Aus im EM-Viertelfinale

Gehemmte deutsche Volleyballer

Von Achim Dreis
16.09.2021
, 15:22
Gar nicht mehr so jung und vor allem nicht wild: Deutsche Volleyballer wirken im EM-Viertelfinale gehemmt.
Als es drauf ankommt, zeigen sich die Schwächen. Um den Anschluss an die Weltspitze herzustellen, müssen die gar nicht so jungen und vor allem nicht wilden deutschen Volleyballer „ein Stück drauflegen“.

Von „jungen, wilden“ Spielern in seinem Team wollte Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani schon vor dem EM-Viertelfinale gegen Italien nichts mehr hören. „Es sind junge, aber schon erfahrene Spieler“, betonte der 51-Jährige. Auch Akteure wie die Mittelblocker Tobias Krick und Anton Brehme, beide erst 22, oder Libero Julian Zenger, 24, seien „schon seit 2017 dabei“.

Im Umkehrschluss erfolgt daraus aber auch die Abkehr von der These, dass „Unbekümmertheit“ ein Schlüssel zum Erfolg seines Teams sein könnte. Und genau an dieser Schlüsselqualifikation fehlte es den Deutschen dann tatsächlich im K.-o.-Spiel gegen die Vertretung aus Gianis Heimatland: Die Mannschaft wirkte gehemmt und konnte zu keinem Zeitpunkt Druck auf den Gegner ausüben, der sich 3:0 (25:13, 25:18, 25:19) durchsetzte.

Schon der erste Satz wirkte wie ein K.-o.-Schlag, vor allem nachdem Altstar und Anführer Georg Grozer wegen einer Knieverletzung das Parkett verlassen musste. Mit dem 36-Jährigen auf der Position des Diagonalangreifers war bis zum Stand von 10:17 schon nicht viel gelungen, danach bis zum 13:25 erst recht nicht. Auch in den folgenden beiden Sätzen hatte Zuspieler Jan Zimmermann größte Mühe, das ungeordnet wirkende Annahmespiel seiner Mitstreiter halbwegs zu sortieren, um wenigstens ein paar vielversprechende Angriffe einleiten zu können. Doch der aus der Not entstandene Angriffsdruck war viel zu gering, um die sattelfeste italienische Annahme in Schwierigkeiten zu bringen. Nur 39 Prozent ihrer Attacken konnten die Deutschen in Punkte umwandeln. Dagegen standen 56 Prozent auf Seiten der Italiener, die auch in anderen Bereichen der in Statistik verliebten Sportart punkten konnten: 4:0 Asse und 10:2 Blockpunkte verdeutlichen die Richtung, in der das Spiel lief.

Trainer Giani: Um wirklich mithalten zu können, „müssen wir noch ein Stück drauflegen“.
Trainer Giani: Um wirklich mithalten zu können, „müssen wir noch ein Stück drauflegen“. Bild: EPA

Giani lobte die „hohe Qualität“ der italienischen Spielweise, für die einer seiner langjährigen Weggefährten verantwortlich zeichnete. Der italienische Cheftrainer Ferdinando De Giorgi war als Zuspieler zu Hoch-Zeiten des italienischen Volleyballs gemeinsam mit Giani in den 1990er Jahren dreimal nacheinander Weltmeister geworden.

Der heute 59-Jährige hatte erst in diesem Jahr das Nationalteam übernommen und tatsächlich eine junge und wilde Mannschaft aufgeboten, die im Durchschnitt erst 23 Jahre alt ist, aber sehr eindrucksvoll aufspielt. In bislang sieben EM-Spielen hat die Squadra Azzurra erst zwei Sätze abgegeben. Sie geht auch gegen Titelverteidiger Serbien nicht chancenlos ins Halbfinale am Samstag in Kattowitz.

Den Schritt dorthin, wo sich im zweiten Halbfinale Weltmeister Polen und der EM-Zweite Slowenien messen, wären auch die Deutschen gerne gegangen. Doch für sie blieb nach einer insgesamt überzeugenden Vorrunde mit vier Erfolgen in fünf Spielen und dem Achtelfinalsieg gegen Bulgarien wie schon 2019 die Hürde Viertelfinale unüberwindbar. Zwar betonte Giani, dass sich seine Spieler dichter an die Top-Teams in Europa herangespielt hätten. Doch um wirklich mithalten zu können, „müssen wir noch ein Stück drauflegen“.

Schon bei der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 und zu den Olympischen Spielen in Tokio hatte dieses entscheidende Quentchen Qualität gefehlt: beide Male scheiterte das deutsche Team knapp und musste zuschauen, als sich die wirklich Großen im Kampf um Medaillen maßen. Nur einmal hatte Deutschland unter Gianis Führung bislang EM-Silber gewonnen: es war 2017 – bei seinem erstes Turnier als verantwortlicher Trainer, als einige seiner heutigen Stammspieler tatsächlich noch „jung und wild“ waren. Die nächste Chance wird die WM 2022 in Russland sein. Noch ist allerdings unklar, wer das Team dorthin führen soll. Der Vertrag des Bundestrainers läuft vorher aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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