Malaika Mihambo

Die Beste im Moment

Von Achim Dreis
08.08.2021
, 14:12
Kann die Momente genießen: Malaika Mihambo.
„Ich bin dankbar, dass ich als beste Version meiner selbst hier stehe“: Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo genießt ihre Erfolge nach den Regeln der Achtsamkeit – und nicht nur die.
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Meditieren hilft. Oder einfach nachdenken. Die Dinge mal von einer anderen Seite betrachten. Dann möglichst die richtigen Schlüsse ziehen. Malaika Mihambo kann das. Sie betreibt nicht nur Hochleistungssport von der analytischen Seite, sondern das Leben insgesamt.

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„Ich bin dankbar, dass ich als beste Version meiner selbst hier stehe“, sagte sie nach ihrem Olympiasieg im Weitsprung. Der Spruch entspricht einer Leitregel der Achtsamkeits-Philosophie, in der es darum geht, den Fokus auf sich und seine Fähigkeiten zu legen, persönliches Können zielgerichtet einzusetzen. Malaika Mihambo hatte kurz zuvor das Finale des Weitsprung-Wettbewerbs mit drei Zentimetern Vorsprung gewonnen. Sie war exakt bei sieben Metern gelandet, als es darauf ankam. „Die wichtigsten sieben Meter, die ich je gesprungen bin“, meinte sie. Ein Satz, der Gold wert war.

Erst Europameisterin, dann Weltmeisterin, nun Olympiasiegerin. Drei große Wettkämpfe, drei große Siege. Zweimal nacheinander wurde sie zu Deutschlands Sportlerin des Jahres gewählt, und Stand jetzt ist keine Athletin in Sicht, die ihr diesen Ehrentitel 2021 streitig machen könnte. Es wäre ein Hattrick der besonderen Art, und dennoch ist Malaika Mihambo weit davon entfernt, sich nur als Sportlerin zu betrachten.

„Ich merke, dass ich Erfolg habe, aber das hat mich eigentlich nicht verändert“, sagte sie nach ihrem Coup von Tokio: „Weil ich viel mehr bin als nur dieser Erfolg.“ Studentin der Umweltwissenschaft zum Beispiel, nachdem sie ein Politikstudium schon abgeschlossen hat. Ambitionierte Klavierspielerin mit Hingabe zur klassischen Musik. Urlaubsreisende mit Rucksack, ohne äußeren Luxus, aber mit dem inneren Glück, sich einen eigenen Blick auf die Welt leisten zu können.

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Ein solcher Urlaub ist wieder geplant. Wohin es geht, wisse sie noch nicht, drei Wochen sind geblockt – freilich erst nach der Saison. Noch gilt es für sie, bis Mitte September den Verpflichtungen des Sports nachzukommen. Beim Finale der Diamond League in Zürich will sie noch starten, auch beim Istaf in Berlin. Gerade dort wird Malaika Mihambo im Mittelpunkt stehen, als Attraktion der deutschen Leichtathletik. Und ja, sie wird es genießen. Denn bei aller Bescheidenheit ist es der 27-Jährigen auch gegeben, die glamourösen Momente des Lebens auszukosten. Bei der Gala zur Sportlerin des Jahres trat sie im goldenen Kleid an, beim Ball des Sports genoss sie das Schreiten über den roten Teppich. Dass es eine Malaika-Barbiepuppe im Leichtathletik-Outfit gibt, findet sie erfreulich. Auch damit hat sie es zum role model für Mädchen geschafft, nicht nur dank ihrer Arbeit in einem Sozialprojekt für Kinder.

Die Sponsorenverträge helfen ihr, als Studentin vom Leistungssport leben zu können, was in Deutschland nicht selbstverständlich ist. Dafür ist sie dankbar, gleichwohl käme sie auch mit wenig Geld zurecht. Ihr Vater stammt aus Sansibar, ihre Mutter aus Deutschland. Sie sei von klein auf „sparsam erzogen“ worden, sagt die in Heidelberg Geborene, lebe eher minimalistisch, fahre seit Jahren das gleiche Auto, wohne in der gewohnten Umgebung.

Den Blick weiten, schauen, was geht? Und auch die Ziele nicht verlieren. „Mich treibt weiter an, wie weit ich springen kann.“ Ihre Bestmarke steht bei 7,30 Metern, aufgestellt bei ihrem WM-Sieg in Doha vor zwei Jahren. In der „ewigen“ Weltbestenliste ihrer Disziplin rangiert sie damit auf Rang zwölf, in Deutschland hinter Heike Drechsler (7,48) auf Platz zwei. Doch dies sind Kategorien des Äußeren, die im Sinne der Achtsamkeit keine Bedeutung haben sollten. Warum sich vergleichen mit Athletinnen aus einer anderen Zeit, aus einem anderen Jahrhundert?

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Malaika Mihambo will ausreizen, was sie aus sich selbst herausholen kann. Auch deshalb hält sie an ihrem Plan fest, in Zukunft bei Weitsprung-Legende Carl Lewis in Amerika zu trainieren. Sie findet den Gedanken interessant, ein Leben in der Neuen Welt auszuprobieren, weil es sie sicherlich „auch menschlich“ weiterbringen könnte. Ihre Neugier ist noch nicht gestillt. Doch auch den Moment gilt es zu genießen. Am Wochenende möchte sie zu Hause im kleinen Kreis feiern, dass sie es in Tokio geschafft hat, als beste Version ihrer selbst aufzutreten, als es darauf ankam: „Es ist ein bescheidenes Glücksgefühl, das ich sehr genieße und wertschätze.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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