Wetteinnahmen aus Hongkong

Neue Wege im alten Galoppsport

Von Peter Mühlfeit
16.08.2022
, 10:24
In Hoppegarten nicht zu halten: Rebel’s Romance (vorne)
200 Jahre nach der Geburtsstunde des Galoppsports in Deutschland ist er in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage – doch es gibt Hoffnung.
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Hongkong zählt zu den internationalen Hotspots des Galopprennsports, getrieben durch die schier unbändige Wettlust der Chinesen. In der ehemaligen britischen Kronkolonie übersteigen die Tagesumsätze oftmals leicht die gesamten Jahreseinnahmen in Deutschland, die bei rund 26 Millionen Euro liegen. An einen Bruchteil dieses Geld zu kommen ist deshalb hochinteressant. Erstmals konnten nun zwei Rennen aus Deutschland in Hongkong direkt bewettet werden, darunter der Westminster 132. Große Preis von Berlin, den am Sonntag der englische Gast Rebel’s Romance gewann.

Der Grand Prix ist eines von sieben Rennen in Deutschland der höchsten Kategorie Europa-Gruppe I. „Es ist ein Versuchsballon“, sagte Gerhard Schöningh, Besitzer der Hauptstadt-Rennbahn in Hoppegarten. Es war kein Zufall, dass Winfried Engelbrecht-Bresges, seit 2007 Geschäftsführer des Jockey-Klubs in Hongkong, als Hauptredner auftrat. „Deutschland kann sich mit seinen Gruppe-I-Rennen international positionieren“, sagte er auf der 200-Jahr-Feier des deutschen Galoppsports. „Die deutsche Zucht mit gerade einmal 2000 Pferden steht besser da als viele größere Rennsport-Nationen.“

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Beispielhaft dafür stehen die Erfolge von Star Appeal, Danedream und Torquator Tasso im Prix de l’Arc de Triomphe, dem wichtigsten Galopprennen der Welt. „Basierend auf der Stärke der deutschen Vollblutzucht“, sei eine internationale Vermarktung möglich, um die Einnahmeseite der Rennvereine zu verbessern.

Die Rennvereine sind zentral

„Die wirtschaftliche Situation bleibt kritisch“, sagte Engelbrecht-Bresges, der in den 1990er-Jahren den deutschen Verband führte. Die Pferderasse „Englisches Vollblut“, mit der weltweit der größte Teil aller Pferderennen ausgetragen wird, geht auf das „General Stud Book“ des Briten James Weatherby aus dem Jahre 1793 zurück. Nur Pferde, deren Ahnenreihe auf dieses erste Gestütbuch zurückgeführt werden kann, gelten als Englische Vollblüter. Als Maßstab für die Qualität der Zucht galten weder Größe noch Aussehen, sondern die Rennleistung.

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Die Rennen am 10. August 1822 in Bad Doberan wiesen klare Zuchtkriterien aus, deshalb gelten sie als die Geburtsstunde des deutschen Galoppsports vor 200 Jahren. Drei Tage danach gründete sich unter dem späteren Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg der Doberaner Rennverein – viele Jahrzehnte vor den ersten deutschen Vereinen im Fußball, Tennis oder Golf. Nur die Turner waren schneller – der TV Friedland entstand 1814 in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Rennvereine sind zentral für die Durchführung der Rennen als Leistungsprüfung zur Zuchtauslese. Die älteste durchgehend geführte Leistungsprüfung ist das Union-Rennen in Köln. Es wird seit 1834 für dreijährige Pferde gelaufen. Das Deutsche Derby in Hamburg gibt es mit Vorgänger Norddeutsches Derby „erst“ seit 1868.

Zu den Meilensteinen der 200-jährigen Geschichte gehört die Einführung des Totalisators 1875 in Berlin nach französischem Vorbild. Statt den privaten Buchmachern flossen nun die Wetteinnahmen den Rennvereinen zu. Je nach Wettart werden zwischen 65 und 85 Prozent des Umsatzes an die Gewinner ausgeschüttet – deutlich mehr als beim staatlichen Lottospiel. Bis heute sind die Wetten die wichtigste Einnahmequelle der noch rund 30 aktiven Rennvereine, die großteils mit finanziellen Problemen zu kämpfen haben.

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So liegt auch die Ostsee-Rennbahn in Bad Doberan seit drei Jahren wieder brach, wie schon zu DDR-Zeiten. Nach der Wiedervereinigung gab es einen Neustart, doch es gelang zwei Rennvereinen nicht, eine solide finanzielle Grundlage zu schaffen. Der älteste durchgehend aktive Rennveranstalter ist der Düsseldorfer Reiter- und Rennverein von 1844. Die Hauptstadt-Rennbahn in Hoppegarten, 1868 vom späteren Kaiser Wilhelm I. offiziell eröffnet, fristete nach 1945 ein Mauerblümchen-Dasein bis zur Wiedervereinigung. Heute blüht sie nur dank der vielen Millionen, die der Fondsmanager Schöningh investiert hat: nach eigenen Angaben mehr als 26 Millionen Euro seit dem Kauf 2008.

Ähnlich bewegt ist die Geschichte der 1858 gegründeten Rennbahn Baden-Baden. Seit der Insolvenz des Internationalen Klubs 2009 hat es schon zwei Betreiber gegeben: Baden Racing und seit dem vergangenen Jahr Baden Galopp. Dessen Geschäftsführer Stephan Buchner, ein Rechtsanwalt aus Mannheim, liegt in den letzten Vorbereitungszügen auf das Prunkstück, die Große Woche. Die fünf Renntage entscheiden zu einem hohen Maß über das Wohl und Wehe der Rennbahn, die seit 70 Jahren sportlich und wirtschaftlich die Nummer eins in Deutschland ist.

Dort wird Ende August eine zukunftsweisende Personalentscheidung getroffen. Manfred Ostermann legt nach 18 Jahren sein Amt als Präsident der einflussreichen Besitzervereinigung nieder. Als wahrscheinlicher Nachfolger gilt Gregor Baum, Besitzer des Gestüts Brümmerhof und Präsident des Rennvereins in Hannover, der vor Kurzem erst von diversen Verbandsfunktionen zurückgetreten war. „Der Rennsport und die Vollblutzucht befinden sich in einer schwierigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation. Deshalb werde ich nicht kneifen und mich zur Wahl stellen“, erklärte Baum. Heftig gestritten wird auf vielen Ebenen um eine zukunftsweisende Strategie, damit der Galoppsport auch in 50 Jahren noch ein Jubiläum feiern kann.

Quelle: F.A.Z.
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