Olympisches Basketball-Turnier

Deutschlands harter Kampf wird belohnt

Von Anno Hecker, Tokio
28.07.2021
, 06:37
Basketballer Johannes Voigtmann ist in Aktion gegen Joshua Aloiye Okogie aus Nigeria.
Der erste Schritt auf dem Weg zu einem großen Ziel bei Olympia ist gelungen. Die deutschen Basketballer besiegen Nigeria in einem schwierigen Spiel mit einigen Wendungen.

Abgekämpft, erhitzt, verschwitzt, aber fröhlich plaudernd zogen die Spieler der deutschen Basketball-Nationalmannschaft am Mittwoch auf dem Weg zurück in die Umkleidekabine an der Interview-Zone der Saitama Super Arena vorbei. Der erste Schritt auf dem Weg zu einem großen Ziel ist gelungen. Die Auswahl von Bundestrainer Henrik Rödl schlug im zweiten Gruppenspiel Nigeria nach einem harten Kampf mit einigen Wendungen 99:92.

Den entscheidenden Vorsprung erspielten sich die Deutschen unter der unauffälligen Führung von Johannes Voigtmann (19 Punkte) im letzten Viertel. Mit dem ersten Sieg hat die Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes (DBB) alle Chancen, das Viertelfinale zu erreichen. Selbst bei einer Niederlage gegen Australien am Samstag müsste sie nicht unbedingt die Heimreise antreten. Auch die beiden besten Dritten der drei Vierer-Gruppen kommen eine Runde weiter. „Australien ist sehr stark“, sagt Aufbauspieler Maodo Lo (13), aber sie sind nicht ganz so physisch stark wie die Nigerianer.“

Bundestrainer Henrik Rödl wusste genau, was auf sein Team zu kam. Ein mit acht NBA-Spielern gespicktes Team, das sich mit herausragender Athletik durchzusetzen weiß. Die Deutschen versuchten deshalb, „die Schotten“ dicht zu machen. Sie wählten eine Zonen-Verteidigung statt der üblichen Manndeckung, um den Korb besser schützen zu können. Die Taktik ging auf nach den ersten, vielleicht von Nervosität geprägten Minuten. Geblockte Würfe auf beiden Seiten, dann ein Hin und Her, bis die Verteidigung Wirkung zeigte, weil die Westafrikaner aus der Distanz vorerst nicht trafen.

„Da fehlte die Fokussierung“

Zwar fielen auch die Dreier von Rödls Ensemble nicht so wie noch bei der ärgerlichen Niederlage gegen Italien im ersten Gruppenspiel (acht Dreipunkte-Würfe im ersten Viertel), aber drei, kombiniert mit erfolgreichen Treffern von allen anderen Positionen, bescherten den Deutschen einen Zehn-Punkte-Vorsprung (22:12) rund zwei Minuten vor Ende des ersten Viertels. Ein interessanter Zeitpunkt. Würden sie ihren Vorsprung ausbauen können, Nigerias Spieler eine Denkaufgabe mitgeben in die erste kurze Pause?

Nein. Mit dem Wechsel des Personals, wegen Ballverlusten und falscher Entscheidungen, verloren die Deutschen ihren Rhythmus. Nigeria fand ihn – beim Werfen von außen. Drei Dreier öffneten das Spiel wieder und führten bald zu einem ständigen Wechsel der Führung. Weil die Westafrikaner die Schwäche der Zone ausnutzten. Innen blieb es schwer, im eins gegen eins an den Deutschen vorbeizukommen. Aber sie kamen aus ihrer Verteidigung nicht schnell genug hinaus auf die Wurfpositionen jenseits der Dreipunktelinie. Neun von zehn versenkten sie bis zur Pause (50:50), 45 Prozent. „Da fehlte die Fokussierung“, sagte Lo, „das hätten wir nicht zulassen dürfen.“

Rödl ließ auf Manndeckung umstellen, um den nigerianischen Werfern „auf den Füßen“ stehen zu können. Vergeblich. Jordan Nwora, der Mann des Dritten Viertels, traf nach Belieben, vier Treffer mit vier Versuchen, zwölf seiner 33 Punkte in vier Minuten: 55:66 aus Sicht der Deutschen. Zeit für Rödl, einzugreifen. Auszeit Deutschland. Vielleicht den Rhythmus des Gegners brechen mit dieser Minute des Verschnaufens. Neu sortieren, Mut fassen, Attackieren. Ein heikler Moment.

„In Deutschland haben wir ja manchmal die Mentalität, zu meckern, die Köpfe hängen zu lassen. Aber wir haben die richtige Reaktion gezeigt“, sagte Lo, „ich bin so stolz auf diese Mannschaft.“ Seine Augen leuchteten. Was war geschehen nach diesem Rückschlag? Es gibt einen Spieler in Rödls Auswahl, der mitunter nicht auffällt trotz seiner Größe (2.09 Meter). Das hängt mit der Wahrnehmung und der Statistikverliebtheit im Basketball zusammen. Eine gute Verteidigung ist schwer zu erfassen, kluge Pässe, wenn sie keine Assists sind, die zum Punktgewinn führen, werden nicht gezählt.

Ein Finale hat eine Geschichte

Aber wenn es sein muss, tut Johannes Voigtmann auch was für sein Punktekonto, 19 wurden es, die meisten auf deutscher Seite. Seinem ersten Dreier zuvor folgte in diesem schwierigen Moment ein zweiter, dann noch ein eins gegen eins mit Dunking. Eine Demonstration. Da bin ich, da sind wir wieder. Da sprang Brown, einst Trainer des Jahres der NBA, auf und stoppte das Comeback der Deutschen (66:68). Timeout. Aber es nutzte nichts. Joshko Saibou (3), bis dahin unglücklich, fand den Korb, Nils Giffey (5) traf zum Ausgleich mit dem Ende des vierten Viertels – per Dreier: 74:74.

Manche behaupten, man sollte beim Basketball doch gleich mit den letzten zehn Minuten beginnen, wenn sich die Teams nicht absetzen können. Aber so ein Finale hat eine Geschichte. Das Profil entsteht erst im Kontext mit dem was vorher passiert ist, in diesem Fall im vergangenen Spiel gegen Italien. Da fehlte in den letzten vier Minuten die Struktur im Angriff der Deutschen und alles ging dahin. Also dann, die letzten vier Minuten: Deutschland führt dank einer variablen Offensive mit Punkten von Johannes Thiemann (9), Voigtmann, Danilo Barthel (14), Andreas Obst (12) und Giffey per Dunk 88:81. Und legt nach, schraubt den Vorsprung auf 14 Punkte (95:81).

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Bei jeder erfolgreichen Aktion in der Verteidigung springen die Spieler von der Bank auf. „Jaaaaaa“ hallt es durch die Arena, die Freude ist nicht nur zu sehen. „Wir haben ein gutes Team, die Chemie stimmt“, sagt Lo, „und diesmal haben wir es richtig gut gemacht.“ Zwei Dreier fallen zwar wieder für Nigeria (46 Prozent Trefferquote). Und 75 Sekunden vor dem Ende sieht es nach dem 20. (!) Ballverlust der Deutschen (96:91) wieder etwas enger aus: „Die Schiedsrichter haben es laufen lassen, es ging hart zur Sache“, sagt Lo, „das erklärt auch die vielen Ballverluste.“

Nigeria muss jetzt härter zupacken, die Uhr stoppen, Fouls begehen, Freiwürfe für die Deutschen hinnehmen, um schnell wieder in Ballbesitz zu kommen. Ein Nervenspiel. Die Deutschen bleiben cool, treffen ausreichend von der Freiwurflinie. 99 Punkte sind einer deutschen Mannschaft in einem Olympischen Turnier noch nicht gelungen. Aber mehr als viel Mut und Zuversicht auf dem Weg zum möglichen Viertelfinale beschert der Sieg nicht. Am Samstag kommt es zum Spiel gegen Australier. Sie fegten Nigeria 84:67 vom Parkett. „Für mich ist das eine der besten Teams des Turniers“, sagte Rödl: „Es würde mich nicht überraschen, wenn sie alles gewinnen. Aber wir sind auch gut.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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