Olympische Spiele in Tokio

Das sind die deutschen Medaillen-Hoffnungen

24.07.2021
, 16:24
Die begehrten Olympia-Medaillen von Tokio
Wundertüte Tokio: Wegen der Pandemie fehlen oft die Vergleichswettkämpfe. Es wird eine Reise ins Blaue – und vielleicht ins Glück für die deutschen Stars mit den größten Chancen auf eine Medaille.

Goldblond?

Weitspringerin Malaika Mihambo

Deutschlands Sportlerin der Jahre 2019 und 2020 präsentiert sich neuerdings blond. Ob es „goldblond“ ist, muss aber erst noch der Verlauf des Weitsprung-Wettbewerbs weisen. Ihre neue Haarfarbe ist freilich nicht die einzige Änderung im Leben der Weltmeisterin von 2019. Sie hat ein neues Studium begonnen: Umwelttechnik nach Politikwissenschaft. Sie hat ein neues Instrument gelernt: Gitarre zu Klavier. Sie hat ihren Trainer gewechselt: Uli Knapp statt Ralf Weber. Und sie hat ihren Anlauf verändert: von 20 Schritten auf 16 und wieder zurück. Die aktuelle Saison war bislang zwar nicht ihre beste, doch die Zuversicht der 27-Jährigen wächst, dass ihr in Tokio noch einmal ein großer Sprung gelingt. Beweisen, so viel stellt sie klar, muss sie nichts mehr. Sie fühlt sich frei, und sie glaubt an sich. (ad.)

Weitsprung: Malaika Mihambo, 27 Jahre
Weitsprung: Malaika Mihambo, 27 Jahre Bild: dpa

Große Würfe

Judokämpferin Anna-Maria Wagner

Den überraschenden Höhepunkt ihres Sportjahres hat Anna-Maria Wagner schon vor knapp zwei Monaten erreicht: Bei den Weltmeisterschaften in Budapest wollte die 25-Jährige eigentlich nur die Qualifikation für Tokio sicherstellen. Doch am Ende des Tages war sie Weltmeisterin in der Klasse bis 78 Kilogramm. Und zwar hochverdient, nachdem sie im Laufe des Wettkampfs zwei ihrer Vorgängerinnen, die Japanerin Mami Umeki und Titelverteidigerin Madeleine Malonga aus Frankreich, besiegt hatte. Ein sporthistorischer Coup auch für den deutschen Judo-Bund, denn Anna-Maria Wagner war noch nicht einmal geboren, als zuletzt eine deutsche Judo-Weltmeisterin gefeiert werden konnte: 1993. Nach Japan reist sie nun ohne falsche Bescheidenheit: Wagner peilt eine Medaille an, am liebsten Gold. (ad.)

Judo: Anna-Maria Wagner, 25 Jahre
Judo: Anna-Maria Wagner, 25 Jahre Bild: AFP

Starker Antritt

Bahnradfahrerin Emma Hinze

Dass es das noch gibt: Eine Spitzensportlerin schaut Olympia 2012 im Fernsehen und lässt sich auf den rechten Pfad locken. Weg von der Straße, rauf auf die Bahn. Das hat sich gelohnt für Emma Hinze, noch 23 Jahre alt, Radrennfahrerin mit wenig Sitzfleisch. Jedenfalls hält sie es nicht lange aus auf dem knallharten Sattel. Was Teil ihres Jobs ist: Schnell ins Ziel zu kommen. Die Hildesheimerin tritt sofort gewaltig in die Pedale. Im Januar 2020 gelang ihr der Sprung in die Eliteklasse: Weltmeisterin im Sprint, im Keirin und im Teamsprint. Der Krone folgte Corona, keine Wettbewerbe mehr und damit die Unsicherheit, wo die Athletin vom RSC Cottbus steht im internationalen Vergleich. Laut Experten noch immer auf einem Kandidatenplatz für eine Edelmetall-Ausbeute in Tokio. (ahe.)

Bahnradrennen: Emma Hinze, 23 Jahre
Bahnradrennen: Emma Hinze, 23 Jahre Bild: Picture-Alliance

Scharfe Klinge

Säbelfechter Max Hartung

Auch das Wort ist eine seiner Waffen. Doch als Athletenvertreter präferiert Max Hartung stets eine feine Klinge, während er im Wettkampf schon mal deftiger zuschlägt. Sein Sportgerät, der Säbel, ist schließlich eine Hieb- und Stichwaffe, oder wie der zweimalige Europameister es ausdrückt: „Säbel ist Pogo.“ Voller Tempo, Attacken und Emotionen. Der 31-Jährige tritt in Tokio bei seinen dritten Olympischen Spielen an. Es werden zugleich seine letzten Gefechte sein, denn danach beendet er seine aktive Karriere. Im Einzel schied Hartung früh im Achtelfinale aus. Nun rechnet er sich vor allem mit dem Team Medaillenchancen aus. Danach geht der Kampf für ihn auf sportpolitischem Parkett weiter. (ad.)

Fechten: Max Hartung, 31 Jahre
Fechten: Max Hartung, 31 Jahre Bild: dpa

Hundert Meter?

Speerwerfer Johannes Vetter

Die Zahlen sprechen für Johannes Vetter und dafür, dass er sein Ziel, den Olympiasieg, erreichen wird. Seit 19 Wettkämpfen ist der Speerwerfer aus Offenburg unbesiegt, die sieben weitesten Würfe des Jahres gelangen ihm – alle über neunzig Meter und damit mindestens anderthalb Meter vor der Konkurrenz. Im Jahr 2017 wurde er in London Weltmeister. Mit seiner Bestleistung von 97,76 Metern aus dem September vergangenen Jahres ist das Kraftpaket Vetter, gut 105 Kilogramm schwer bei 1,88 Meter Körpergröße, dem 25 Jahre alten Weltrekord von 98,48 Metern so nahe gekommen wie noch niemand. Als der Tscheche Jan Zelezny die Bestmarke 1996 in Jena erzielte, war Vetter drei Jahre alt. Inzwischen steht er mit vier Würfen in den Top Ten der Speerwurf-Geschichte, Zelezny mit fünf. Von den besten zwanzig stammen neun von Vetter, sechs von Zelezny. Bald will der aus Sachsen stammende und in Baden heimisch gewordene Vetter den Altmeister übertreffen: „Hundert Meter sind möglich.“ (mr.)

Speerwerfen: Johannes Vetter, 28 Jahre
Speerwerfen: Johannes Vetter, 28 Jahre Bild: dpa

Primadonna

Dressurreiterin Isabell Werth

Bei Olympia 2016 in Rio begann der dritte Frühling in der Karriere von Isabell Werth. Dieser ist eng mit der Stute Weihegold verbunden, die für ihre verletzte Stallkollegin Bella Rose einspringen musste. Werth gewann Gold mit der Mannschaft und Silber im Einzel, Olympiamedaille Nummer neun und zehn. Nun nimmt die vierbeinige Primadonna die Hauptrolle selbst ein. Doch die Konkurrenz ist ehrgeizig. Im Juni wurde das Paar von Jessica von Bredow-Werndl auf Dalera zweimal besiegt. Daraus folgten Fragen: Würde die Konkurrentin aus Bayern Daleras Form konservieren können? Würde Bella Rose sich steigern? Und was macht die internationale Konkurrenz? Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Prognose: Mannschafts-Gold plus Einzel-Medaille, Farbe nach Tagesform. (oni.)

Reiten: Isabell Werth, 51 Jahre
Reiten: Isabell Werth, 51 Jahre Bild: dpa

Neues Pferd

Vielseitigkeitsreiter Michael Jung

Die Umstände mögen sein, wie sie wollen: Der Geländeritt, sonst eine riesige Abenteuer-Wanderung für Fans, menschenleer, und die Familie bis auf den Trainer-Vater zu Hause. Aber Michael Jung bleibt guter Dinge. „Ich glaube, wir können uns darauf freuen“, sagt er. Aber worauf genau? Der 38 Jahre alte Jung, in Horb am Rande des Schwarzwald zu Hause, könnte einen historischen Coup landen, nämlich die dritte olympische Einzel-Goldmedaille nacheinander gewinnen. 2012 in London wurde er Doppel-Olympiasieger mit Sam, 2016 holte er in Rio Gold und Silber, wieder mit Sam. In Tokio ist er mit Chipmunk am Start, den er erst seit zweieinhalb Jahren im Beritt hat. Fürs Zusammenwachsen kam Jung die Verlegung der Spiele um ein Jahr gelegen. Der Traum vom Triple könnte wahr werden. (oni.)

Reiten: Michael Jung, 38 Jahre
Reiten: Michael Jung, 38 Jahre Bild: dpa

Fester Griff

Kletterer Alexander Megos

Sportklettern ist in Tokio zum ersten Mal bei Olympia dabei, Alexander Megos ist es zum zweiten Mal – 2004 war er schon als Zuschauer bei den Sommerspielen in Athen. Auch wegen dieser Erfahrung wollte der 27 Jahre alte Franke unbedingt bei der Olympia-Premiere des Kletterns am Start sein. Die Qualifikation schaffte er bei erster Gelegenheit, der Wettkampf in Tokio aber wird schwer berechenbar. Megos ist einer der besten Felskletterer der Welt, der Kombinationswettbewerb in Tokio aber verlangt neben dem klassischen Leadklettern auch die Disziplinen Speed und Bouldern. Und vor allem im Speedklettern, einer umstrittenen Disziplin, hat er Defizite. Megos war Jugend-Europameister und Zweiter der Jugend-WM, hat danach aber jahrelang keine Kletterwettkämpfe mehr bestritten. Bis sich die Perspektive auf Olympia eröffnete. Seine Chancen schätzt er daher vorsichtig ein: „Finale wäre super.“ Das bestreiten die besten acht der 20 Starter. Und dann: Hat er alles in den eigenen Händen. (nle.)

Klettern: Alexander Megos, 27 Jahre
Klettern: Alexander Megos, 27 Jahre Bild: dpa

Starker Zug

Schwimmer Florian Wellbrock

Am 24. September 1988 hat Michael Groß in Seoul die Goldmedaille über 200 Meter Schmetterling geholt. Seitdem hat kein deutscher Mann einen olympischen Endlauf gewonnen. Sollte das Florian Wellbrock gelingen, wird es länger dauern als bei Groß. Wellbrock, Weltmeister von 2019 über 1500 Meter, tritt zunächst auf der 800-Meter-Freistilstrecke an, dann über die eineinhalb Kilometer im Becken und schließlich im Zehn-Kilometer-Marathon durch das warme Wasser in der Bucht von Tokio. Auch auf dieser Strecke ist er Weltmeister. Für den 23-jährigen Bremer, der bei Bundestrainer Bernd Berkhahn in Magdeburg trainiert, sind es die zweiten Spiele. 2016 in Rio verließ er das Becken nach den Vorläufen als 32. und war tief enttäuscht. Jetzt reist er als Favorit an: Niemand war über 1500 Meter in diesem Jahr schneller. (chwb.)

Schwimmen: Florian Wellbrock, 23 Jahre
Schwimmen: Florian Wellbrock, 23 Jahre Bild: dpa

Super-Bowl

Skateboarderin Lilly Stoephasius

Die brettert, aber richtig. Lilly Stoephasius tritt mit dem rechten Fuß auf das Skateboard, das Brett geht hoch. Das rechte Ende: sicher am Rand der Bowl. Das linke: in der Luft. Sie setzt den linken Fuß darauf. Wie ein Mauersegler im Sturzflug rast sie in den Betonpool. Sie kreist in der Wanne, springt über die kleinen Hügel und Rampen. Sie rast zum Rand, hält kurz inne, steht in der Luft, nur das Ende des Bretts mit dem Boden verbunden. Stoephasius ist 14 Jahre alt, mit einem Jahr stand sie das erste Mal auf einem Board. Mit drei Jahren bekam sie das erste eigene Skateboard. Mit elf war sie zum ersten Mal deutsche Meisterin, mit zwölf Dritte bei der Weltmeisterschaft und Zweite bei der Europameisterschaft. In Tokio startet sie am Mittwoch in der Disziplin Park. Wer fliegen will, muss fleißig sein. Früher hat Stoephasius auch mal Ballett gemacht. Aber beides wurde zu viel. Die Stabilität einer Balletttänzern hat sie immer noch. Welches Kunstwerk wird sie in Tokio zeigen? Sie und ihr Vater, gleichzeitig ihr Trainer, werden die Bowl anschauen, an ihren Tricks feilen. Bis Lilly sich allein hineinstürzt, springt, fliegt und dabei auch noch cool aussieht. (sips.)

Skateboard: Lilly Stoephasius, 14 Jahre
Skateboard: Lilly Stoephasius, 14 Jahre Bild: dpa

Mit breiter Brust

Einer-Ruderer Oliver Zeidler

Der Skuller aus Ingolstadt weiß, wie er sich selbst aufbauen muss: „Ich stelle mir meine Gegner vor und denke mir: Du willst mich schlagen? Vergiss es!“ Zwar wurde er beim letzten Weltcup vor Olympia im Juni in Sabaudia als Dritter erstmals in dieser Saison geschlagen, aber in einem engen Endspurt. Das habe ihn zusätzlich motiviert, sagt der blonde Hüne, der im wahrsten Sinn des Wortes mit breiter Brust an den Start gehen kann. Bis 2017 war er Schwimmer. Obwohl er aus einer Ruder-Familie stammt, war sein rascher Aufstieg nach dem Umstieg verblüffend. Sein Vorlauf am Freitag, einen Tag vor seinem 25. Geburtstag, war ein Spaziergang für ihn. Der einzige Zwischenfall: Der ägyptische Mitbewerber kreuzte seine Bahn, allerdings in weitem Abstand. Prognose: Eine Medaille muss sein. (oni.)

Rudern: Oliver Zeidler, 25 Jahre
Rudern: Oliver Zeidler, 25 Jahre Bild: Picture-Alliance

Doppel-Schlag?

Tennisspieler Alexander Zverev

Der ersehnte Grand-Slam-Titel fehlt Alexander Zverev noch immer. Ein Sieg bei den ATP Finals bleibt sein größter Karriereerfolg. Prestigeträchtig, ja, aber nicht ganz so sehr wie die vier Majors. Das gilt auch für das olympische Tennisturnier. In Tokio fehlen Stars wie Roger Federer und Rafael Nadal. Zverev hingegen ist dabei. Mit „riesiger Motivation“, wie er sagt, und dem Plan, „nicht nur eine“ Medaille zu gewinnen. Im Doppel mit Jan-Lennard Struff ist ihm alles zuzutrauen. Im Einzel auch, doch dort könnte im Halbfinale Novak Djokovic warten. Der wiederum will den Olympiasieg für seinen „Golden Slam“. Australian, French Open und Wimbledon hat er schon gewonnen. Zverev sagt trotzdem: „Eine Goldmedaille wäre auch schön.“ Vielleicht sogar genauso schön wie ein Grand-Slam-Sieg. (pc.)

Tennis: Alexander Zverev, 24 Jahre
Tennis: Alexander Zverev, 24 Jahre Bild: dpa

Einmalig

Karate-Kämpfer Jonathan Horne

Karate? Können die Deutschen das? Und wie! Bei der olympischen Premiere ist Jonathan Horne der Favorit im Schwergewicht. Im Kumite, der Teildisziplin, in der es Mann gegen Mann und Frau gegen Frau zur Sache geht. Einst als Fan von Jackie Chan und Bruce Lee zur asiatischen Kampfkunst gekommen, ist Horne seit Jahren ein Meister seines Fachs. Weltmeister, Europameister, langjähriger Weltranglistenerster. Der Weg zum Olympiasieg führt am vorletzten Tag dieser Spiele nur über den 32-Jährigen aus Kaiserslautern. „Das Ziel ist Gold. Und das bleibt auch so“, sagt er. Im Mutterland des Karate ist die Motivation besonders hoch. Einziger Wermutstropfen: Das olympische Gastspiel seiner Sportart bleibt kurz. 2024 in Paris ist Karate wieder außen vor. Die Chance auf Gold bleibt vorerst einmalig. (pc.)

Karate: Jonathan Horne, 32 Jahre
Karate: Jonathan Horne, 32 Jahre Bild: Picture-Alliance
Quelle: F.A.Z.
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