FAZ plus ArtikelZum Tod von Willi Holdorf

„Ich muss, muss, muss!“

Von Hartmut Scherzer
06.07.2020
, 21:23
Erschöpft, aber ganz oben: Auf dem Siegerpodest im Nationalstadion von Tokio umarmt Willi Holdorf (M.) seinen Landsmann Hans-Joachim Walde (r.).
Willi Holdorf war der erste deutsche Olympiasieger im Zehnkampf. Sein Zusammenbruch nach dem 1500-Meter-Lauf 1964 in Tokio ist legendär geblieben. Zum Tod eines Kämpfers.
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Wie betrunken torkelt Willi Holdorf auf den letzten zehn Metern. Der „Sterbende“, so die dramatische Metapher des französischen Journalisten Edouard Seidler in seiner preisgekrönten Reportage über die Olympischen Spiele 1964 in Tokio, taumelt quer über die Aschenbahn. Der wie ums Überleben kämpfende deutsche Athlet erreicht die Ziellinie hart an der Balustrade. Dann bricht er zusammen.

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Der Este Rein Aun im roten Trikot der Sowjetunion hebt den Sieger auf, der nichts vom Goldgewinn weiß. Noch halb bewusstlos und noch immer schwankend, klammert sich Holdorf an ihn. Ich habe die Szene von der Pressetribüne im Medji-Nationalstadion aus beobachtet. Weil es ein „German final“ sei, hat der amerikanische Sportchef der Nachrichtenagentur United Press International (UPI) seinen deutschen Reporter zusätzlich – und erstmals – zu den Leichtathleten geschickt. „The balding German“ (balding = schütteres Haar) führt nach dem ersten Tag. „He could win.“ Chancen hatte auch Hans-Joachim Walde. Es ist der frühe Abend des 20. Oktober, kühl und feucht. Am Himmel hängt der gelbe Vollmond. Das Flutlicht ist eingeschaltet. Nur ein paar tausend schweigsame Japaner haben ausgeharrt. Deutsche Olympia-Teilnehmer und die Jungen und Mädchen des deutschen Jugendlagers machen sich lautstark bemerkbar.

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