„Refugee Olympic Team“

Trost und Hoffnung wiegen 125 Gramm

Von Alexander Davydov
23.07.2021
, 12:34
Endlich bei Olympia dabei: Badmintonspieler Mahmoud hat einen steinigen Weg voller Rückschläge hinter sich.
In Syrien träumte Aram Mahmoud einst von einer Karriere als Badmintonspieler. Doch Krieg und Perspektivlosigkeit trieben ihn in die Flucht. Trotz Rückschläge kann er nun bei Olympia teilnehmen.

„Wir vertrauen aufeinander, denn Einigkeit bedeutet Kraft“, heißt es in einem alten arabischen Sprichwort. Die universelle Botschaft: Gemeinsam sind wir stark. Doch nach Jahren des Krieges und Unterdrückung scheint dies in Syrien derzeit kaum vorstellbar. Noch immer befinden sich mehr als zehn Millionen Menschen auf der Flucht, verstreut auf der ganzen Welt als heimatlose Splitter einer zerbrochenen Nation. Gemäß dem Motto der diesjährigen Olympischen Spiele „Vereint durch Emotionen“, treten aber immerhin sechs Athleten Seite an Seite unter dem syrischen Banner in Tokio an.

Doch bleiben sie nicht die einzigen Teilnehmer aus diesem Krisenland. Denn neun weitere syrische Olympioniken werden ebenfalls dabei sein, die nicht nur die Herkunft, sondern auch ein gemeinsames Schicksal verbindet – der Verlust der Heimat. Sie treten an als Mitglieder des sogenannten „Refugee Olympic Team“, des olympischen Flüchtlingsteams.

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So auch Aram Mahmoud. 2014 zählte der damals 17-Jährige zu den besten Badmintonspielern Syriens. Doch die Lage in seiner Heimat spitzte sich zu. Schweren Herzens verlässt er 2015 Familie und Heimat: „Es war eine sehr schwierige Entscheidung für mich, mein Land zu verlassen“, erinnert sich Mahmoud. „Ich musste jedoch irgendwann realisieren, dass mir die Sicherheitslage in meiner Heimat kaum noch Chancen bot, meine Träume und Ziele zu erreichen.“ Mahmoud begab sich auf einen nicht minder gefährlichen Weg, um für sich eine bessere Perspektive zu finden. „Meine oberste Priorität war es, endlich in Sicherheit zu sein, nicht einmal an den Sport habe ich damals gedacht“, sagt er. Die Ankunft in den Niederlanden bedeutete für den jungen Syrer einen langersehnten Neubeginn.

Erste Schritte in der neuen Heimat

Die ersten Schritte im fremden Land mit einer fremden Kultur waren schwer. Doch Mahmoud lässt sich nicht unterkriegen. „Meine Familie und meine Freunde glauben an mich, das hilft sehr“, sagt er. „Mein Vater, er war in Syrien mein Trainer, ist dabei die ganze Zeit mein Idol und Vorbild gewesen. Er sagte mir: Sei du selbst und kämpfe um jeden Punkt.“ Ein Ratschlag, den Mahmoud nicht nur auf den Sport anwendet. Fast täglich telefoniere er mit all denen, die ihm so nah sind und doch im weit entfernten Syrien zurückgeblieben. Auch wenn sie Mahmoud immer wieder sagen, wie stolz sie auf ihn sind, bleibt der Schmerz über die Trennung präsent. Der Griff zu Schläger und Federball macht es aber erträglicher. Zusammen etwa 125 Gramm. So viel wiegt Mahmouds Trost und Hoffnung.

„Badminton half mir, mich zurecht zu finden, hier Freunde zu finden, mich zu integrieren, die Sprache leichter zu lernen“, sagt Mahmoud. Er war erst wenige Monate in den Niederlanden, da stand er bereits in der Trainingshalle eines Vereins, wenig später spielte er bereits gegen die Besten des Landes. Das Talent des ehrgeizigen Syrers ist unbestritten und wird in den Niederlanden gefördert. Und doch werden Mahmouds sportliche Ambitionen über Jahre hinweg ausgebremst. Dabei befindet sich sein größter Gegner nicht auf dem Spielfeld, sondern in seinen Dokumenten. Wegen des Flüchtlingsstatus kann der Topathlet erst 2018 wieder an internationalen Wettbewerben teilnehmen und beweisen, wie gut er wirklich ist.

Der Traum von Olympia

Über das „Refugee Olympic Team“ kann er sich nun sogar den Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen erfüllen. Neben 20 weiteren Geflüchteten aus insgesamt zehn Ländern gehören auch acht weitere Syrier zu dieser Mannschaft der Heimatlosen. Auch wenn Mahmoud sie vor den Spielen nie getroffen hat, kennt er deren Leidenswege, die so sehr dem eigenen gleichen.

Diese Männer und Frauen kommen aus Orten, die Mahmoud aus der Jugend vertraut sind. Aleppo, Idlib oder Damaskus. Auch sie sind vor den Schrecken des Krieges geflohen und haben in Deutschland, den Niederlanden oder der Schweiz eine neue Chance bekommen. Mahmoud empfindet deswegen ein bittersüßes Wir-Gefühl mit den vertriebenen Landsleuten. „Wir wissen, was jeder einzelne von uns durchmachen und erleiden musste“, sagt er.

Mahmoud sieht sich allerdings auch noch als Teil einer viel größeren Schicksalsgemeinschaft. Er wolle, sagt er, den zahllosen Flüchtlingen in aller Welt ganz unabhängig der Herkunft Hoffnung geben. Und dabei gleichzeitig nicht nur als heimatloser Sportler auffallen: „Ich bin bei den Spielen dabei, weil ich gut bin und es verdient habe“, sagt er. „Nicht einfach nur, weil ich ein Flüchtling bin, der halt Badminton spielt.“

Den Traum von den Olympischen Spielen, die so viele Nationen durch Emotionen vereinen wollen, kann sich Mahmoud in Tokio endlich erfüllen. Geblieben ist aber noch eine Sehnsucht. Es ist der Wunsch, endgültig anzukommen an einem mittlerweile so vertrauten Ort: „Nach all dem Erlebten sind die Niederlande zu meiner Heimat geworden“, sagt Mahmoud und hofft, dass er eines Tages dieses Land Seite an Seite mit anderen niederländischen Athleten ganz offiziell repräsentieren kann.

„Ein Geschenk“ für Syrien: Hend Zaza träumt von Gold

Beinahe ihr ganzes Leben lang tobt der Krieg in ihrer Heimat, und doch hat Hend Zaza nie aufgehört zu träumen. Apothekerin will sie werden, Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Nach Tokio hat es die Tischtennisspielerin aus Syrien bereits geschafft, als jüngste Teilnehmerin der Spiele in diesem Sommer. Die Qualifikation bezeichnet die Zwölfjährige als „ein Geschenk für mein Land, meine Eltern und alle meine Freunde“.

Den Erfolg hat sich Zaza hart erarbeitet. „Der Krieg hat uns alle betroffen“, sagt ihr früherer Trainer Adham Jamaan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP: „Das Training fand oft unter schwierigen Bedingungen statt, mit Stromausfällen in dem Raum, in dem wir stundenlang festsaßen.“ Auch nach zehn Jahren wird in Syrien noch gekämpft, in Zazas Heimat gilt der Olympische Frieden nichts. Immerhin eine kleine Delegation hat es nach Japan geschafft, fünf Männer und die junge Zaza aus Hama, die mittlerweile weltweit Aufmerksamkeit bekommt.

Nur vier Olympioniken bei Sommer- und Winterspielen waren demnach jünger als Zaza, zuletzt die rumänische Eiskunstläuferin Beatrice Hustiu vor 52 Jahren bei den Spielen 1968 in Grenoble. Der jüngste Teilnehmer in der Geschichte der modernen Spiele, so teilt es das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit, ist der Grieche Dimitrios Loundras, der bei der ersten Auflage 1896 in Athen im zarten Alter von zehn Jahren in der Mannschaft der Gastgeber turnte.

In Tokio sticht Zaza im Altersranking auch die jungen Skateboarderinnen aus, darunter die Britin Sky Brown (13) und die Deutsche Lilly Stoephasius (14). In die olympische Geschichte möchte sie aber irgendwann als Medaillengewinnerin eingehen, auf dem Weg dahin soll Tokio, wo sie am Samstagmorgen Ortszeit in der ersten Runde auf die 27 Jahre ältere Österreicherin Liu Jia trifft, nur der erste Schritt sein. Hend Zaza wird nie aufhören zu träumen. (sid.)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Davydov, Alexander
Alexander Davydov
Sportredakteur.
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