Diskriminierung bei Olympia

IOC machte im Rad-Skandal Druck

Von Anno Hecker, Tokio
29.07.2021
, 17:18
Kurz vor dem Eklat: Azzedine Lagab aus Algerien (rechts) fährt am deutschen Sportdirektor Patrick Moster vorbei.
Der deutsche Sport zeigt ein Wendemanöver in der Causa Patrick Moster, als die Disziplinarkommission droht. Der Sportdirektor verlässt nun doch die Olympischen Spiele.

Erst bleiben, dann fliegen? In der Diskriminierungsaffäre ist es nach knapp vierundzwanzig Stunden zu einer 180-Grad-Wende gekommen. Am Mittwoch noch hatte die Führung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) dem Sportdirektor des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), Patrick Moster, sinngemäß eine gute Sozialprognose gestellt. Der Mann sollte weiter dem deutschen Olympiateam in Tokio angehören, in der kommenden Woche bei den Rennen auf der Bahn nach dem Rechten sehen.

Aber am Donnerstag saß er schon im Flieger nach Deutschland. Nicht aus freien Stücken, wie der DOSB mitteilte. Die Delegationsspitze unter Leitung von DOSB-Präsident Alfons Hörmann hatte dem Radsport-Funktionär mitteilen lassen, dass er nun doch nicht mehr erwünscht sei im Kreis des Teams.

„Wir sind zwar weiterhin davon überzeugt, dass seine öffentliche Entschuldigung für die gestern von ihm getätigte rassistische Äußerung aufrichtig ist“, heißt es in der Nachricht. „Mit dieser Entgleisung“, schrieb der Dachverband des deutschen Sports, „hat Herr Moster jedoch gegen die olympischen Werte verstoßen. Fair Play, Respekt und Toleranz sind für das Team D nicht verhandelbar.“

Klarer Fall von Diskriminierung

Jetzt doch? Was ist passiert? Am Mittwoch hatte Moster während des Einzelzeitfahrens der Männer den deutschen Radrennfahrer Nikias Arndt mit rassistischen Anfeuerungsrufen vom Straßenrand unterstützen wollen: „Hol die Kameltreiber, hol die Kameltreiber, komm!“, rief er während des Rennens Arndt zu, live übertragen im Fernsehen. Vor dem deutschen Olympiateilnehmer waren der Eritreer Amanuel Ghebreigzabhier und der Algerier Azzedine Lagab im Kampf gegen die Uhr auf dem Weg.

Ein klarer Fall von Diskriminierung. Der DOSB handelte sofort. Hörmann bat zum Gespräch. Es soll offen und kritisch gewesen sein. Als es vorbei war, gab sich der Präsident überzeugt, Moster und das Team würden „die notwendige Sensibilität für die künftigen Wettbewerbe“ mitnehmen. Ergo: Der Mann bleibt an Bord. Ende der Durchsage.

Sensibel ist das deutsche Team tatsächlich. Jedenfalls im Fall von Diskriminierungen. Die Hockeyspielerin Nike Lorenz setzte vor Beginn der Spiele durch, eine regenbogenfarbene Armbinde tragen zu dürfen. Der Radrennfahrer Arndt reagierte postwendend auf die Anfeuerung des Sportdirektors. „Ich bin entsetzt über die Vorfälle beim heutigen olympischen Zeitfahren und möchte mich hiermit deutlich von den Aussagen des sportlichen Direktors distanzieren“, schrieb Arndt auf Twitter: „Solche Worte sind nicht akzeptabel.“

Aus der Distanz forderte Radprofi Rick Zabel ein hartes Durchgreifen: „Ich persönlich kann nicht verstehen, dass nach diesem Verhalten nicht sofortige Konsequenzen vom BDR oder DOSB getroffen worden sind“, schrieb der 27-Jährige via Instagram: „Wenn wir die olympischen Werte und Anti-Rassismus-Kampagnen predigen und auch nachhaltig glaubhaft vertreten wollen, dann darf ein solcher Vorfall nicht geduldet werden.“ Gegenüber der F.A.Z. zeigten mehrere Präsidenten von Fachverbänden in Tokio am Mittwoch wie noch am Donnerstagmorgen Ortszeit kein Verständnis für das Festhalten des DOSB-Präsidenten an Moster. Deutsche und internationale Medien übten scharfe Kritik.

Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag, wunderte sich deshalb nicht über die Wende: „Die Entscheidung, Herrn Moster nach seinem inakzeptablen rassistischen Ausfall nun doch nach Hause zu schicken, ist nach meiner Einschätzung ausschließlich dem massiven öffentlichen Aufschrei zu verdanken“, schrieb sie auf Anfrage und fügte hinzu: „Noch gestern (Mittwoch/d. Red.) haben wir ein aus meiner Sicht völliges Versagen der deutschen Delegationsleitung erleben müssen, als DOSB-Präsident Hörmann abgewiegelt hat und wie selbstverständlich den weiteren Verbleib des Herrn Moster in ,Team D‘ verkündet hat. Es ist geradezu bezeichnend, dass die einzig unmissverständliche Stellungnahme mit klarer Haltung zu den Werten des Sports von dem Athleten Nikias Arndt kam.“

Die Interpretation der SPD-Politikerin ist naheliegend. Aber war es so? Hat sich der DOSB-Chef umstimmen lassen, weil Athleten und Medien heftig reagierten? Weil Moster in aller Öffentlichkeit gegen eine der wichtigsten Regeln der olympischen Charta verstieß, fühlte sich auch das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgerufen zu reagieren. Das bestätigte ein Sprecher auf Anfrage der F.A.Z. und übermittelte ein Statement auf Englisch.

Der algerische Radsportler Azzedine Lagab wurde diskriminierend beleidigt.
Der algerische Radsportler Azzedine Lagab wurde diskriminierend beleidigt. Bild: dpa

Die Übersetzung: „Das IOC hat heute Morgen (am Donnerstag/d. Red.) den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kontaktiert und sich zu dem Thema rund um den Sportdirektor des Deutschen Radsportbundes erkundigt. Wir begrüßen die schnelle Reaktion des DOSB, ihn in seiner Funktion nicht weiter führen zu lassen und ihn zu bitten, Tokio zu verlassen, um nach Deutschland zurückzukehren. Kommentare wie diese haben bei den Olympischen Spielen keinen Platz.“

Das liest sich so, als habe der IOC-Präsident Thomas Bach mal nachgehorcht und sich dann zufriedengegeben mit dem jüngsten Ergebnis. Zwischen der „Erkundigung“ des IOC und der Feststellung, der Fall sei gelöst, lag aber offenbar ein längerer Zeitraum. Denn auf Nachfrage lässt das IOC in Tokio auch dies wissen: „Wir haben um Klärung bis heute (Donnerstag-)Nachmittag gebeten und gesagt, wir würden, abhängig von der Antwort, die Anrufung der Disziplinarkommission in Erwägung ziehen.“

Der Erkundigung folgte also nicht postwendend die Antwort, Moster von seinen Aufgaben entbunden zu haben. Vor diesem Hintergrund lässt die Erklärung Hörmanns, wie es zum Umdenken kam, aufhorchen. Demnach führten eine „eingehende Beratung der Delegationsleitung“ am Donnerstag „sowie eine erneute Anhörung des Betroffenen“ zum Rauswurf Mosters. Dabei sind laut DOSB sowohl der Vorgang als auch die Konsequenzen für das Team D diskutiert worden. Etwa die Furcht vor einem mehr oder weniger öffentlichen IOC-Tribunal? Auf eine entsprechende Frage reagierte der DOSB zunächst nicht.

Dafür reagierte der Radsport-Weltverband UCI. Er suspendierte Moster vorläufig. Die Disziplinarkommission des Verbandes habe sich mit dem Fall beschäftigt und entschieden, dass Mosters Aussagen „diskriminierend“ seien und gegen die Grundregeln des Anstands verstießen, teilte die UCI am Donnerstag mit. Der Verband verurteile „jede Form rassistischen und diskriminierenden Verhaltens“ und wolle für Integrität, Vielfalt und Gleichheit sorgen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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