Patrick Franziska und Timo Boll

Idol, Barista, Partner

Von David Lindenfeld
15.07.2021
, 14:09
Tischtennis-Star Timo Boll war lange das Vorbild von Patrick Franziska. Bei Olympia tritt der Bensheimer nun im Doppel mit ihm an – „viel besser geht es nicht“.

Bei den deutschen Tischtennisherren gibt es seit Jahren einen treuen Begleiter. Ganz egal, wo die Reise hingeht – im Gepäck muss immer noch Platz für eine Kaffeemaschine sein. Die deutsche Nummer eins, Timo Boll, hat sie auch diesmal schon weit im Vorfeld der Olympischen Spiele nach Tokio geschickt, wie er vor der Reise in den Fernen Osten verriet. Dort will er gemeinsam mit Dimitrij Ovtcharov und seinem hessischen Kollegen Patrick Franziska eine – im besten Fall goldfarbene – Mannschaftsmedaille gewinnen, abseits der Platte aber auch die eine oder andere Tasse mit goldbraunem Inhalt zu sich nehmen.

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Beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) bezeichnen sie den in Erbach geborenen Boll wahlweise als „Barista“ oder „Kaffeezeremonienmeister“. Der 40-Jährige habe laut Franziska „großen Spaß“ daran – der Rest der Delegation sagt „Danke“ und genießt. Utensilien wie Filter und verschiedene Bohnen kommen ins normale Gepäck. „Ich hoffe, dass ich meine Beläge für die Schläger nicht vergesse“, sagte Boll jüngst, der trotz einer kürzlich erlittenen Hüftverletzung wohl wieder fit wird bis zum Beginn der Spiele, und hatte die Lacher damit auf seiner Seite.

Während der virtuellen Presserunde vor der Abreise nach Tokio ist den deutschen Herren etwas gelungen, was in diesen Zeiten nicht immer gelingt: Eine Atmosphäre über den Bildschirm zu transportieren. Vor dem nahenden Start ist die Stimmung im deutschen Team, das an Nummer zwei im Mannschafts-Wettbewerb gesetzt ist, eine Melange aus Entschlossenheit, Anspannung und kindlicher Vorfreude. Es wird viel gescherzt und gelacht. Auch der in Bensheim geborene Franziska, der zuletzt nicht so viel zu lachen hatte wie die anderen, lachte mit.

„Viel besser geht es nicht“

Die erfolgreichste EM in der Geschichte des DTTB mit vier von fünf goldenen und drei von fünf silbernen Medaillen war von Sportdirektor Richard Prause im Vorfeld als „hochkarätige Standortbestimmung“ bezeichnet worden. Boll wurde Europameister im Einzel mit einem Finalsieg über Ovtcharov, was nach seiner Theorie auch mit der Kaffeemaschine zu tun hatte: „Die Jungs kamen oft vorbei. Aber vor dem Finale habe ich Dimi nicht mehr reingelassen. Vielleicht war das ausschlaggebend“, sagte Boll. Franziska, dem vor Beginn der EM viele eine Medaille zugetraut hatten, ging hingegen leer aus. Im Einzel (Achtelfinale), im Doppel mit Boll (erste Runde) und im Mixed mit Olympia-Partnerin Petrissa Solja (Viertelfinale) scheiterte er jeweils früher als erwartet.

Was sich für einen ambitionierten Sportler mit Chancen auf die Medaillen wie eine Bilanz liest, die vor einem großen Turnier wie Olympia nachdenklich stimmen müsste, ist für Franziska kein Anlass, an sich selbst zu zweifeln. „Natürlich hatte ich es mir selbst ein bisschen anders vorgestellt, aber ich war nicht so unglaublich unzufrieden“, sagte der 29-Jährige der F.A.Z. Das Doppel war ein „kleiner Rückschlag“. So früh sind Boll und Franziska noch nie ausgeschieden. Dass er das Mixed nur fünf Minuten später spielen musste, sei „ungünstig“ gewesen. Und im Einzel traf der 29-Jährige mit Ovidiu Ionescu auf einen Gegner, der ihm nicht liegt. Ergebnis: 0:4. „Ich habe nicht die richtige Taktik gefunden. Das muss ich besser machen bei Olympia: schneller Sachen in meinem Spiel verändern“, sagt Franziska.

Im Mixed, in dem in Tokio 16 Nationen mit jeweils einem Pärchen vertreten sind, ist dem deutschen Paar Solja/Franziska etwas zuzutrauen. Sie sind an acht gesetzt. Mit etwas Glück bei der Auslosung hoffen beide „auf eine Überraschung“, ergo eine Medaille. Auch die Herrenmannschaft übt sich in vorsichtiger Zurückhaltung. „Es ist sehr ausgeglichen, wenn man die Chinesen außen vor lässt. Aber wir sind nicht umsonst an Nummer zwei gesetzt und werden mit Selbstvertrauen ins Turnier gehen“, sagt Franziska.

Dass er im Doppel mit Boll an der Platte stehen wird, ist für ihn etwas Besonderes – „beim größten Event überhaupt. Viel besser geht es nicht.“ Beide kennen sich schon lange, weil Franziska mit dem TSV Höchst einst denselben Verein im Odenwald wie sein großes Idol als Startpunkt seiner Karriere wählte. Beide kommen aus derselben Gegend. Franziska schaute stets zu seinem großen Vorbild, dem „wahrscheinlich größten Spieler aller Zeiten in Europa“, auf. Und sieht ihn jetzt immer wieder neben sich, wenn er den Kopf an der Platte nach links oder rechts dreht.

Eine Medaille wäre ein krönender Abschluss für Bolls nach eigener Aussage „wahrscheinlich letzten Spiele“ und ein guter Start auf der größten aller möglichen Bühnen für Franziska, der 2016 in Rio als Ersatzmann von der Tribüne zuschauen musste, wie die Mannschaft die Bronzemedaille gewann. Die scheint auch diesmal realistisch: Mit Boll (Weltranglistenneunter) und Ovtcharov (Zehnter) ist das Team im Einzel gut aufgestellt. Die Frage ist nur, ob Boll wirklich hundertprozentig fit sein wird. Bei einem Vorbereitungsturnier verletzte sich der Fahnenträger von 2016 an der Hüfte. „Wir müssen vorsichtig sein mit Wasserstandsmeldungen, aber wir gehen davon aus, dass der Olympia-Start nicht in Gefahr ist“, sagte Prause zuletzt.

Eine Einzelteilnahme bei Olympia und eine Platzierung unter den Top Ten der Welt ist auch das, was Franziska (aktuell 16. der Weltrangliste) anstrebt. Folgt man den Worten von Prause, ist das durchaus realistisch. Er sieht in Europa eine Verschiebung der absoluten Leistungshöhepunkte. „Es dauert länger, bis man in einer technisch-kompositorisch schwierigen Sportart wie Tischtennis ganz nach oben kommt. Dafür kann man dort länger verweilen.“

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Keine schlechten Aussichten also für Franziska. „Vielleicht klappt es ja, wenn der alte Mann dann irgendwann mal aufhört“, sagt er im Scherz und dennoch mit vollem Respekt über Boll. Wäre der bei den nächsten Olympischen Spielen wirklich nicht mehr dabei, würde Franziska nach derzeitigem Stand im Einzel seinen Platz einnehmen. Doch das hätte auch einen Nachteil: Den Kaffee müsste in Paris jemand anderes zubereiten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lindenfeld, David
David Lindenfeld
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