Volleyball-EM

Mann mit Federbeinen

Von Achim Dreis
15.09.2021
, 10:18
Außenangreifer Nummer eins: Moritz Karlitzek
Bundestrainer Andrea Giani hat sich vor dem Viertelfinale der Volleyball-EM auf seine Topbesetzung festgelegt. Dazu gehört Moritz Karlitzek als Außenangreifer Nummer eins.
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Verglichen mit dem deutschen Durchschnittsmann erscheint Moritz Karlitzek dank seiner 191 Zentimeter Körperlänge recht groß gewachsen, für einen Volleyball-Profi dagegen eher nicht. „Bisschen klein“, meint auch der 25-Jährige über sich selbst: „Ich würde gerne noch ein paar Zentimeter dazu nehmen.“ Doch obwohl er nicht an das Maß seiner Teamkollegen im deutschen Volleyball-Nationalteam heran ragt, die im Schnitt 1,98 Meter messen, konnte sich Karlitzek zum Außenangreifer Nummer eins im Verlauf der EM hervorspielen. Und auch vor dem EM-Viertelfinale an diesem Mittwoch gegen Italien in Ostrava ist er für die Startformation gesetzt.

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Seine auffallend ausgeprägte Sprungkraft kommt dem „kleinen“ Angreifer bei seinen Attacken zugute, wobei er betont, nichts Besonderes dafür zu tun. „Es ist Genetik“, meint der Unterfranke über seine „Federbeine“. Als Kind hat er Leichtathletik betrieben, was sicher keine schlechte Basis legte, heutzutage arbeitet er im Kraftraum sehr gewissenhaft daran, dass seine Beinmuskulatur stark bleibt. „Den Knien soll es gut gehen“, sagt Karlitzek selbst – was auch ein Grund dafür ist, dass er stets mit langen, eng anliegenden Hosen unter den Shorts spielt: „Ich fühle mich besser, wenn meine Knie warm sind.“

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Bundestrainer Andrea Giani, der ihn auch ein Jahr lang als Vereinstrainer in Modena betreute, lobt in erster Linie Karlitzeks Effizienz im Angriff, dazu auch dessen enorme Quote bei den Aufschlägen. Alleine im Achtelfinale setzte er den Bulgaren beachtliche sechs Asse vor die Füße. Mit 53 bislang in den sechs Turnierspielen erzielten Punkten führt Karlitzek sogar die Rangliste der fünf deutschen Außenangreifer an. Dahinter folgen Denys Kaliberda (32) und Kapitän Christian Fromm (28), den Karlitzek schon gegen Bulgarien aus der ersten Sechs verdrängt hatte. Nur Star Georg Grozer auf der Diagonalposition (74) punktete noch häufiger.

Dass Karlitzek zu Beginn des Turniers noch nicht ganz so stark in Erscheinung trat, lag an einer eher banalen Problematik, denn eine Nagelbettentzündung schränkte ihn ein. Bundestrainer Giani löste die Sache pragmatisch, denn neben sportlichem Erfolg strebte er auch an, dass alle Akteure in der Vorrunde in Tallinn Spielanteile bekommen. Erst jetzt, in der K.o.-Runde, hat er sich auf einen Topbesetzung festgelegt. „Es spielt die gleiche Mannschaft, die auch gegen Bulgarien spielte“, sagte er vor dem Italien-Spiel unmissverständlich.

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Prestigeduell gegen Italien

Seine eigene Erwartungshaltung vor der Partie unter besonderen Vorzeichen könnte kaum höher sein: „Unser Spiel auf ein neues Level heben,“ so lautet sein Anspruch. Gleichwohl soll die Anspannung vor der Aufgabe auch nicht zu groß sein. „Es ist wichtig, dass wir dieses Spiel genießen können“, so der 51 Jahre alte Giani, der selbst 474 Mal das italienische Trikot trug, zum Rekordnationalspieler der Squadra Azzurra avancierte und viermal den EM-Titel gewann - drei Mal Weltmeister war der universell einsetzbare Mittelblocker ebenfalls.

Vor dem Prestigeduell gegen sein Heimatland gelingt Giani nun eine Art Persönlichkeitsspaltung: „Es gibt zwei Momente für mich“, sagt er: „Der Moment, wenn man die Hymne hört“ sei der emotionale Teil. Doch mit dem Moment, wenn das Spiel beginnt, gibt es nur noch „meine Mannschaft, die gegen eine andere spielt“.

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Dank seiner Italien-Erfahrung kennt Karlitzek alle Spieler, die auf der Gegenseite des Netzes stehen, er will sich aber gar nicht zu viele Gedanken machen. Nach Aussage des deutschen Teamleaders Georg Grozer zeichnet ihn aus, dass er „unglaublich viel positive Energie in die Mannschaft bringt“.

Ein Lob, dass Karlitzek gerne annimmt und auch zurück gibt, wenn er betont, wie wichtig ihm der Spaß mit den Jungs sei. Einen harten Konkurrenzkampf mit den fünf Anwärtern um die beiden Posten im Außenangriff will er so gar nicht wahrnehmen. Karlitzek sagt: „Von außen sieht das vielleicht so aus, aber intern haben wir eine sehr gute Atmosphäre“. Es kommt eben immer auf die Perspektive an.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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