FAZ plus ArtikelOlympia-Gold um jeden Preis?

Blick in den Abgrund

EIN KOMMENTAR Von Michael Reinsch
02.08.2021
, 20:47
Die Olympiasieger im Hochsprung Gianmarco Tamberi aus Italien (links) und Mutaz Essa Barshim aus Qatar
Mutaz Essa Barshim und Gianmarco Tamberi teilen sich Gold im Hochsprung. Was sie nach dem Olympiasieg über ihre Leidenszeit zuvor berichten, ist eher Mahnung als Inspiration für Kinder und Jugendliche.

Als wollten sie das neue, erweiterte olympische Motto persönlich illustrieren, sind Mutaz Essa Barshim und Gianmarco Tamberi am Sonntag im Olympiastadion von Tokio höher und stärker gesprungen als alle anderen, altius et fortius. Auf schneller, citius, konnten sie verzichten, das gehört nicht zum Wettbewerb. Doch neu ist, in den Regeln und bei Olympia, die Idee von der Gemeinsamkeit. Das Internationale Olympische Komitee hat den olympischen Dreiklang vom gegenseitigen Übertreffen um das Wort gemeinsam erweitert, lateinisch: communiter. Und die beiden Athleten gingen praktisch im Gleichschritt, besser: im Gleichklang durch ihren Wettkampf, fehlerlos bis 2,37 Meter. Als beide an 2,39 Metern gescheitert waren, lehnten sie das Angebot eines Stechens um die Goldmedaille ab und nahmen den gemeinsamen Olympiasieg. Die Athleten aus Italien und Qatar fielen sich weinend in die Arme, bevor Tamberi sich lauthals schluchzend zu Boden warf und der andere zur Tribüne lief, um mit seinen Betreuern zu jubeln.

Dann allerdings sprachen die beiden Helden des Hochsprungs. Ihr Zusammenhalt entstand, tief und freundschaftlich, als erst Tamberi, dann Barshim Bänder und Sehnen im Sprungfuß rissen. Dem Italiener widerfuhr das Unglück, als er sich, in Monaco wenige Wochen vor dem Abflug zu den Olympischen Spielen von Rio 2016, an der Höhe von 2,41 Metern versuchte. Er sah, frisch operiert, im Fernsehgerät, wie Barshim Olympia-Zweiter wurde: Barshim zerriss es 2018 den Fuß, als er in dem ungarischen Ort Székesfehérvár den Weltrekord auf 2,46 Meter zu steigern versuchte. Bis heute erscheint es wie ein Wunder, dass er ein Jahr später in seiner Heimatstadt Doha die Weltmeisterschaft gewann.

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Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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