Olympia-Kanutin Andrea Herzog

Mit Freifahrtschein in die Fluten

Von Anno Hecker, Tokio
29.07.2021
, 15:15
Das nächste Tor fest im Blick: Andrea Herzog
Andrea Herzog hat von der Verschiebung der Olympischen Spiele profitiert. Nun darf sie sich über die Bronzemedaille im Canadier freuen. Für Paris 2024 sieht die Kanutin noch „Spielraum nach oben“.

Vor anderthalb Jahren war Andrea Herzog schwer enttäuscht. Absage der Sommerspiele für 2020, Verschiebung um ein Jahr. Am Donnerstag stand sie im Kasai Canoe Slalom Center und dachte auf Nachfrage laut über die Folgen der Pandemie nach: „Die Verschiebung war schade, aber ich hatte ein Jahr mehr Zeit. Das war gut für den Kopf, nachdem ich 2019 Weltmeisterin geworden war, musste ich erstmal damit zurechtkommen. Da war es gut, dass ich Zeit bekommen habe.“

Auch für das „Padellieren“ sei die erzwungene Auszeit gut gewesen. „Wir haben an der Technik arbeiten können, ich stand nicht unter Druck, weil in zwei Wochen der nächste Wettkampf anstand“, sagte Andrea Herzog, die Maske vor der Nase und die Bronzemedaille vor dem Bauch, holte ein bisschen Luft und machte Corona mal für etwas Positives verantwortlich: „Ich bin sicher, dass das (die Verschiebung) dazu beigetragen hat.“ Zu ihrer ersten Olympia-Medaille im Alter von 21 Jahren bei der Premiere im Kanu-Slalom für Frauen.

Eine Augenweide

„Da werden noch einige mehr kommen“, rief der Präsident des Deutschen Kanu-Verbandes, Thomas Konietzko, vergnügt aus der Sicherheitszone herüber. Seine Jüngste im Team der Kanuten, das sich in die Fluten des künstlichen erzeugten wilden, strudelnden Wasser stürzt, gilt als Natur-Talent.

Auf Anhieb hat die Meißenerin die gewaltige Herausforderung des wichtigsten Wettbewerbes bestanden und die Quote des Verbandes auf höchstem Niveau gehalten: Dreimal Edelmetall in den ersten drei Wettbewerben, erst Bronze für Sideris Tasiadis, Gold für Ricarda Funk, nun der dritte Rang für das Küken im Team unter erschwerten Bedingungen: „Na ja“, sagt Andrea Herzog, „die zwei Medaillen von Tasiadis und Ricarda haben mich schon aufgewühlt.“ Sollte heißen: Jetzt muss ich ja wohl auch. Aber nachdem die Slalomfraktion von Rio 2016 ohne besondere Auszeichnung heimkehrte, entspannte der Anfangserfolg. „Ich glaube, ich hatte einen kleinen Freifahrtschein.“ Nur keinen Druck.

Warum das so wichtig ist, einen kühlen Kopf unter dem Helm zu behalten, zeigte sich bei jedem der drei Finalläufe. Selbst die Elite ist nicht vor dem Untergang gefeit. In Andrea Herzogs Rennen verlor die Brasilianerin Ana Satlia ihren Rhythmus und die Linie. Die Nummer drei der Weltrangliste rauschte an einem der 25 Tore vorbei, während Andrea Herzog (Nummer 4) mit der zweitbesten Zeit nach einer Fahrt mit ein „paar Wacklern“ und einer improvisierten Vierteldrehung zur Rettung der Ideallinie auf dem Silberrang im Ziel stand und auf dem Monitor das Treiben im Kanal beobachtete: zwei noch.

Aber auch die Tschechin Terez Fiserova leistete sich zu viele Fehler. Keine Regung vor dem Monitor, eine Geste der Freude. Aber dann Applaus des führenden Trios gut 100 Sekunden nach dem Start der letzten Gegnerin mit gewaltigem Verdrängungspotential, eine Gefahr für die drei auf dem provisorischen Podest. Die Australierin Jessica Fox hatte ihre Fahrt noch nicht beendet, da stand die Szene quasi Spalier am Kanal. Eine Verbeugung vor der so spielend leicht wirkenden Tour über Wellen und Walzen. Als lenke sie den Weg des Wassers, das sie trägt. Eine Augenweide.

„Sie hat es so was von verdient“, sagte Andrea Herzog und stieg vom zweiten auf den dritten Platz hinter die Britin Mallory Franklin, „ich bin sehr froh für Jessica.“ In dem herzlichen Glückwunsch steckte etwas von dem, was die Sächsin von der SG Meißen an ihrem Sport so liebt. Die Aussicht auf eine Entwicklung. „Bronze“, sagte sie, „das heißt ja, dass es noch Spielraum nach oben gibt.“ Nächstes Mal, 2024 in Paris.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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