Fahnenträger Ludwig & Hausding

„Ja, das macht schon stolz“

Von Anno Hecker, Tokio
22.07.2021
, 09:03
Beachvolleyballerin Laura Ludwig und Wasserspringer Patrick Hausding tragen die deutsche Fahne bei der Olympia-Eröffnung. Bei der Wahl setzt sie sich klar durch, bei ihm ist der Vorsprung ganz knapp.

Zunächst haben sie nicht verstanden, was der Teammanager hier und der Bundestrainer dort wollte. Geheimsache, Stillschweigen! Laura Ludwig dachte an nichts Gutes. „Ich war im Bus nach dem Training, mein Teamleiter hatte angerufen, topsecret, keinen andren treffen. Ich hatte erstmal negative Gedanken, das Positive kam viel später.“

Fahnenträgerin! Beim Einmarsch der deutschen Mannschaft zur Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele am Freitag ganz vorne laufen, zusammen mit Patrick Hausding. Der Wasserspringer, die Institution seines Sports in Deutschland, wollt erst gar nicht hinhören, als er zu einer Besprechung von Wichtigkeit gerufen wurde: „Ich hatte Training zu der Zeit, da habe ich zu meinem Bundestrainer gesagt, ,nee, das beißt sich‘. Er sagte aber, ,da musst du hin‘. Hat sich gelohnt.“

Was für eine Ehre und stolz sei sie, sagte die 35 Jahre Beachvolleyballerin aus Berlin, Olympiasiegerin von Rio 2016, und schaute rüber zu ihrem Fahnenpartner am Donnerstag während der Pressekonferenz im Olympischen Dorf von Tokio: „Ja, das macht schon stolz“, antwortete Hausding quasi synchron, da kennt er sich aus: „Ich hatte mir gesagt, wenn es klappt, absolut geil, wenn nicht, ok, es schaffen nicht viele in den Kandidatenkreis.“

Bislang gab es 53 Fahnenträger in der Geschichte deutscher Olympiamannschaften (BRD, DDR sowie gesamtdeutsche Teams). Dass nun ein gemischtes Duo Flagge zeigen darf, erklärte DOSB-Präsident Alfons Hörmann mit der Genderpolitik des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). „Dies Entscheidung ist ein Novum und wichtig. Das IOC hat Geschlechtergerechtigkeit auf seine Fahnen geschrieben. Wir hatten im DOSB immer die Qual der Wahl in der Vergangenheit. Die Chance, nun eine Frau und einen Mann benennen zu dürfen, hat uns gefreut.“

Ganz korrekt ist die Formulierung nicht. Denn das Paar Ludwig/Hausding ist das Ergebnis einer Wahl, an der die Olympiateilnehmer Deutschlands und die Öffentlichkeit teilnehmen durften. Beide Gruppen waren gleichberechtigt. An der Wahl nahmen laut DOSB 185.000 Menschen und 200 Olympia-Teilnehmer (von rund 430) teil. Je fünf Sportler standen zu Auswahl. Ludwig erhielt 30,94 Prozent aller Stimmen und gewann mit zehn Prozent Vorsprung vor der Kunstturnerin Elisabeth Seitz (20,83) sowie Isabell Werth (18,39) , der erfolgreichsten Dressurreiterin auf diesem Planeten.

Hauchdünn gewann Hausding mit 0,07 Prozent Vorsprung vor Andreas Toba, der vor fünf Jahren in Rio als „Held“ beschrieben wurde, weil er trotz einer Verletzung am Mannschaftswettbewerb der Kunstturner teilnahm, um den Kollegen den Auftritt zu ermöglichen. Die „Publikums“-Wertung (27,62) sprach deutlich für ihn. Den winzigen Unterschied machte das Votum der Olympiafahrer („nur“ 17,54) aus. „Verdammt knapp“, sagte Hausding und mit Blick auf das Auswahlsystem: „Demokratischer geht es wohl nicht.“

Zwei Fahnenträger, aber nur eine Fahne? Die neue Vielfalt auch an der Spitze der Olympiamannschaft muss erst noch koordiniert werden, um synchron wirken zu können. Aber Ludwig denkt daran, Hausding den größeren Teil der Schwenkarbeit zu überlassen. Der 32 Jahre alte Berliner, unter anderem mit Bronze in Rio dekoriert, sieht viele Freiheiten: „Sie darf nicht runterfallen und nicht kaputt gehen, sonst ist alles erlaubt.“ Singen aber nicht, zumindest galt diese Order mit Blick auf die Bemühungen der Veranstalter, jedes Risiko einer Corona-Übertragung so weit wie möglich zu minimieren.

Mit welchen Erwartungen werden also die erfahrenen Olympiafahrer, beide zum vierten Mal im Team, zur Eröffnungsfeier vorneweg laufen? „Es ist schade, dass so viele negative Wörter benutzt werden“, sagte Ludwig, „es sind immer noch Olympische Spiele. Ich habe gehört, dass die Sportstätten ganz toll sein sollen. Die Zeremonie wird was Besonderes. Es geht darum, dass wir das olympische Feeling erleben. Wir gehen zusammen da rein, als Team, das wird uns beflügeln.“ Ludwig deutete auf die Frage, ob es ohne Publikum nicht eine triste Vorstellung werde, eine Eigeninitiative an: „Da machen wir schon selbst Stimmung.“

Wie viele deutsche Sportler hinter Ludwig und Hausding stehen und gehen werden, war am Donnerstag noch nicht klar. DOSB-Präsident Hörmann berichtete vom Verzicht der Segler und Reiter mit Blick auf die Distanzen und die bevorstehenden Wettbewerbe. Wie bei vorangegangenen Spielen ist es den Athleten auch erlaubt, den Besuch stark zu verkürzen. Das Organisationskomitee wäre nicht abgeneigt, falls sich die Reihen schnell lichteten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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