Olympia-Gold über 100 Meter

Jacobs ist Bolts Nachfolger am azurblauen Abend

Von Michael Reinsch
01.08.2021
, 18:00
Starker Lauf: Lamont Marcell Jacobs gewinnt über 100 Meter bei Olympia.
Ein Weitspringer aus Italien, der aus El Paso in Texas stammt, wird Sprint-Champion: Lamont Marcell Jacobs gewinnt 100-Meter-Gold bei Olympia. Nach einer Leidenszeit erfüllt sich sein großer Traum.

Es musste ja so kommen, so unvorhersehbar, wie dieser 100-Meter-Wettbewerb der Männer in Tokio war: Olympiasieger im Sprint ist ein Weitspringer, noch dazu ein italienischer, der aus El Paso in Texas stammt. Lamont Marcell Jacobs, der auf Instagram als „crazylongjumper“ 177.000 Follower hat, gewann am Sonntagabend den Endlauf im weitgehend leeren Olympiastadion deutlich; in 9,80 Sekunden lief er Europarekord und besiegte den Amerikaner Fred Kerley (9,84) und den Kanadier Andre de Grasse (9,89). Für die Olympischen Spiele von Rio 2016 hatte er sich als italienischer Meister im Weitsprung mit 8,48 Meter qualifiziert – und musste dann wegen einer langwierigen Muskelverletzung passen. Im Sprint lief es besser.

Das Finale erreichte der 26-Jährige als Lucky Loser des Halbfinales: als einer der beiden zeitbesten Dritten in 9,80 Sekunden. Damit war Jacobs immerhin schneller als Trayvon Bromell, der einzige Favorit dieses Wettbewerbs, Erster der amerikanischen Olympia-Ausscheidung und in diesem Jahr über die 100 Meter bereits nach 9,77 Sekunden im Ziel. Als Dritter seines Laufs schied der Amerikaner in 10,00 Sekunden aus. Auch für die beiden Jamaikaner, die es ins Halbfinale geschafft hatten, den einstigen Weltmeister Yohan Blake (10,14) und Youngster Oblique Seville (10,09), reichte es nicht – im Gegensatz zu den schnellen Frauen ihres Teams und deren Triple.

Die Sprunghaftigkeit des Glücks im Sprint illustriert das Abschneiden von Su Bingtian: Im Halbfinale lief der Chinese in 9,83 Sekunden Asien-Rekord und war damit Schnellster von allen, hauchdünn vor dem zeitgleichen Amerikaner Ronnie Baker. Im Endlauf wurde Su in 9,98 Sekunden Sechster und damit Letzter. Der Brite Zharne Hughes war wegen Fehlstarts disqualifiziert worden, der Nigerianer Enoch Adegoke humpelte verletzt ins Ziel. Auf Platz vier kam der Südafrikaner Akani Simbine (9,93) vor Baker (9,95).

„Heute ist es unglaublich“

„Ich weiß es nicht“, stammelte Jacobs ins erste Mikrofon: „Dies ist ein Traum, ein Traum, fantastisch. Vielleicht kann ich mir morgen vorstellen, wovon Sie sprechen, aber heute ist es unglaublich.“ Seit seiner Kindheit träume er davon, bei Olympischen Spielen zu siegen, und solch ein Traum könne sich in etwas anderes verwandeln, sagte er. Aber dieses Finale zu laufen und zu siegen, damit wird ein Traum wahr.“ Selbstverständlich dankte Jacobs, das ist italienische Konvention, seiner Mutter; sie sei sein Fan Nummer eins.

Jacobs’ italienische Mutter verließ Texas mit ihrem Baby wenige Wochen nach dessen Geburt im September 1994. Er ist am Gardasee aufgewachsen, lebt in Rom und lässt sich mit seinem nur leicht amerikanisierten italienischen Vornamen ansprechen: Marcello ohne O. Die Polizei fördert ihn mit einer Stelle, und er dankt es mit Titeln. Seine große Stärke ist der explosive Start; dieser brachte ihm im Winter bei der Hallen-Europameisterschaft in Torun in Polen den Titel über 60 Meter ein.

Als Marcell Jacobs, fassungslos von seinem Sieg, seinen Sprint in der Kurve austrudeln ließ, lief er seinem italienischen Mannschaftskameraden Gianmarco Tamberi in die Arme. Beide umarmten sich aufgewühlt, hüpften ein wenig und gingen wieder ihrer Wege – in der Gewissheit, dass sie diesen azurblau eingefärbten Leichtathletik-Abend noch gemeinsam feiern würden. „Wir unterstützen einander“ sagte Jacobs zu der Situation: „Wir alle kennen seine Geschichte. Er hätte (bei den Olympischen Spielen) in Rio gewinnen können, aber er war verletzt. Dass wir gemeinsam hier sind, ist spektakulär. Ich glaube an ihn – und an mich.“

Tamberi zog sich eine schwere Bänderverletzung am Fuß zu, als er 2016 den italienischen Rekord auf 2,39 Meter steigerte; Ärzte prognostizierten, dass er nie wieder würde springen können. Nun hielt er ohne Fehlversuch bis 2,37 Meter mit Weltmeister Mutaz Essa Barshim aus Qatar mit, dann scheiterten beide an 2,39 Meter. Der oberste Kampfrichter bot ein Stechen an. „Lass uns Geschichte schreiben“, sagte Barshim zu Tamberi – und schon lagen sich zwei Hochsprung-Olympiasieger vor Glück weinend in den Armen, beide mit einer langwierigen Verletzungsgeschichte im Hinterkopf.

Jacobs ist der erste Italiener, der bei Olympischen Spielen den Endlauf im Sprint erreichte, ganz zu schweigen von der Goldmedaille. Er folgt dem überlebensgroßen Usain Bolt nach, der in Peking 2008, London 2012 und Rio 2016 in allen drei Sprintwettbewerben siegte; eine Goldmedaille musste er zurückgeben, weil ein Mitglied der Staffel des Dopings überführt wurde. Bei den Olympischen Spielen von Moskau 1980 gewann der Italiener Pietro Mennea die Goldmedaille im 200-Meter-Lauf.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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