Auf die Matte

Von ACHIM DREIS
Fotos FRANK RÖTH

21. Juli 2021 · Bei den Olympischen Spielen wird Judo eine der sportlichen Attraktionen sein. Eduard Trippel ist der deutsche Hauptdarsteller.

In diesem Jahr hat er schon Bronze beim Masters in Doha (Qatar) gewonnen und Silber beim Grand Slam in Kasan (Russland). „Für mich läuft gerade alles gut“, sagt Eduard Trippel mit fester Stimme und gewachsenem Selbstbewusstsein. Der Vierundzwanzigjährige vom Judo-Club Rüsselsheim hat die Verschiebung der Olympischen Spiele um zwölf Monate wegen der Corona-Pandemie genutzt, um sein Können zu vervollständigen. „Ich fühle mich besser als im vergangenen Jahr“, sagt der 90-Kilo-Kämpfer.

Schon vor Jahresfrist zählte er zum Aufgebot des Deutschen Judo-Bundes (DJB) für Tokio, wirkte aber bisweilen noch, als sei er überraschend in einem fernen Traum aufgewacht. Nun will er Ende Juli nach Tokio reisen, um beim Kampf um die Medaillen im Mittelgewicht mitzumischen.

Japan ist das Sehnsuchtsland jedes Judokämpfers. „Dort hat jeder Ahnung von Judo“, hat Trippel schon bei der ersten seiner vielen Fernost-Reisen erstaunt festgestellt. „Bei jedem Wettkampf sind die Hallen voll, und alle kennen die Regeln.“ Auch wenn das Publikum bei Olympia wegen der Corona-Auflagen draußen bleiben sollte, ein Fernsehereignis wird Judo auf alle Fälle: Der Kampfsport, der Körper und Geist zu verbinden versucht, gehört in dem pazifischen Inselstaat zum Grundkanon des Könnens und Wissens, zur praktischen Kernkompetenz eines jeden Einwohners.

Eduard Trippel in der Rüsselsheimer Großsporthalle: Japan ist das Sehnsuchtsland jedes Judokämpfers.
Eduard Trippel in der Rüsselsheimer Großsporthalle: Japan ist das Sehnsuchtsland jedes Judokämpfers.

Für den Vertreter einer Randsportart, der in Deutschland oft erklären muss, was er da eigentlich macht, ist das ein seltenes Phänomen. Bei vielversprechenden Aktionen eines Judokas geht in japanischen Kampfhallen ein Raunen durch die Menge – ähnlich wie anderswo bei einem aussichtsreichen Angriff im Fußballstadion. Wer auf der Straße als Judoka erkannt wird, wie es dem jungen Rüsselsheimer selbst in der Millionenmetropole Tokio schon widerfuhr, ist sofort im Gespräch: „Judokas sind Stars.“


„Wir wurden behandelt wie Könige, haben uns gefühlt wie Fußball-Weltmeister.“
ALEXANDER WIECZERZAK, JUDO-WELTMEISTER VON 2017

Das kann Alexander Wieczerzak nur bestätigen. „Vor dem Hotel standen Leute, die uns fotografieren wollten“, erinnert er sich an seine Ankunft bei der Weltmeisterschaft 2019, die ebenfalls in Tokio stattfand. „Wir wurden behandelt wie Könige, haben uns gefühlt wie Fußball-Weltmeister.“ Solche Gefühle kannte er aus Deutschland nicht, obwohl der Wiesbadener selbst Weltmeister ist – in Budapest 2017 hatte er in der Klasse bis 81 Kilogramm den Titel gewonnen, also im Halbmittelgewicht, in dem die Leistungsdichte gemäß Normalverteilung am größten ist. Ein Lebenstraum ging für den damals Sechsundzwanzigjährigen in Erfüllung. Doch sein Leben änderte sich nicht großartig. Ein paar Medienanfragen hier und da, ein neuer Sponsorenvertrag immerhin. Aber von Passanten erkannt wurde er an seinem Trainingsort in Köln weiterhin nicht. In Japan dagegen schon: „Da wird die Leistung eines Judokas super respektiert.“

Alexander Wieczerzak (in blau) bei einem Bundesligakampf: Sein Leben in Deutschland hat sich auch als Weltmeister nicht großartig verändert.
Alexander Wieczerzak (in blau) bei einem Bundesligakampf: Sein Leben in Deutschland hat sich auch als Weltmeister nicht großartig verändert. Foto: Wonge Bergmann

Als sich Alexander von der Groeben in den späten siebziger Jahren zum ersten Mal mit der deutschen Judo-Nationalmannschaft zu einem Randori, einem Trainingskampf, in Japan aufhielt, hatte er zunächst „ein komisches Gefühl“. Er wähnte sich in einer Filmszene. Auf seiner Seite der Matte standen sieben, acht Deutsche, auf der anderen knapp 200 Japaner. „Da waren alleine im Schwergewicht 30 adäquate Gegner“, erinnert sich der Fünfundsechzigjährige noch Jahrzehnte später an die Szene. „So viele gab es in ganz Deutschland nicht.“ Er zeigte auf einen Gegner, trainierte mit ihm, und nach fünf Minuten kam der nächste an die Reihe. Beim Randori geht es nicht darum zu gewinnen, sondern darum, die Techniken im Fluss der Kämpfe anwenden zu können.

KAMPF MIT SICH SELBST

Von der Groeben war in den achtziger Jahren der beste deutsche Judoka. Er kämpfte im Schwergewicht und in der offenen Klasse, wurde mehrfach deutscher Meister, Europameister und WM-Medaillengewinner. Noch heute ist der „Judo-Graf“ als Sportmoderator und Schauspieler eine bekannte Figur in der überschaubaren deutschen Judoszene. In Japan wurde der Hüne auch dank seiner knapp zwei Meter Körpergröße und der blonden Mähne zu einer Berühmtheit. „Du kommst in einen Laden rein, wirst als Judoka erkannt, und schon deutet dir jemand einen Wurf an – in Straßenkleidung.“ Vom deutschen Bundestrainer Richard Trautmann ist der Spruch überliefert: „In einem japanischen Dojo wirft dich der Hausmeister.“ In einer deutschen Halle verwaltet der nur die Schlüssel.

Auch Eduard Trippel war mit seinen 24 Jahren schon mindestens achtmal in Japan, meistens in Tokio. „Es ist der beste Ort, um Judo zu trainieren.“ Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Leistungsdichte so groß, stehen so viele Trainingspartner zur Verfügung. Nationalmannschaften aus der ganzen Welt reisen an, um gegeneinander anzutreten und sich zu verbessern. Mit Athleten aus allen möglichen Ländern hat sich Trippel, dessen Spezialität die Hüfttechniken sind, schon gemessen. Manchmal weiß er gar nicht, woher seine Partner beim Randori kommen. Nationalitäten oder Hautfarben spielen für ihn keine Rolle, sind überhaupt im Judo nebensächlich. „Es ist alles individuell.“ Gleichzeitig bilden die Judokämpfer eine weltweite Gemeinschaft: Judomeister wird nicht, wer für sich bleibt. „Ich könnte nicht alleine im Keller trainieren“, sagt Trippel.

Nach dem Prinzip des Nachgebens: Der Erfolg im Judo hängt nicht nur von Kraft und Technik ab.

Zu Beginn der Corona-Pandemie kam er sich deshalb bisweilen etwas verloren vor. In seiner angestammten Trainingshalle, dem Dojo in Rüsselsheim, gab es keine adäquaten Kampfpartner für ihn. Sportler seiner Qualitätsstufe sind rar in Hessen, und wer nicht zum Leistungskader gehörte, durfte gar nicht mehr auf die Matte. Doch das Problem hat sich im Lauf der Zeit gelöst. „Ich bin kaum noch zu Hause“, sagt Trippel. Trotz aller Verbundenheit mit seinem Verein und Heimtrainer Andreas Esper, der ihn ausgebildet und auf höchstes Niveau gebracht hatte, ließ der Polizist der hessischen Sportfördergruppe Rüsselsheim einstweilen hinter sich. „Ich trainiere meistens in Köln“, sagt Trippel, „die haben immer ‚ne volle Matte.“

Oder bei internationalen Trainingslagern, die meist vom Judoverband ausgerichtet werden. Bei einem Camp in Georgien infizierte sich Eduard Trippel dabei mit dem Coronavirus. Er musste 14 Tage in Quarantäne, hatte aber Glück: „Ich war symptomfrei.“ Nach zwei Wochen Auszeit konnte er unmittelbar weiter trainieren, ohne spürbaren Leistungsverlust. Andere erwischte es schlimmer: Alexander Wieczerzak musste nach seiner Corona-Infektion „am Nullpunkt“ wieder anfangen. Die Olympiateilnahme rückte für den Wiesbadener in weite Ferne.

Die Entwicklung des Judosports geht auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Gründungsvater war Jigorõ Kanõ, geboren 1860 in Mikage. Der eher schwächlich gebaute junge Mann besuchte die Universität in Tokio und beschloss, Jiu Jitsu zu lernen, um sich verteidigen zu können. Dass bei dieser aggressiveren Kampfsportart aber nicht nur Selbstverteidigungstechniken gelehrt wurden, missfiel ihm. Und so gründete Jigorõ Kanõ 1882 in Tokio seine eigene Akademie, die „Schule zum Studium des Wegs“.

Video: Youtube-Kanal von Eduard Trippel

Kanõ nannte das von ihm entwickelte System, das Kampfkunst mit Lebensphilosophie verbindet, „Ju-do“, was in der deutschen Übersetzung in etwa „der sanfte Weg“ bedeutet. Sanft deshalb, weil der Erfolg im Judo auf dem „Prinzip des Nachgebens“ beruht. Wer Erfolge erzielen möchte, sollte die Energie des Anderen für die eigenen Zwecke zu nutzen imstande sein. Wörtlich wird mit der Silbe „Ju“ das Prinzip „Siegen, indem man sich flexibel an den Gegner anpasst“ verdeutlicht.

In Europa etablierte sich Judo zunächst als Zirkuskunst auf Varietébühnen in London und Berlin. Erst in den zwanziger Jahren gründeten sich erste Judoklubs in Deutschland. Vereine in Frankfurt und Wiesbaden waren Vorreiter. Zur olympischen Disziplin geadelt wurde der Sport dann 1964 – als Reminiszenz an den damaligen Gastgeber der Spiele: Tokio. Der Wolfsburger Klaus Glahn gewann die Bronzemedaille in der offenen Klasse. Noch heute erinnert sich der mittlerweile Neunundsiebzigjährige daran, dass die Japaner sich zum Judo bei Olympia „in einen besonders festlichen Anzug“ kleideten.

Jigorõ Kanõs Idee, durch Judo für jedermann einen alltäglichen Zugang zum Sport zu schaffen, hatte sich erfüllt. „Die Menschen sind Rivalen im Wettkampf, aber geeint und Freunde durch ihr Ideal, in der Ausübung ihres Sports und noch mehr im täglichen Leben“, lehrte Kanõ einst. „Jeder hat mal Judo gemacht“, sagt von der Groeben heute. Dazu kommt das Prinzip der persönlichen körperlichen und geistigen Vervollkommnung als Ansporn. „Wichtig ist nicht, besser zu sein als alle anderen. Wichtig ist, besser zu sein, als du gestern warst!“

Judomeister wird nicht, wer für sich bleibt. „Ich könnte nicht alleine im Keller trainieren“, sagt Trippel.

Eduard Trippel kam zum Judo, weil seine Grundschullehrerin ihm Hyperaktivität attestierte. Mit sechs Jahren fing er beim Judo-Club Rüsselsheim an. Es machte ihm Spaß, er blieb, und ganz schlecht war er offenbar auch nicht. Seine Energie zielgerichtet einzusetzen: Dafür ist eine Kampfsportart die ideale Disziplin. Neben dem sportlichen Aspekt gehört ein ethischer Kanon elementar zum Judo. „Bescheidenheit, Höflichkeit, Respekt“ sind Werte, die Trippel durch Judo gelernt und für sein soziales Leben verinnerlicht hat. „Wobei: So schlimm war ich als Kind auch wieder nicht.“

HART, ABER FAIR

Obwohl er einer anderen Generation angehört, ist sich auch von der Groeben sicher, dass diese Werte dazu beitragen, dass die internationale „Judo-Familie“ vergleichsweise gut harmoniert. „Die Begrüßungsrituale sind nicht nur Show, sondern ernst gemeint. ‚Kämpfe hart, aber fair‘ ist mehr als nur ein Slogan.“ Doch zur Wahrheit gehört auch ein anderes Phänomen. Die Dichte auf der Leistungsebene ist so enorm, dass es fast erstaunt, dass nicht alle Weltmeister aus Japan kommen. „Es gibt eine Million Dan-Träger“, sagt von der Groeben. „In Deutschland gibt es gerade mal 150.000 Judoka, davon vielleicht 50.000 Erwachsene.“ Bei seinen Studien- und Trainingsreisen in Japan ist der Kölner auf Kämpfer getroffen, von denen er dachte: Die werden mit Sicherheit WM-Medaillen gewinnen. Doch dann habe man sie nie mehr gesehen.


„Wenn du sechsmal geworfen wirst, stehe siebenmal wieder auf.“
ICHIRO ABE, JUDO-LEHRMEISTER

„Wenn du sechsmal geworfen wirst, stehe siebenmal wieder auf“, lautet eine goldene Regel im Judo. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus. „Die Japaner trainieren wirklich hart, aber nur der Härteste setzt sich durch“, sagt von der Groeben. Der Internationale Judo-Bund hat die Teilnehmerzahlen pro Nation und Gewichtsklasse bei Großereignissen beschränkt. Das führt zu einer extremen Selektion im Mutterland des Sports. Selbst Spitzenkönner fallen durch, weil sie dem Druck nicht standhalten. „In Deutschland wird das Training individueller gestaltet“, weiß von der Groeben aus eigener Erfahrung, auch um Dropouts der wenigen Talente zu vermeiden. Deshalb hat sich der Kölner trotz der Bedeutung der Judokultur in Japan auch nie gewünscht, Japaner zu sein. „Es kann ein ganz tristes Leben sein, wenn man nur die Nummer zwei oder drei ist.“

Bei aller Internationalität des Judos bleibt ein Problem: die Sprache. Trippel kann außer einigen Floskeln wie „Hallo“ („konnichiwa“), „Tschüss“ („baibai“) und „Danke“ („arigato“) nur Fachvokabeln seiner Sportart in ihrer Muttersprache aufsagen. Sämtliche Griffe, Würfe und Wertungen tragen japanische Namen, „Ippon“ oder „Uki-Goshi“ prägen sich ein wie „Abseits“ oder „Tor“. Für die restlichen Begriffe des täglichen Lebens brauchen die ausländischen Kämpfer Übersetzer.

Nicht einmal von der Groeben kann gut Japanisch sprechen, obwohl er in Summe zwei Jahre in Fernost verbracht hat. „Wenn du mit acht Deutschen im Trainingslager warst, hattest du wenig Grund, die Sprache richtig zu lernen. Doch es reichte, um ein Bier zu bestellen.“ Und um zu signalisieren, wenn er im Training genug hatte. „Itami“ sagen und auf einen Körperteil zeigen, so von der Groebens Trick, schon war die Lektion beendet: „'Itami‘ heißt Schmerz.“

Als lustiger Nebeneffekt seiner offenen rheinischen Art sei es ihm häufig passiert, dass sich einheimische Gesprächspartner eine halbe Stunde mit ihm über Judo und die Welt unterhielten, ohne dass er letztlich verstanden hätte, um was es ging. Eine Taktik, die dennoch zielführend war: „Wenn du im Restaurant auf Japanisch bestellt hast, waren die schon ganz begeistert, und du bekamst eine Riesenportion.“

Begegnungen dieser Art werden bei den Olympischen Spielen 2021 auf ein Minimum reduziert sein. Olympia wird nicht das sonst übliche Fest der Begegnungen sein können. Auch im Judo nicht. „Ich gehe davon aus, dass wir ohne Publikum kämpfen“, sagt Eduard Trippel. Das wäre zwar schade, weil so die einzigartige Atmosphäre fehlen würde. Doch es muss für ihn kein Nachteil sein. „Ich bin der Typ, der nicht so viele Zuschauer braucht“, sagt der eher in sich ruhende Athlet, der gelernt hat, mit Druck umzugehen. Auf seinem Weg zum Meister ist er weit gekommen: „Je weniger ich mir einen Kopf mache, umso besser gelingt es mir zu kämpfen.“



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