Köhler über DSV-Präsident

„Wir benötigen Kompetenz“

Von Michael Reinsch, Berlin
26.04.2021
, 20:30
Nachdem sich der DSV-Präsident selbst als Teamleiter für Olympia aufgestellt hat, wendet sich das Schwimmteam in einem Brandbrief an die Landesverbände. Statt Marco Troll bräuchten sie eine „kompetente und erfahrene Persönlichkeit“.

Sarah Köhler, Weltmeisterschafts-Zweite über 1500 Meter und Sprecherin der Athletenkommission des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), verschärft ihre Angriffe auf Verbandspräsident Marco Troll. In einem Brief an die Präsidenten der Landesverbände, der am Montagabend bekannt wurde, fordern sie und ihr Vertreter, der Wasserballspieler Tobias Preuß, eine Neubesetzung der Position des Teilmannschaftsleiters für die Olympischen Spiele in Tokio, für die Troll sich am Freitag selbst aufgestellt hat.

Dies sei vor dem Hintergrund des nötigen Anforderungsprofils nicht akzeptabel, schreibt die Schwimmerin. „Wir benötigen jetzt eine kompetente und erfahrene Persönlichkeit, die das Team führen und zusammenhalten kann, die die Athleten*innen erreicht und die nötige Ruhe in ein Team bringt, sowie mit Akzeptanz das Team in Tokio begleitet und führt. Wir benötigen jemanden, der sich mit Kompetenz schützend vor uns stellen kann und mit einer starken Stimme nach innen und nach außen für die Olympiamannschaft des DSV agiert“, heißt es in dem Brief.

Präsident und Vizepräsident – gemeint ist der bayerische Verbandspräsident Harald Walter – könnten aus Sicht der Athleten diese Rolle nicht adäquat einnehmen. Stattdessen sollten entweder der dreimalige Olympiasieger Michael Groß, der sich als Interims-Sportdirektor angeboten hatte, oder Bundestrainer Hannes Vitense in Ergänzung zu dem am Freitag zum Sportdirektor berufenen Lutz Buschkow, dem Bundestrainer für Wasserspringen, mit dieser Aufgabe betraut werden. Die Mannschaft könne bei Olympia nur durch eine im Leistungssport tätige sowie kompetente und erfahrene Person geführt werden. Groß, dem Troll in der vergangenen Woche abgesagt hat, sei die bestmögliche Option.

Olympia soll nicht „zum Experiment“ werden

Der Brief richtet sich nicht an das Präsidium des Verbandes mit Troll an der Spitze, sondern an die Landesverbände, die in ihrer Mehrheit Troll gewählt haben, den Präsidenten des Badischen Verbandes. Am Freitag hatte Sarah Köhler in einer Videokonferenz des Präsidiums sich direkt gegen Trolls Selbsternennung gewandt und ebenso gegen die mit den Athleten nicht abgestimmte Berufung von Buschkow. Die Landesverbände sollten am Montagabend tagen.

„Bedenken Sie bitte, dass die Olympischen Spiele in Tokio nicht zum Experiment für uns Athlet*innen und den DSV werden dürfen“, appellieren Köhler und Preuß an die Landespräsidenten. „Die Olympischen Spiele sind für uns Leistungssportler*innen das höchste sportliche Ziel.“ Zu oft sei im DSV die unmittelbare Vorbereitung durch interne Querelen gestört und dadurch der Erfolg bei den Spielen massiv erschwert oder verhindert worden. „Dies sollte nicht erneut passieren“, heißt es weiter in dem drei Seiten langen Schreiben. „Insbesondere vor dem Hintergrund der jahrelangen harten und entbehrungsreichen Vorbereitungszeit, die wir Athlet*innen auf uns genommen haben, um Deutschland und den DSV in Japan gut zu repräsentieren und Erfolge zu erzielen.“

Am Dienstag vergangener Woche hatten sich die Athletenvertreter, viele hauptamtliche Beschäftigte aus dem Bereich Leistungssport, unter ihnen drei Bundes- und drei Stützpunkttrainer sowie die ehemaligen Schwimm-Stars Franziska van Almsick, Britta Steffen und Paul Biedermann in einem offenen Brief an Troll gewandt. Darin forderten sie die Rehabilitierung des vor zwei Monaten aus seinem Amt entfernten Sportdirektors Thomas Kurschilgen und eine Aufklärung über die wirtschaftliche Situation des Verbandes.

Die Krise, wie es sie in einem solchen Ausmaß wie zur Zeit im Schwimmverband noch nie gegeben habe, heißt es in dem Brief, und unter welcher Trainer, Athleten und große Teile des hauptamtlichen Personals litten, sei durch Troll und seinen Vorstand selbst verursacht worden: „Mit welchem Ziel?“

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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