Niederlage für Basketball-Team

„Bitter. Wir sind frustriert“

Von Anno Hecker, Tokio
25.07.2021
, 09:39
Johannes Thiemann und den Deutschen ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
Es sieht lange nach einem erfolgreichen Olympia-Start für die deutschen Basketballspieler aus. Doch am Ende siegt Italien. Noch ist in Tokio nichts verloren. Zumindest nicht der Mut.

Wortlos schlichen die meisten deutschen Spieler an der Mixed-Zone vorbei. Nicht mit gesenktem Kopf, aber mit dem Ausdruck der tiefen Enttäuschung im Antlitz: 82:92 gegen Italien im ersten Spiel des olympischen Basketballturniers. Das liest sich auf den ersten Blick so, als sei es nicht eng gewesen bis in die Schlussphase.

„Mit zehn verloren, das ist nicht aussagefähig“, sagte Aufbauspieler Maodo Lo in den Katakomben der Saitama Super Arena, „wir hatten es in den Händen, wir hätten es gewinnen können“, fügte der Berliner hinzu und dann, mit einem festen Blick in die Runde, lauter und bestimmter: „Wir hätten es gewinnen sollen. Bitter. Wir sind frustriert.“ Kurz bevor er sich abwendete fragte er noch einmal rhetorisch nach bei denen, die alles von der Tribüne aus gesehen hatten: „Wie lange haben wir geführt, 36 Minuten, 37?“ In Wahrheit waren es 29, und damit zwanzig mehr als die Italiener.

Die Deutschen können nicht nur verteidigen. Im ersten Viertel zeigten sie ihre offensive Qualität. Das 0:5 nach einer Minute beantwortet Danilo Barthel (5 Punkte) mit dem ersten Dreier. Ein paar Minuten schenkten sich beide Teams gegenseitig ein, bis Italiens Coach Romeo Sacchetti nach dem ersten, aber einzigen Volltreffer von Johannes Voigtmann (3) jenseits der Dreierlinie den Schwung der Deutschen zu bremsen wünschte: 14:14, Auszeit Italien.

Im Basketball hat der Coach zu jeder Zeit die Chance, massiv einzugreifen, Spieler zu wechseln, taktische Varianten vorzugeben. Und dann mal für eine Minute den Rhythmus des Gegners zu brechen. Auf das es besser liefe. Das tat es, für die Deutschen. Sie zwangen Italien zu einer dreiminütigen Punktepause und trafen selbst: 25:14 bis zur achten Spielminute, dabei variabel im Angriff, aber vorwiegend aus der Distanz trefflich: acht Dreier, drei von Andreas Obst (12), acht Spieler mit Punkten, 32:22 nach dem ersten Viertel. Deutschland ein Offensiv-Monster?

Zeit zum Wurf gibt es selten

Leider nicht. Im zweiten Viertel drehten die Italiener den Spieß um. Fünf Minuten blieben die Spieler von Bundestrainer Henrik Rödl ohne ein Erfolgserlebnis, nicht mal bei allen Freiheiten aus der Mitteldistanz, wie vernagelt der Korb. Vom Elf-Punkte-Vorsprung blieben nur drei, weil Lo, einmal frei an der Dreierlinie kurz vor der Halbzeit, sich Zeit ließ, langsam Maß nahm, wie einer, der es ganz genau machen will. Meistens geht das schief, weil so eine Bewegung einen Fluss braucht und der gespeicherte Ablauf viel schneller ist.

Zeit zum Wurf gibt es selten. Lo traf zum 46:34. Es war ein wichtiger Wurf. Weil man so einen Treffer nach der Flaute in die Halbzeit im Kopf mitnimmt und dann auch wieder aufs Parkett. Geht doch. Und wie. Lo setzte fort, wo er aufgehört hatte. Unter anderem drei weitere Dreier von ihm sowie Obst und die Deutschen waren wieder da, wo sie schon einmal waren: elf vorne. Aber mit der Verteidigung ließ sich dieser nächste Schub nicht halten.

Italien hat eine andere Qualität als die Gegner im Qualifikationsturnier von Split. Simone Fontecchio mit fünf Versuchen für fünf Dreipunktewürfe (20), Danilo Gallinari (18), um nur zwei zu nennen. Dazu kam das erzwungene Glück schmerzhafter Ballverluste auf deutscher Seite. Wieder kippte die Partie. Italien ging erstmals seit der vierten Minute kurz in Führung: 63:62.

Es ist die Vielseitigkeit, die Basketball Spannungswechsel verleiht, die Fähigkeit von Spielern und bestenfalls ganzer Teams, allein oder mit Hilfe des Coaches von einer Minute zur anderen alles auf den Kopf zu stellen und die Fans hin- und herzreißen. 72:68 führten die Deutschen vor Beginn des letzten Viertels. Das Spiel hätte eine volle Halle verdient gehabt. In der gewaltigen Saitama Super Arena verloren sich vielleicht einhundert, Ordner, Journalisten, die Teams mitgezählt.

Deutschland wieder vorne

Obwohl in Saitama kein Notstand herrscht, ist die Sorge vor Corona zu groß: Kein Eintritt. Kein Zugang zum Live-Erlebnis aus nächster Nähe, zum Seh- und Hörerlebnis, wenn die Mannschaftskollegen hier wie dort aufspringen und brüllen vor Freude, weil einer er ihren sich durchgesetzt hat. Deutschland wieder vorne, weil Lo so weitermacht hatte und Isaac Bonga (13), der 21-Jährige, sein Talent bewies. Erst in der Defense, dann beim erfolgreichen Dreier, schließlich mit dem Assist für Moritz Wagner (12): 82:80 fünf Minuten vor dem Ende.

Das liegt den Deutschen doch, stark zu sein, wenn es drauf ankommt, die Nerven zu behalten. So sind sie auf den letzten Drücker nach Tokio gekommen. Zwei Dreier, was sonst, von Italien und es ist so weit, wiederholen zu müssen, was schon gelang: 82:86. Lo, der brillante Dribbler, der beste Spieler mit 24 Punkten und einer großartigen Trefferquote (75 Prozent) verliert den Ball beim eins gegen eins, Italien trifft. Noch ein Ballverlust der Deutschen, die sich insgesamt 14 leisten, Italien neun. Das tut weh.

Rödl ruft zur Auszeit, eine Minute noch. Sechzig Sekunden, die über den Verlauf des Turniers entscheiden können, ob es schnell vorbei ist oder weitergeht ins wunderbar Ungewisse. Aber Italien bleibt auf Kurs, trifft, blockt, trifft, siegt: 92:82. Zum ersten Mal ist geknackt, was Rödls Team auf dem Weg nach Tokio auszeichnete. „Wir haben in den letzten Minuten nicht mehr gut attackiert“, sagt Joshiko Saibou (6). „Wir haben zu wenig Struktur gehabt“, fügt Lo hinzu, „und dann sind wir in der Defensive gebrochen. Ich weiß auch nicht, woran das lag.“

Drei Tage bleibt nun Zeit, den Schlüssel zu finden, um die Qualität bis zur letzten Sekunde zu halten. Eine Niederlage gegen das mit acht NBA-Spielern gespickte Nigeria am Mittwoch würde die Chancen auf den Einzug in die K.o.-Runde gewaltig gefährden. Denn im letzten Gruppenspiel treffen die Deutschen auf Australien, einen Medaillen-Kandidaten. „Wir sind bei Olympia“, sagt Saibou, „alle sind stark.“ Soll heißen: nichts ist verloren. Zumindest nicht der Mut.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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