Hockey-Nationalspieler Hauke

„Ich wollte das so lange wie möglich erleben“

Von Alex Westhoff
23.07.2021
, 15:44
Kennt den das olympische Spielfeld: Tobias Hauke
Hockey-Nationalspieler Tobias Hauke nimmt zum vierten Mal an Olympischen Spielen teil. Im Interview spricht er über das neue deutsche Team und die Dreifachbelastung aus Familie, Sport und Beruf.

Sind Sie sehr enttäuscht, dass Sie kein Fahnenträger geworden sind?

Die Fahne zu tragen bei Olympia für dein eigenes Land ist die größte Ehre, die man als Sportler haben kann. Ich war schon stolz, dass ich zur Auswahl stand in dieser illustren Runde.

Sie starten in Ihre vierten Spiele, zwei Mal Gold (2008 und 2012) und einmal Bronze (2016) haben Sie schon. Was hat diese Medaillen-Jahrgänge ausgezeichnet und was die aktuelle Mannschaft?

Die Mannschaften waren jeweils sehr unterschiedlich. Zum einen charakterlich, zum anderen hat sich Hockey enorm verändert. 2008 in Peking mit mir als jüngstem Spieler waren wir eine absolute Arbeiter-Mannschaft, sind über Kampf, Einstellung und Mentalität gekommen. 2012 waren wir, ich möchte sagen, das nahezu perfekte Team. Wir waren zwar nicht die 16 besten Freunde, aber alle hatten dasselbe Ziel und haben sich gemeinsam auf den Weg gemacht. 2016 war es schwieriger, weil wir zwar Alt und Jung im Team hatten, aber der Mittelbau fehlte. Aber Erfahrung und Leichtigkeit haben uns dann doch lange durchs Turnier getragen.

Mit welchem Jahrgang ist die aktuelle Auswahl artverwandt?

Mit der 2012er Truppe. Wir sind wieder ein sehr eingeschworenes Team, auch bedingt durch die Coronazeit. Durch den Trainerwechsel hat sich in Sachen Mentalität gehörig etwas getan. Auch die Altersstruktur deckt von Jung bis Alt alles gleichmäßig ab. Von der Einheit fühlt es sich gerade an wie 2012. Es funktioniert zwar bei weitem nicht alles, aber das Verständnis und Gespür füreinander auf dem Platz ist sehr ausgeprägt. Das haben wir uns erarbeitet. Nach Olympia 2016 bis ins Jahr 2020 hinein waren wir nicht so stark, wie man es gewohnt war. Um das wieder zu ändern, haben wir viel investiert.

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Ließ sich eine veränderte Mentalität durch den neuen Bundestrainer Kais al Saadi einfach auf das Team stülpen?

Nein, aber ein Trainerwechsel geht meistens einher mit dem Wechsel von allerlei Personal, einer veränderten Ansprache und neuen hierarchischen Linien im Team. Das hat dazu geführt, dass wir ehrlicher und kritischer kommuniziert haben. Man muss den Dingen schon auf den Grund gehen – und zwar dort, wo es wehtut. Das ist in den vergangenen anderthalb Jahren erfolgt. Zwischen uns passen aktuell wenig Blätter Papier.

Was für konkrete Aussichten leiten Sie daraus ab für Tokio? Goldene?

Bei der Leistungsdichte im internationalen Hockey gibt es keine Gewissheiten. Das einzige, was man tun kann ist: Sich in die Verfassung zu bringen, mit der man jeden Gegner schlagen kann. Das haben wir geschafft.

Der Kader hat sich im Winter in Mannheim unter einer Traglufthalle vorbereitet, komplett abgeschottet. Kam da in einer kleinen Sportart wie Hockey nicht das Gefühl auf: Wofür und für wen machen wir das eigentlich?

Zunächst haben wir zwar mit uns gerungen, was vertretbar ist, auch gegenüber der Gesellschaft. Dass wir nach Mannheim fahren dürfen, um zu trainieren für Olympische Spiele, die vielleicht gar nicht stattfinden. Wir haben dann schnell viel Kraft aus dem Privileg gezogen, unserem Sport nachgehen zu dürfen. So hat jeder von uns die vor Olympia notwendige Schippe drauflegen können, was Disziplin und Trainingsenergie betrifft. Dieses Team ist ja quasi seit zwei Jahren im Olympiamodus mit hochgefahrenem Pensum. Das ist sonst nur ein Jahr üblich.

Andere Topnationen ziehen ihre Kader monatelang zentral zusammen, aber die Erfolge geben dem dezentralen deutschen System trotzdem immer wieder recht. Woher kommt das?

Auf den ersten Blick fallen schon die Vorteile des zentralen Systems anderer ins Auge. Die Inder beispielsweise sind bis zu 320 Tage im Jahr zusammen. Aber genauso wichtig ist es in meinen Augen, nach den sehr intensiven, aber meist nur sieben- bis vierzehntägigen Lehrgängen auch mental runterkommen zu können und in seinem Verein präsent zu sein. Denn Spieler, die in der Nationalmannschaft jung und unerfahren sind, können in ihren Klubs absolute Führungskräfte sein mit Verantwortung in kernigen Situationen. Das wiederum wappnet uns sehr gut für die K.o.-Spiele bei den Turnieren.

Die meisten Spieler setzen sich diesem Aufwand neben Studium oder Job nur ein bis zwei olympischen Zyklen aus. Wie haben Sie vier davon ausgehalten?

Ich habe mich einfach nie der Frage ausgesetzt, wann Schluss sein sollte. Dieses sich messen können mit den Besten der Welt, gibt mir so viel, dass ich dies gerne immer weiter erleben wollte. Durch meine frühe Nominierung 2008 hatte ich meinen großen sportliche Traum schon erfüllt und nie mehr den Druck gespürt, diese eine Nominierung für Olympische Spiele unbedingt schaffen zu müssen. Solange mir das Körper, Geist, Job und Familie ermöglichen, wollte ich das durchziehen.

Mit der Olympiavorbereitung, dem Einstieg in das elterliche Unternehmen, der Geburt ihres zweiten Kindes haben Sie ein enormes Pensum. Wie sehr haben Sie mit sich gerungen, auch die um ein Jahr verschobenen Spiele mitzunehmen?

Sehr intensiv. Gerade seitdem die eigene Familie dazugekommen ist, bleibt schlechtes Gewissen nicht aus. Ich hatte ja zuvor eine feste Stelle im Profifußballbetrieb des Hamburger SV, dazu Nationalmannschaft und Kapitänsamt in der Bundesliga beim Harvestehuder THC, was auch Verantwortung erfordert. Das ist sehr viel, keine Frage, und das lässt sich nicht auf gleichbleibend hohem Level durchziehen. Aber ich gelernt, mich zu disziplinieren und einen guten Wochenplan aufzustellen. Manches lässt sich kombinieren. Beispielsweise mache ich meine Regenerationsläufe gemeinsam mit meiner älteren Tochter, die ich dabei im Buggy um die Alster schiebe. Und meine Frau hält mir den Rücken frei, wo sie es nur kann. Meine Eltern sind seit jeher meine größten Förderer. Eigentlich wollten sie etwas kürzertreten in der Firma und haben dies wegen der verschobenen Spiele hintenangestellt. Für diese Grundvoraussetzungen bin ich sehr dankbar.

Viele junge, berufstätige Eltern kennen das Gefühl, dass man zwar strampelt und strampelt, aber weder beruflich noch familiär den eigenen Ansprüchen ganz gerecht werden kann...

Das kenne ich nur zu gut. Ich habe aber zumindest gelernt, eine gute Priorisierung hinzubekommen. Im zweiten Halbjahr 2020 habe ich zwar viel trainiert, aber weil Vereinshockey kaum stattfand, konnte ich das flexibler tun. Das hat mir die Chance eröffnet, in der Firma richtig Fuß zu fassen. Bei Lehrgängen mit der Nationalmannschaft galt es dann, in der Mittagspause und abends den Laptop aufzuklappen. Seit der EM Anfang Juni und bis nach Olympia kann ich mich aus dem Tagesgeschäft in der Firma rausziehen.

Ihre Schwester Franzisca ist bei den Hockey-Damen dabei. Gibt es einen Familiendeal, wer welche Medaille mitbringt?

Jeder eine, das wäre schön, und das ist durchaus realistisch. Die Damen haben 2016 Bronze geholt und sich seitdem deutlich verbessert. Beide Teams haben eine dicke Chance, richtig erfolgreich zu sein.

Quelle: F.A.Z.
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