Hessen bei Olympia

Big in Japan

Von Achim Dreis
22.07.2021
, 19:47
Leichtathletik: Maryse Luzolo, 26 Jahre
Ein Tüftler am Fels, eine Balletttänzerin im Kampfsport, eine Kämpferin im Sand: Bei den Olympischen Spielen treten zahlreiche Rhein-Main-Sportler an. Wir stellen besondere Typen vor.

Die Willensstarke

Dass Maryse Luzolo überhaupt bei den Olympischen Spielen starten kann, ist bereits eine Leistung, die Gold verdient hätte – fürs Durchhalten. Im Juni 2017 hatte sich die Weitspringerin im Fitnessstudio eine schwere Knieverletzung zugezogen – unverschuldet, weil das Gerät falsch eingestellt war. Sie war der Maschine hilflos ausgeliefert, die ihr linkes Knie viel zu sehr überstreckte: das vordere Kreuzband war danach ebenso gerissen wie das Außenband, das hintere angerissen. Dazu kam eine Kapselsprengung. „Ans Aufgeben habe ich nie gedacht“, sagte die Athletin des Königsteiner LV. Die Biologie-Studentin kämpfte sich zurück, mit Willenskraft und Physiotherapie. Zwei Jahre nach dem Unfall sprang sie erstmals wieder in eine Sandgrube. Und obwohl sie ihr linkes Bein noch immer nicht ganz beugen kann, hat sie ihr Ziel erreicht. Mit einer Bestleistung von 6,69 Metern gehört die 26-Jährige nicht zu den Favoritinnen, aber Dabeisein ist in ihrem Fall tatsächlich fast schon alles.

Der Teamspieler

Schon in jungen Jahren hat es Johannes Golla zu einer festen Größe in der Handball-Nationalmannschaft gebracht. Der Kreisläufer mit der Nummer 4 ist gleichermaßen ehrgeizig wie teamorientiert. Ein idealer Partner, der im Getümmel seinen Mann steht, aber kein großes Aufhebens darum macht. Begonnen hatte der Rheingauer bei der TG Eltville. Über Wiesbaden, Wallau und Melsungen entfernte sich der Hesse mit jedem Karriereschritt ein Stück von seiner Heimat, ehe er bei der SG Flensburg-Handewitt reüssierte und zum Nationalspieler aufstieg. Mit seinen 112 Kilogramm Kampfgewicht, verteilt auf 1,95 Meter Körpergröße, ist der wuchtige Athlet prädestiniert dafür, den Fels in der Abwehr zu geben. Auch ein Fußbruch und eine Corona-Infektion konnten ihn nicht aus der Spur werfen.

Handball: Johannes Golla, 23 Jahre
Handball: Johannes Golla, 23 Jahre Bild: dpa

Der Europameister

In China gehört er zu den populärsten Deutschen überhaupt, in Deutschland wird er als einziger Vertreter seiner Sportart immerhin gelegentlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen: Timo Boll, Tischtennisprofi aus Höchst im Odenwald. Dank seiner klugen Spielweise und taktischer Raffinesse gehört der Linkshänder zu den wenigen Nichtchinesen, die es schon einmal an die Spitze der Weltrangliste schafften. Doch vor allem wird der mittlerweile 40 Jahre alte Boll für seine Fairness in allen Spielsituationen bewundert. Auf dem alten Kontinent zählt er seit zwanzig Jahren zu den absoluten Spitzenkräften, zwischen 2002 und 2021 wurde er achtmal Einzel-Europameister. Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen reichte es dagegen noch nie zum Gold-Coup, denn zumeist kam ihm ein Chinese in die Quere.

Tischtennis: Timo Boll, 40 Jahre
Tischtennis: Timo Boll, 40 Jahre Bild: dpa

Die Kämpferin

Sie war erst 16, als sie in der Volleyball-Bundesliga für Aufsehen sorgte. Als Libera mit der Trikotnummer 1 fegte Karla Borger beim VC Wiesbaden den Ball vom Boden, dass es die Zuschauer von den Sitzen riss. Eine Zukunft für sich sah sie dennoch nicht im Hallensport. Sie wechselte an den Beach – einer Familientradition folgend, denn ihre Mutter Cordula Pütter war schon 1995 Europameisterin, als der Strandsport noch Exotenstatus genoss. Mittlerweile zählt die Heppenheimerin seit einem Jahrzehnt zu den prägenden Figuren.

2013 gewann die 1,80 Meter große Abwehrspezialistin WM-Silber mit Britta Büthe. Von 2016 an musste sie zusammen mit Margareta Kozuch vornehmlich Steine aus dem Strand räumen, die der deutsche Volleyball-Verband dort für das ungeliebte Duo deponierte. In diesem Sommer nun sorgte sie gemeinsam mit Julia Sude für Aufsehen, als sie sich gegen das Bikini-Verbot beim Turnier in Qatar erfolgreich zur Wehr setzte. Es war nicht nur Beachparty für Karla Borger bis zu ihrer zweiten Olympiateilnahme, aber sie hat es geschafft und verspricht: „Ich werde alles geben.“ Wie immer.

Beachvolleyball: Karla Borger, 32 Jahre
Beachvolleyball: Karla Borger, 32 Jahre Bild: AFP

Der Asien-Star

Wenn es eine Sportart gibt, die in Tokio die Leute trotz aller Olympia-Skepsis begeistern wird, dann Judo. Der „sanfte Weg“ wurde in Japan erfunden und 1964 zum ersten Mal ins olympische Programm aufgenommen, als Tokio schon einmal Gastgeber der Olympischen Spiele war. Nun kommt es zu einer Neuauflage – leider ohne Publikum. Eduard Trippel freut sich trotzdem auf die Spiele in Fernost, denn bei seinen bisherigen Trainingsaufenthalten dort stellte er begeistert fest: „In Japan hat jeder Ahnung von Judo.“ Selbst in der Millionenmetropole Tokio wurde der 24-Jährige auf der Straße erkannt, was ihm selbst in seiner Heimatstadt Rüsselsheim nicht oft passiert. „Judokas sind Stars“, sagt Trippel, ohne sich selbst als solcher zu fühlen. Der Modellathlet macht kein großes Aufsehen um seine Person – auch wenn er in Tokio als aussichtsreicher Kämpfer im Mittelgewicht bis 90 Kilogramm antritt.

Judo: Eduard Trippel, 24 Jahre
Judo: Eduard Trippel, 24 Jahre Bild: Frank Röth

Der Pferdefreund

Er stammt aus einer Reiterfamilie und seine Lebensgefährtin Caroline Wauters ebenso. Er tummelte sich als Kind im Stall seines Onkels, absolvierte eine Lehre zum Pferdewirt und arbeitete dann als Bereiter für Franke Sloothaak und Jan Tops. Schon 2016 gewann er eine Olympiamedaille mit der deutschen Mannschaft und führt derzeit die Weltrangliste der Springreiter an. Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass das Leben von Daniel Deußer dem Pferdesport gewidmet ist. „Ich bringe meine Pferde gerne auf große Felder, ins Gelände oder in den Wald“, gibt der 39-Jährige im Fachmagazin St. Georg als Motto an: „Ich versuche nur, sie glücklich zu machen.“ Bei seiner Arbeit stellt der gebürtige Wiesbadener, der im belgischen Rijmenam lebt und in Tokio mit der Stute Killer Queen starten wird, das Wohl der Tiere in den Mittelpunkt: „Wir möchten, dass sie ihren Job genießen und gerne für uns arbeiten“, sagt er über sein Leitmotiv, das jedem Personalchef zur Ehre gereichen würde.

Springreiten: Daniel Deußer, 39 Jahre
Springreiten: Daniel Deußer, 39 Jahre Bild: picture alliance / dpa

Die Ballett-Kämpferin

Tokio war die einmalige Chance für Jasmin Jüttner, denn Karate wird nur dieses eine Mal als olympische Disziplin geführt. Was sie selbst „super schade“ findet, da Karate „echt eine coole Sportart ist“, wie die Aschaffenburgerin sagt. Umso motivierter war die Sportsoldatin, ihr großes Ziel auch zu erreichen: „Wenn es schon in meine Ära als aktive Sportlerin fällt, will ich auch unbedingt dabei sein.“ Die 1,57 Meter große Karate-Kämpferin, die mit Bundestrainer Ef­thimios Karamitsos in dessen Budo-Center in Frankfurt trainiert, startet in der Disziplin Kata. Dabei werden vorher festgelegte Bewegungen gegen imaginäre Gegner gezeigt. Es ist wie eine Kür beim Turnen, in der Anmut, Grazie und die Präsentation der Elemente wichtig ist. Was wiederum gut zu ihr passt, denn eigentlich wollte sie als Kind zum Ballett.

Karate: Jasmin Jüttner, 28 Jahre
Karate: Jasmin Jüttner, 28 Jahre Bild: Reuters

Der Perfektionist

Für den deutschen Schießsport ist Christian Reitz der wichtigste Athlet, was Bundestrainer Detlef Glenz zu dem gewagten Vergleich animierte, Reitz sei „der Usain Bolt des Pistolensports!“ Dabei bezeichnet sich Reitz selbst nicht als Naturtalent, sondern eher als „Trainingstier“. Und ob der Glamourfaktor des Polizeioberkommissars der hessischen Sportfördergruppe mit jenem des jamaikanischen Sprintstars mithalten kann, sei dahingestellt. Erfolgreich ist der 34 Jahre alte Sportschütze aus der Oberlausitz, der für den hessischen SV Kriftel startet, allemal. Er war mehrmals Europameister, Weltmeister, Olympiasieger und stellte sogar einen Weltrekord auf, worüber der Perfektionist aber nicht viele Worte machte: „Ich bin nicht der, der sich nach einem Erfolg ins Rampenlicht stellen muss“, sagt Reitz über sich selbst – und damit auch zum Thema Usain Bolt.

Schießen: Christian Reitz, 34 Jahre
Schießen: Christian Reitz, 34 Jahre Bild: Imago

Die Spätstarterin

Die Verschiebung von Olympia um ein Jahr konnte auch eine gute Sache sein. So für Anna Elendt, die sich in diesem Sommer in der Form ihres Lebens befindet und Zeiten schwimmt, an die in der vergangenen Saison noch nicht zu denken war. Der Teenager aus Dreieich-Götzenhain stellte jüngst zwei deutsche Rekorde im Brustschwimmen auf und schob sich als Fixstarterin ins Olympiateam, in dem sie vorher nur für die Lagenstaffel angedacht war. Möglich wurde der Leistungsschub durch ihren mutigen Schritt an die University of Texas in Austin, wohin sie nach dem Abitur wechselte und nun seit einem Jahr als Stipendiatin lebt und trainiert. Dabei genießt die 19-Jährige im doppelten Sinne gute Zeiten, da sie täglich von Trainerin Carol Capitani und ihren Trainingspartnerinnen gefordert wird, es sich aber dennoch bei strahlendem Sonnenschein und motivierender Musik wie Urlaub anfühlt.

Schwimmen:  Anna Elendt, 19 Jahre
Schwimmen: Anna Elendt, 19 Jahre Bild: dpa

Der Tüftler

„Eine gewisse Besessenheit” erkennt Jan Hojer schon bei sich. Er bezeichnet sich als Tüftler, der nicht aufgibt, ehe er ein Problem tatsächlich gelöst hat. Routen, die der Profikletterer noch nicht bewältigen konnte, verfolgen ihn in seinen Träumen. „Beim Klettern gibt es immer einen Weg“, sagt der 29-Jährige, „auch wenn es manchmal Ewigkeiten dauert, ihn zu finden.“ Jan Hojer, Mitglied in der Sektion Frankfurt des Deutschen Alpenvereins, hat auch den Weg nach Olympia gefunden. In der neuen kombinierten Wertung aus Lead, Speed und Bouldern wird er als einer von zwei Deutschen im erstmals ausgetragenen Wettbewerb „Olympic Combined“ starten. Zum Klettern kam der gebürtige Kölner mit elf. Eigentlich sollte er nur seine ältere Schwester sichern. Doch dann war er vom Fleck weg so begeistert, dass er kaum noch aus der Kletterhalle zu bekommen war. Besessen eben, vom ersten Moment an.

Sportklettern: Jan Hojer, 29 Jahre
Sportklettern: Jan Hojer, 29 Jahre Bild: Imago

Der Partner

„Es macht für alle Beteiligten mehr Sinn, wenn ich mit Kevin spiele“, sagt der Frankfurter Tim Pütz über das Doppel-Aufgebot des Deutschen Tennis Bundes für die Olympischen Spiele, bei dem er nun an der Seite des Kollegen Krawietz antreten wird. Eigentlich hätte der 33-Jährige mit Alexander Zverev antreten sollen, wodurch sich seine Medaillenchancen deutlich erhöht hätten. Doch Deutschlands Starspieler agiert nun an der Seite von Jan-Lennard Struff. Die Rochade wurde nötig, weil Krawietz/Struff als Duo womöglich die Qualifikation nicht geschafft hätte. Pütz gab sich als Teamplayer, ganz wie es dem Naturell eines Spielers entspricht, der seit Jahren in wechselnden Partnerschaften als Doppelspieler auf der Tour unterwegs ist, ohne groß für Furore zu sorgen. „Selbst wir Spieler haben die komplizierten Zulassungsregeln nicht komplett verstanden, obwohl wir uns seit Monaten damit beschäftigen“, sagte er über das olympische Doppelturnier – und freut sich nun, einfach dabei zu sein.

Tennis: Tim Pütz, 33 Jahre
Tennis: Tim Pütz, 33 Jahre Bild: picture alliance / Tatyana Zenko
Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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