Dirk Schimmelpfennig

„Wir haben keine Medaillenziele ausgegeben“

Von Anno Hecker
22.07.2021
, 17:21
Dirk Schimmelpfennig ist Chef de Mission des DOSB in Tokio.
Dirk Schimmelpfennig ist Chef de Mission des DOSB in Tokio. Im Interview spricht er über die besonderen Spiele in Japan, die Bedingungen für die Sportler und die Erwartungen ans deutsche Team.

Welche Wirkung hat die Pandemie auf die Leistungsfähigkeit des Olympiateams?

Die Trainingssituation während der vergangenen 18 Monate ist recht positiv bewertet worden von den Fachverbänden. Es ist in Deutschland im Lockdown schnell gelungen, das Training an den Bundesstützpunkten für Kaderathleten zu ermöglichen. Probleme gab es eher für den Nachwuchs unter den Bundeskadern. Aber viele Wettkämpfe sind ausgefallen. Sie sind wichtig für den Vergleich. Max Hartung sagt mir, dass die Fechter untereinander Gefechte ausgetragen haben und sich jetzt erst wieder mit internationalen Gegnern auseinandersetzten können, die eine andere Strategie wählen, über eine andere Technik verfügen. So etwas kann man im Training der Zweikampfsportarten oder in Spielsportarten kaum simulieren. Kurz vor Beginn der Spiele, also bei der unmittelbaren Wettkampf-Vorbereitung, sind dann noch Vergleiche angesetzt worden, auch hier in Japan. Insofern müssen wir mit Blick auf die Leistung eventuell mit Einbußen rechnen. Es wird spannend zu sehen sein, wie das im internationalen Vergleich ausfällt.

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Sind erfahrene Athleten unter solchen Bedingungen im Vorteil?

Ich glaube, dass die Erfahrenen in ihrer Karriere gelernt haben, mit verschiedenen Bedingungen umzugehen. Die wissen, was es bedeutet, verletzt zu sein, wie man zurückkommt. Sie können solche Schwierigkeiten bewältigen.

Die jungen Athleten sind demnach im Nachteil?

Nein, nicht unbedingt. Die kommen mit einer großen Vorfreude, weil es doch gelungen ist, die Spiele stattfinden zulassen. Sie sind das erste Mal dabei. Der Traum wird doch wahr. Das beflügelt.

Wer bislang nie bei Olympia war, wird das Flair, die Feten-Stimmung im Olympischen Dorf weniger vermissen, nicht wahr?

Vielleicht ist das für die Jungen etwas einfacher, sich auf die Wettbewerbe zu fokussieren, weil es nicht so viel Ablenkung gibt wie sonst bei den Spielen. Zu meiner Zeit als Trainer sind wir möglichst früh angereist, damit nach drei Tagen das Staunen nachlässt und die Athleten sich wieder voll auf ihren Sport konzentrieren können. Zwangsweise wird man sehr fokussiert sein bei diesen Spielen.

Was wird in Tokio fehlen?

Ich erwarte, dass der Spirit ein bisschen fehlen wird, der Spirit, der manchen pusht, wenn man die internationale Konkurrenz von Weltklasseformat im Kraftraum sieht oder auch im Austausch in der Mensa im Olympischen Dorf. Das wird alles eingeschränkt sein. Auch der Austausch innerhalb des deutschen Teams wird deutlich eingeschränkt sein.

Schildern Sie bitte grob die Bedingungen.

Ein Sportler darf maximal sieben Tage vorher anreisen, eigentlich nur fünf, aber wegen des langen Weges und der Zeitverschiebung kommen wir auf sieben Tage, wenn fünf Tage Vorbereitung notwendig sein sollten. Sobald ein Wettkampf beendet ist, hat der Athlet 48 Stunden Zeit, das Dorf und das Land zu verlassen. Damit wird die Zahl der Athleten im Olympischen Dorf so klein wie möglich gehalten, um der Gefahr einer Infizierung mit dem Corona-Virus vorzubeugen.

Obwohl mehr als 80 Prozent geimpft sein sollen und jeder Athlet jeden Tag getestet wird, gibt es auch im abgeschotteten Olympischen Dorf keine Freiheiten?

Wir werden die Regeln einhalten. Dazu gehört, dass sich selbst Teilmannschaften innerhalb des Teams etwas stärker separieren als bisher. Für die Stimmung innerhalb einer Teilmannschaft macht es keinen großen Unterschied. Man ist in seinem Appartement, lebt einige Tage wie eine Familie zusammen, das ist bei Welt- oder Europameisterschaften mit Einzel- und Doppelzimmer so nicht möglich. Aber es wird den Kontakt zu anderen Athleten, das Gespräch beim Essen, ,Glückwusch, gut gelaufen bei dir, Gratulation‘, weniger und unter anderen Bedingungen geben. Das ist schade, weil es gerade bei Olympia mit den Athleten aus vielen Ländern und Sportarten das Spezielle ist.

Am Tisch mit einem Star wie Dirk Nowitzki oder der seinerzeit beste deutsche Basketballspieler als Fan der Hockeyspieler wie 2008 in Peking auf der Tribüne, daran darf man nicht mal denken?

Zumindest wird es dazu seltener kommen. Und die Athleten haben nur den Zugang zum Dorf und zu ihren Wettkampfstätten. Sie werden ihren Teammitgliedern nicht zujubeln können auf der Tribüne. Sie werden auch Tokio nicht sehen können. Vieles, was Olympische Spiele ausmacht, wird fehlen.

Was bleibt?

Sicherlich ist das sehr bedauerlich, dass wesentliche Elemente bei diesen Spielen nicht stattfinden werden. Aber ich muss auch sagen, dass es ein gutes Gefühl ist, nach 18 Monaten zu wissen: ja, die Spiele finden statt. Es war lange so ungewiss. Die Athleten haben gesagt, so wollten die Spiele unbedingt, auch unter den nun geltenden Bedingungen.

Eine Absage wäre keine Alternative gewesen?

Das hatten wir nicht zu entscheiden, das lag in den Händen des Internationalen Olympischen Komitees, des Organisationskomitees und der japanischen Regierung. Sie haben entschieden, an den Spielen festzuhalten. Was spricht dagegen, daran teilzunehmen?

Die japanische Bevölkerung, heißt es in Umfragen, sei mehrheitlich gegen die Austragung der Spiele.

Dass die Bevölkerung verunsichert ist, kann ich verstehen. Wenn die Spiele begonnen haben werden, wenn Vertrauen in die Schutzmaßnahmen greift, wenn die Japaner sehen, dass die Athleten, die olympische Familie im Grunde isoliert sind von ihnen, dann wird es eine andere Bewertung der Spiele geben. Dann ergibt sich eine Chance, die Spiele als Kulturgut zu verstehen, die gerade in der Pandemie einen Wert entwickeln können.

Welchen?

Dass es unter den Einschränkungen funktioniert und eine positive Wirkung entfaltet, wenn wir den hervorragenden Sport sehen. Ich höre von vielen Menschen, die sich darauf freuen und nicht nur in Deutschland. Außerdem haben die Spiele für die Sportstruktur in den Weltverbänden eine immense Bedeutung. Sie hängen vom Funktionieren der olympischen Bewegung ab, nicht zuletzt durch die Ausschüttung von Einnahmen durch Fernseh- und Werbegelder durch das IOC.

Was erwarten Sie vom deutschen Team?

Ich erwarte, dass sich die Athleten und Athletinnen als Repräsentanten Deutschlands so verhalten, dass der Sport in unserem Land so populär bleibt, wie er ist und dass man in Deutschland über diese Athleten und Athletinnen positiv spricht. Dabei spielt der Erfolg eine wichtige Rolle, aber nicht nur. Im Idealfall wird beides kombiniert.

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Wie sieht Ihr Idealfall konkret aus?

Wir haben keine Medaillenziele ausgegeben. Aber in den internationalen Prognosen wird erwartet, dass das deutsche Team weniger Medaillen gewinnen wird als 2016 in Rio (17 goldene, 10 silberne, 15 bronzene/d.Red.) oder 2012 in London (11/20/13). In den Hochrechnungen ist von acht bis zehn Medaillen weniger die Rede. Aber mit Blick auf die Folgen der Pandemie für den Sport bin ich eher vorsichtig, es bleibt eine Ungewissheit.

Andere schätzen von außen ein, was Sie als Insider für ungewiss halten?

Mit Ergebnissen von früheren Weltmeisterschaften und mit Hilfe von Algorithmen ist das Potential ausgerechnet worden. Demnach würden wir im Bereich von Rang acht, neun, zehn landen (in der inoffiziellen Nationenwertung/d. Red.). Aber, wie gesagt, diesmal ist es sehr schwierig, die Leistungsfähigkeiten einzuschätzen.

Wenn es so käme, würde sich der DOSB dann auf weniger Sportarten konzentrieren wollen?

Unsere Vielfalt wird nach diesen Sommerspielen in der Förderung potentialorientiert untersetzt. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse der PotAs-Analyse (Potential-Analyse-System von DOSB und BMI) soll für die Sommersportarten 2024 bei den Sommerspielen in Paris greifen, spätestens 2028 in Los Angeles. So wie wir im Wintersport in ein paar Monaten in Peking versuchen, nach der Einführung der potentialorientierten Förderung unter den Top drei zu bleiben.

Könnte Tokio zu einer Zäsur werden für die Leistungsportförderung?

Nein, es bleibt sicher bei der Förderung von Vielfalt. Aber es werden Sportarten da sein, die schlechter gefördert werden, weil das Potential weniger ausreicht. Die brauchen dann eine neue Strategie. Ich glaube, dass unser Weg bis 2028 eine positive Auswirkung haben wird auf die Entwicklung unserer Sportler. Allerdings wissen wir nicht, wie sich die anderen Nationen in dieser Zeit entwickeln. Es wird Veränderungen geben.

In welchen Sportarten rechnen Sie mit Medaillen für Ihr Team?

Wahrscheinlich werden wir wieder in den traditionell guten Sportarten Erfolg haben können.

Sie denken an die Reiter, an die Kanuflotte, Bahnrad?

Ja, zum Beispiel. Wir haben unsere Chancen. In manchen Sportarten sind die Voraussetzungen besser als vor fünf Jahren. Die Schwimmer, die Fechter mit dem Säbel-Team sind diesmal etwas aussichtsreicher.

Wird es Überraschungen geben?

Ja, das ist das Wunderbare an Olympischen Spielen, und zwar ganz unabhängig von einer Pandemie und einer deshalb unterschiedlichen Vorbereitungsqualität.

In den vergangenen 18 Monaten zwang die Pandemie die Doping-Fahnder, ihre Kontrollen mitunter auszusetzen. Das könnte auch zu Überraschungen führen, nicht wahr?

Wir vertrauen der Welt-Anti-Doping-Agentur. Aber ja, eine Ungewissheit bleibt.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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