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Wladimir Kramnik

„Manche Stellungen spielt er wie Gott“

Von Stefan Löffler, Berlin
 - 12:51

Welch ein Start für Wladimir Kramnik. Nach drei Spieltagen führt der frühere Weltmeister das Kandidatenturnier allein an. Alexander Grischtschuk lockte er erfolgreich in Zeitnot. Gegen Lewon Aronjan brach er schon im siebten Zug einen verblüffenden Königsangriff los und zwang den Mitfavoriten mit mehreren Opfern ins Schachmatt. Nur Sergei Karjakin ist ihm durch akribische Zähigkeit in ein Remis entkommen. Auf den momentan zweitplazierten Fabiano Caruana trifft Kramnik an diesem Mittwoch mit Weiß. Der früher aus solider Defensive agierende Hauptvariantenspieler hat sich in den vergangenen Jahren als Angreifer, der früh neue Wege einschlägt, neu erfunden.

Sein prägender Einfluss auf das heutige Schach spiegelt sich in den Einschätzungen seiner Kollegen wider. „Wlad ist wahrscheinlich der Spieler, der Schach am besten versteht“, schwärmt Maxime Vachier-Lagrave. Artur Jussupow findet: „Manche Stellungen spielt er wie Gott.“ Der frühere Weltmeister Garri Kasparow hat seinem Nachfolger bescheinigt, „andere machen Züge, Kramnik spielt Schach.“ Peter Leko hat „das Gefühl, dass er der aktuellen Theorie immer um ein paar Jahre voraus ist“. Mit dem unglaublichen Seitenschritt seines Turms im siebten Zug gegen Aronjan hat Kramnik das bestätigt.

Kreativität und Disziplin gehen bei dem heute 42 Jahre alten Russen einher. Dabei galt er zu Beginn seiner Karriere als schlampiges Genie. Angesichts seiner schlechten Ernährung, mangelnder Motivation und durchzechter Nächte fürchteten Freunde, dass er sein Talent wegwerfe. Die Chance auf einen WM-Kampf gegen Kasparow wirkte Wunder: Kramnik begann Sport zu treiben, schränkte das Rauchen ein und erarbeitete sich ein Repertoire, an dem sich Kasparow die Zähne ausbeißen sollte. Doch Fleiß ist keine Erfolgsgarantie.

Als er 2007 in Mexiko-Stadt seinen Weltmeistertitel abtreten musste, passte zwar seine Vorbereitung, aber er nutzte seine Chancen nicht. Vor und während des WM-Kampfes 2008 in Bonn gegen Vishy Anand wollte er alles besonders gut machen. In der Wahl seiner Eröffnungen lag er allerdings komplett daneben. Kramnik ignorierte das mit seinem Team erstellte Profil seines WM-Gegners und hörte sich vor seiner entscheidenden Weiß-Niederlage nicht einmal an, was seine Sekundanten in der Variante, die aufs Brett kam, analysiert hatten. So schildert es sein damaliger Manager Carsten Hensel in „Wladimir Kramnik – Aus dem Leben eines Schachgenies“.

Mit dem Verlust des WM-Titels sei eine Last von Kramnik abgefallen. Seitdem gehe er glücklicher durchs Leben. Damals gab es laut Hensel lukrative Jobangebote aus der Wirtschaft. Doch Kramnik blieb Schachprofi und genießt das Familienleben mit seiner Frau, einer französischen Journalistin, und zwei Kindern in Genf.

Seine Weltmeisterjahre waren dagegen überschattet von schachpolitischen Intrigen, von einem Skandalmatch gegen Wesselin Topalow unter gegenseitigen Betrugsvorwürfen und von einer verschleppten rheumatischen Erkrankung. Während seines Titelkampfes 2004 gegen Leko sei Kramnik zusammengebrochen und habe das Match fast abbrechen müssen. Erst mehr als ein Jahr später konnte er zu einer halbjährigen Turnierpause überredet werden, um seine Medikation einzustellen.

Bobby Fischer habe Kramnik einen Schaukampf vorgeschlagen, aber die Verhandlungen platzen lassen. Der Sponsor seines Bundesligateams habe ihn um Hunderttausende betrogen. Arm wurde er freilich nicht, selbst falls Hensels Schätzung, Kramnik habe 15 bis 20 Millionen mit Schach verdient, zu hoch ausgefallen wäre. Zumal wenn er die nächsten zwei Wochen im Berliner Kühlhaus weiter so aufspielt. Dann winkt Kramnik im November in London ein lukrativer WM-Kampf gegen Magnus Carlsen.

Quelle: F.A.Z.
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