Slam“ zu vollenden, den Sieg bei allen vier Großereignissen des Jahres.

Vier Wochen nachdem der Kalifornier als bisher ältester Spieler mit 50 Jahren auf dem extrem schweren Platz von Kiawah Island (South Carolina) vollkommen überraschend die 103. PGA Championship gewann, ist Mickelson der sentimentale Favorit. Denn wer würde dem Mann, der seinen sechsten Triumph bei einem der vier Majors, seinen 45. auf der PGA Tour, dreißig Jahre nachdem er als junger Amateur auf der wichtigsten Turnierserie der Welt erstmals triumphiert hatte, nicht einen weiteren Coup gönnen?

Und das auf dem Platz, auf dem er 1993 sein erstes Turnier als Profi gewann. Wäre nicht Torrey Pines, wo Tiger Woods 2008, wie es hieß „auf einem Bein“, die US Open gewann, die ideale Bühne für seinen ärgsten Konkurrenten, um endlich den Titel zu gewinnen, der ihm einige Male auf so grausame Weise verweigert worden war?

Telefon aus, Vorbereitung an

Am Mittwoch ist Mickelson 51 Jahre alt geworden. Groß gefeiert hat er nicht. Seit er vor drei Wochen, gezeichnet von der Nervenschlacht auf dem Ocean Course von Kiawah Island, beim Colonial Tournament in Fort Worth (Texas) den Cut verpasste, richtet sich sein ganzes Augenmerk auf diese US Open, vielleicht die allerletzte Chance, sie endlich einmal zu gewinnen.

Mickelson, der mittlerweile in Rancho Santa Fe lebt, ist schon in der vorigen Woche die 20 Kilometer von seinem Wohnort nach Torrey Pines gereist. „Ich hatte die Chance, mich gründlich vorzubereiten. Ich habe allen Lärm um mich herum, auch mein Telefon abgeschaltet, um mich ganz auf diese Woche zu konzentrieren und mir die Chance zu geben, in dieser Woche mein bestes Golf zu spielen.“ Denn dass dieses Heimspiel kein Kinderspiel wird, weiß Mickelson am besten.

Auf dem Grün mit Blick aufs Blau: Phil Mickelson beim Training vor den US Open
Auf dem Grün mit Blick aufs Blau: Phil Mickelson beim Training vor den US Open Bild: AFP

Mit dem South Course verbindet den Golf-Senior eine Hassliebe. Am 11. Februar 2001 gewann Mickelson das Buick Invitational, das heute Farmers Insurance Open heißt, in Torrey Pines, sein 18. Erfolg auf der PGA Tour. Es war bereits der dritte Sieg für den Profi aus San Diego in seiner Heimatstadt – und der Beginn einer emotionalen Beziehung, in der sich die Zuneigung im Laufe der Jahre immer mehr in Abneigung wandelte. Denn dieser Triumph vor zwanzig Jahren war das letzte Mal, dass der Publikumsliebling auf seinem Heimatplatz eine Trophäe hoch hielt. Drei Monate nach diesem Erfolg pflügten Bulldozer den South Course komplett um. Der berühmte Golfplatz-Architekt Rees Jones sollte diesen Platz komplett neu gestalten, um ihn fit für die US Open zu machen.

Schon ein Jahr nach dem Umbau vergab der amerikanische Golfverband 2002 die US Open für 2008 nach San Diego. Tiger Woods, der in Torrey Pines erstmals 1999 gesiegt hatte, gewann nicht nur diese US Open trotz eines Kreuzbandrisses und eines Ermüdungsbruchs im linken Bein, er entwickelte sich auch zum größten Nutznießer des Umbaus und feierte weitere sechs Siege auf dem umgebauten Platz. Mickelson dagegen fand auf dem neuen South Course nie zur Bestform, nur einmal vor zehn Jahren, als er hinter seinem Landsmann Bubba Watson den zweiten Platz belegte, hatte er eine Siegeschance.

Besonders bitter sieht die Bilanz von Mickelson in den vergangenen sieben Jahren aus. Drei Mal verpasste er den Cut, sein bestes Ergebnis erreichte er 2017 mit Platz 14. Einmal sogar verzichtete er auf das Heimspiel und spielte lieber im Nahen Osten. Aber diese schlimmen Erinnerungen hat Mickelson verdrängt. „Ich habe jetzt mehr als eine Woche auf dem Platz verbracht, um ihn neu kennenzulernen. Ich habe viele Stunden die Grüns studiert“, sagte Mickelson, der aber auch weiß, dass sich märchenhafte Siege im Sport äußerst selten aneinanderreihen.

Genauso sehen es die Fans. Bei den Buchmachern wird Mickelson wie die beiden Deutschen im Feld, Martin Kaymer und der Amateur Matthias Schmid, unter „ferner liefen“ geführt. Ganz oben steht der Spanier Jon Rahm, der von seiner Covid-19-Erkrankung genesen ist, vor dem amerikanischen Titelverteidiger Bryson DeChambeau und dem Weltranglistenersten Dustin Johnson.

Quelle: F.A.Z.
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