Bronze für Florian Wellbrock

Plötzlich Speedboat statt Wasserski

Von Christoph Becker
01.08.2021
, 04:44
Hat noch eine Chance auf Gold: Florian Wellbrock
Florian Wellbrock macht über 1500 Meter Freistil lange alles richtig – und gewinnt doch nur Bronze, weil die Konkurrenz auf der letzten Bahn eindrucksvoll zulegt. Nun hat er noch eine letzte Chance auf Gold.

Am Ende geht es um das Haustier. Auftritt Brewster. Halb Golden Retriever, halb Schäferhund. Deutscher Schäferhund, aber das hilft Florian Wellbrock nicht weiter. Brewster gehört Bobby Finke, der im 1500-Meter-Freistilrennen gerade zu seiner zweiten Goldmedaille im Tokyo Aquatics Center gekrault ist und nun ein Privileg hat: Die Erzählung vom eigenen Haustier, der menschliche Touch der Siegerstory, transportiert über einen Mischlingsrüden, in diesem Fall in Florida, ein Klassiker im Journalismus. Brewster also habe er seit Weihnachten nicht mehr gesehen, „ich würde ja gerne sagen, er ist mein Hund, aber in Wirklichkeit ist das ein Familienhund“ und deshalb freue er sich als allererstes auf einen Spaziergang im Park. Mit Brewster.

Und Wellbrock? Vielleicht hätte er den Reportern aus Amerika den human touch liefern müssen, dieses Etwas, das die Supermänner alltäglicher erscheinen lässt. Wenn der Mann aus Gainesville nicht diesen wahnsinnigen Schlussspurt hätte. So hatte Finke ihn am Donnerstag im Rennen über 800 Meter aus den Medaillenrängen geschwommen. Und wer die letzten 50 Meter des längsten Rennens sieht, das Beckenschwimmern angeboten wird, erlebt, wie Finke eine Kopie liefert, nein, eine verbesserte Version seines Meisterstücks. 25,78 Sekunden braucht der Gator von der University of Florida für die letzten 50 Meter, dann hat er Wellbrock verschlungen und den Ukrainer Michailo Romantschuk auch.

Olympischer Druck

„Das ist fast meine Bestzeit auf 50 Metern“ sagt Wellbrock später im ZDF und das heißt: er hatte keine Chance mehr. 1,98 Sekunden länger braucht er für die letzte Bahn, als Finke, von dem niemand gesprochen hatte noch vor einer Woche, als es darum ging Favoriten zu nennen. Und Romantschuk nimmt Wellbrock, dem Weltmeister mit der schnellsten Zeit auf dieser Strecke in diesem Jahr, mithin dem Mann, von dem alle gesprochen haben, seit Jahren schon, 98 Hundertstelsekunden ab. Bronze. Bronze!

Die erste Medaille eines deutschen Beckenschwimmers auf einer Einzelstrecke seit Stev Theloke, 1978 in Karl-Marx-Stadt geboren, vor 21 Jahren in Sydney auch Bronze gewann, über 50 Meter Rücken. Florian Wellbrock, der kommende Woche 24 Jahre alt wird, konnte hinterher glaubhaft sagen, dass er „mit einer olympischen Bronzemedaille nicht unzufrieden sein darf“, obwohl er „natürlich Gold anvisiert hatte“. Nach 14:40,91 Monuten war Wellbrock im Ziel, gut vier Sekunden langsamer als im April in Berlin.

Aber Wellbrock ist nicht der einzige Schwimmer, der sagt, dass die Finals am späten Vormittag nach harten Vorläufen am Abend nicht eben förderlich sind, um persönliche Bestzeiten zu schwimmen. Die Zeit aus Berlin, 14:36,45, die mehr als drei Sekunden schneller ist als Finke Siegerzeit, hatte Wellbrock den Druck des Favoriten auferlegt. Und es war dieses Rennen, von dem Wellbrock sagte, es steche heraus, „ein ganz minimales bisschen. Ich würde es schon sehr schön finden – Europameister, Weltmeister, wenn man im Anschluss direkt die Olympiamedaille mitnimmt, vielleicht sogar olympisches Gold, das hat noch mal einen ganz besonderen Charakter.“

Dieses Rennen erzeugte Druck. Olympischen Druck, von dem der Amerikaner Caeleb Dressel, der am Sonntag zu seiner vierten (50 Meter Freistill) und fünften (4x100 Meter Lagen) Goldmedaille schwamm, sagte, dass er anders ist, weil man „perfekt“ sein müsse. Druck, von dem die Staffelschwimmerin Sydney Pickrem am Sonntag den kanadischen Fernsehzuschauern erzählte, dass sie sich „in die Hose gemacht hat, ich muss das nicht schönfärben“. Wellbrock nahm den Druck an. Lieferte keine Kopie seines Rennens vom Donnerstag. Setzte um, was sein Magdeburger Trainer Bernd Berkhahn, der Bundestrainer des Deutschen Schwimm-Verbandes gefordert hatte.

Wellbrock übernahm früh im Rennen. Bei 300 Metern wendete er erstmals als Erster, und einer war bald geknackt: Gregorio Paltrinieri, Olympiasieger über 1500 Meter vor fünf Jahren in Rio de Janeiro, hatte es wieder mit der Flucht nach vorne versucht, aber Wellbrock stieg schon im ersten Drittel des Rennens zum Boss im Becken auf. Paltrinieri, am Donnerstag Zweiter, konnte kein zweites „großes Wunder“ (Paltrinieri über Paltrinieri) vollbringen – der Italiener, vor den Spielen an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankt, wurde Vierter.

Das Boot und die Wasserskiläufer

Zurück zu Wellbrock: Er machte nichts falsch in diesem Rennen. Das sagte auch Berkhahn hinterher über seinen Schwimmer: „beherzt angegangen“ sei der, „seiner Rolle gerecht geworden“, habe „einen guten Eindruck“ gemacht. Kann man sagen. Erster bei 300 Metern, Erster, Erster, Erster bis zur letzten Wende. Aber er bekam sie einfach nicht geknackt, weder Romantschuk noch Bobby Finke. War Wellbrock das Boot in diesem Rennen, dann waren die beiden die Wasserskiläufer hinten dran.

Drei bis vier Zehntel Rückstand hatte Romantschuk bei den Wenden, sechs bis sieben der Amerikaner. Hundert Meter vor dem Ende war es mehr: 61 Hundertstel auf beide. 50 Meter vor dem Ziel: 72 Hundertstel auf Finke, 73 auf Romantschuk. Draußen wedelte Berkhahn mit dem Finger, „komm Junge, schwimm“, Wellbrock sah ihn. „Aber es reichte nicht.“ Auf der letzten Bahn fährt Bobby Finke eben nicht Wasserski, sondern Speedboat. „Ich mag die Typen nicht, die auf der letzten Bahn so schnell schwimmen“, sagte der Ukrainer nach dem Rennen, und an der Glaubhaftigkeit dieser Aussage gibt es nun wirklich rein gar nichts zu bezweifeln. „Er“, also Finke, „ist jetzt der Schnellste der Welt. Wir haben ein Jahr, um meinen Endspurt zu verbessern“, ergänzte Romantschuk.

Dann wollen sie sich wieder treffen, wieder Japan, Fukuoka, Weltmeisterschaft. Wellbrock hatte schon vor den Spielen in einem Gespräch mit der F.A.Z. gesagt, dass für Urlaub nach den Spielen nicht mehr Zeit bleibt als sonst, die Schwimmer müssen weitermachen, Rennen nachholen, die in der Pandemie ausgefallen sind. Die Supermänner müssen durch die Becken, aber Wellbrock steigt noch in Tokio aus. Am Donnerstagmorgen, in Deutschland ist es noch eine halbe Stunde vor Mitternacht, springt er ins 28 Grad warme Wasser der Bucht von Tokio. Zehn Kilometer im Freiwasser. Auch da heißt der Weltmeister Wellbrock. Die letzte Chance auf Gold.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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