Deutsche Olympia-Bilanz

Den Goldkurs verloren

Von Anno Hecker
08.08.2021
, 21:22
Nur noch Leere und Niedergeschlagenheit: das deutsche Hockeyteam
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Die Olympiamannschaft kehrt von den Spielen in Tokio mit 37 Medaillen heim. Weniger gewann sie zuletzt 1956 in Melbourne. Wie wollen die Sportorganisationen reagieren?
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Bilanzpressekonferenzen des deutschen Teams zum Abschluss von Sommerspielen sind in der Regel nüchterne Zahlenspiele mit Tendenz zur Schönrednerei. Am Samstag ging es zuerst um Menschliches und Unmenschliches. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, attackierte den Weltverband der Fünfkämpfer, geführt vom Landsmann Klaus Schormann. Er sprach am Samstagmittag Ortszeit von „inakzeptablen“ Regeln und „eklatanten Mängeln des Regulierens“, bevor er eine Art Suspendierung von Bundestrainerin Kim Raisner aussprach: kein Auftritt beim Wettbewerb am Nachmittag zu ihrem „Schutz“.

Raisner hatte ihre verzweifelte, auf Goldkurs liegende Athletin Annika Schleu vor laufender Kamera aufgefordert, das im Springparcours völlig verängstigte, sich verweigernde Pferd mit der Peitsche zu bearbeiten, und dem Tier auf den Hintern gehauen. Ein schrecklicher Shitstorm erfasste Reiterin und Trainerin. Der Weltverband entzog Raisner später die Akkreditierung, jagte sie mit Schimpf und Schande für ein Verhalten davon, das er, sehenden Auges, provoziert hatte.

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Hörmann, Leiter der deutschen Delegation, wies zum Finale der Spiele so ungewollt wie indirekt noch einmal auf den ewigen Konflikt hin. Auf die Abhängigkeit von Athleten in den Sportsystemen, auf den gewaltigen Druck, den eigenen Erwartungen, aber auch denen anderer gerecht werden zu wollen, zu müssen. Wer ist so stark, im entscheidenden Moment zu wissen, was zu tun, vor allem, was zu lassen ist?

Vor den Spielen hatte Hörmann immer wieder den Eindruck erweckt, die Medaillenausbeute sei nicht das Wichtigste. Er sprach gern von einer Fairplay-Wertung, vom guten Eindruck, den sein „Team D“ hinterlassen sollte. Das hätten sie, erklärte er am Samstag: „Großartige Botschafter.“ Leider nicht alle. Eine Entgleisung des Radsportfunktionärs Patrick Moster reichte, um die rund 430 Deutschen für Tage in ein schlechtes Licht zu rücken. Er nannte Radprofis aus Eritrea und Algerien „Kameltreiber“. Diese Diskriminierung betrachtete Hörmann am Samstag, gut zehn Tage nach dem Vorfall, als „rassistische Aussagen“.

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Er selbst hatte Moster zunächst im Team halten wollen und erst einen Tag später unter Druck auch des Internationalen Olympischen Komitees verstanden, dass dieser Fall an Klarheit schon im Moment des Ausrufs während des Straßenrennens nicht zu überbieten war. Was sind das für Botschaften an die zu Botschaftern des Guten Auserkorenen? Fatale. Die Wahrnehmung von Funktionären des Sports wird auch in Deutschland das Klischee stärken und im Nachhinein diese Frage provozieren: Wäre es nicht besser gewesen, Funktionären Besuchsverbot zu erteilen und Japaner in die Stadien der Spiele zu lassen, die sie bezahlt und so glänzend organisiert haben?

© Eurosport

Auf die selbstverständlich vorhandene Qualität deutscher Sportgestalter wird es ankommen, aus der jüngsten Leistungsbilanz die richtigen Schlüsse zu ziehen. 37 Medaillen sind es geworden, zehn goldene, elf silberne und 16 bronzene. Ohne die komplexe Organisation des Spitzensports wäre das kaum möglich gewesen, nicht einmal dort, wo Profis wie der erste deutsche Olympiasieger im Tennis, Alexander Zverev, längst dem klassischen deutschen Fördersystem entsprungen sind. Die Mehrheit der Olympiateilnehmer sind Staatssportler, unterstützt durch Bundeswehr und Polizei auf Bundes- wie Landesebene.

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Und doch musste Dirk Schimmelpfennig, im Vorstand des DOSB für den Spitzensport zuständig, die Fortsetzung eines Trends einräumen: „Das Ergebnis ist vergleichbar mit dem von Rio, ein wenig schwächer.“ Seit 1992, als erstmals wieder ein gesamtdeutsches Team in Barcelona an den Start ging, ist die Edelmetallausbeute abgesehen von zwei Ausnahmen kontinuierlich zurückgegangen: von 82 über 65 (Atlanta 1996) auf 56 (Sydney 2000), 49 (Athen 2004), 41 (Peking 2008) nun auf 37. Mit Sicherheit wären die Resultate teilweise korrigiert worden, wenn es damals schon intensive Nachtests auf Doping gegeben hätte.

Aber das Abrutschen von Rang fünf vor fünf Jahren auf Platz neun im inoffiziellen Spiegel, unendlich weit zurück hinter den Top Five mit den USA an der Spitze vor China, Japan, Großbritannien und den Russen, allein mit einem sauberen deutschen Spitzensport erklären zu wollen wäre anmaßend. Selbst wenn die Sprintherrlichkeit Italiens (Rang 10) eine deutsche Expertin so überrannt hat, dass sie erst mal nachdenken muss. Die Unschuldsvermutung gilt auch für die Niederlande, kombiniert mit dem schönen Verdacht, der kleine Nachbar habe als neue Nummer sieben mehr aus seinen Mitteln gemacht als die große Sportnation Deutschland.

Bevor sich die Analysten des deutschen Sports über die Daten beugen und die Final- und Viertelfinal-Plätze abklopfen auf die Qualität der Chancenverwertung, ist eines schon erkennbar. Kleinere Länder wie die Niederlande sind nicht mit einer Konzentration auf weniger Sportarten so weit gekommen. In dreizehn Sportarten gewannen die Holländer Medaillen, die Deutschen in 16. Wie man weiterkommt, zeigt Australien. Noch breiter aufgestellt, aber sehr stark in einer Sportart, in der es viel zu gewinnen gibt: 19 von 121 Medaillen im Schwimmen trugen Australier aus Tokio davon. Die Deutschen kamen mit drei nach Hause. Und mit dreien aus der Leichtathletik, die 132 vergibt.

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Was tun? Auf Dauer wird sich das deutsche Leistungssportsystem nicht auf die grandiosen Reiter verlassen dürfen, die ohnehin quasi autark ihre Qualität Olympiade für Olympiade fortsetzen. Mit dem vom 1. Januar an wirkenden Potential-Analyse-System (PotAs) sollen vielversprechende Sportarten gestärkt werden. Es bekommt nur Geld, dafür etwas mehr, wer nachweisen kann, dass er demnächst eine realistische Chance auf Erfolg auf höchster Ebene hat. Was heißt das konkret, wenn die Schwachen nichts erhalten?

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Eine Verlagerung der Mittel auf jene, die es hinbekommen haben: Judoka etwa oder Ringer, Tischtennisspieler, Segler, Wasserspringer Bahnradfahrer, Kanuten...Die Mannschaftssportarten, so sie denn wie Hockey oder Volleyball Unterstützung brauchen, gehen leer aus? Erstmals seit fünfundzwanzig Jahren gab es keine Medaille für die Teams. Es sind die Mannschaften, die den Teamgedanken beflügeln. Ihre Unterstützung ist aufwendig, die Erfolgsaussichten (in Medaillen gerechnet) ob der komplexen Strukturen relativ gering. In der DDR verloren die Basketballer deshalb jegliche Unterstützung. Das rächt sich bis heute. Es geht offenbar auch anders. Beim Blick auf Frankreich staunt der gemeine Fan: sechs (!) Medaillen in vier Mannschaftssportarten. Phänomenal.

© Eurosport

Schimmelpfennig spricht während der Bilanzpressekonferenz von der zu erhaltenden „Vielseitigkeit“ im deutschen Sport. Und dann von den Kernschwächen, die sich in Tokio ausgewirkt haben könnten. Den Sport in Deutschland quält eine gewaltige Bürokratie. Trainer werden weder angemessen geschätzt noch bezahlt. Das Angebot für Athleten, eine duale Karriere verfolgen zu können, damit sie nach dem Ende ihrer Laufbahn nicht allein mit einer Goldmedaille und 20.000 Euro (nicht steuerfrei) vor dem Nichts stehen, lässt viel Luft nach oben. Alles Gründe, warum Schimmelpfennig verbal die Hände ringt: „Wir müssen mit großem Aufwand den Nachwuchsleistungssport entwickeln.“

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Der Leistungsportchef scheint eine klare Vorstellung zu haben, wo es hingehen soll. Er schaut nach oben, spricht den Gedanken aber nicht aus. So wie niemand im DOSB öffentlich erklärt, wo die Reise hinführen soll. Vorerst nach Peking zu den Winterspielen im Februar 2022. Zum Ende des Bilanzvortrages geht es wieder um die Behandlung der Menschen. Einen Boykott schließt Hörmann grundsätzlich aus. Er bringe nichts. Dann fügt der Delegationschef hinzu: „In Peking werden die Restriktionen noch härter sein als hier.“

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Olympische Spiele sind vorbei
Ein sportlicher Lichtblick in der Pandemie
Video: Reuters, Bild: dpa
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
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