Olympia-Gold im Straßenrennen

Carapaz im Alleingang auf den Olymp

Von Anno Hecker, Tokio
24.07.2021
, 12:46
Richard Carapaz holt sich Gold bei Olympia im Straßenrennen.
Erst geschlagen als Dritter bei der Tour de France, nun schon mit Gold bei Olympia: Richard Carapaz überrascht in Tokio. Maximilian Schachmann wird Zehnter, Simon Geschke darf nicht mitfahren.
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Richard Carapaz? Der stand nicht auf der Liste. Der hatte sich selbst nicht als Ersten im Blick. Aber nach 233 Kilometern von 234, da schwante es ihm. Ein Blick zurück auf der Automobil-Rennstrecke am Fuße des Mount Fuji. Da kommt ja keiner! Noch einer zu Vergewisserung. Und dann schlug er mit der Faust ein gewaltiges Luftloch in den Himmel über ihn und noch eins. Gestern quasi noch auf der Tour de France unterwegs, geschlagen als Dritter und heute schon auf dem Olymp.

Der Ekuadorianer hatte im Ziel die Zeit, sich den Wert dieses Coup anschauen: 40 Sekunden später schossen die Geschlagenen bei der Jagd um Silber im Sprint ins Ziel. Weltklasse. Der Belgier Wout Van Aert vor dem Tour-Sieger Tadej Pogacar aus Slowenien. Und als Zehnter etwas abgeschlagen, Maximilian Schachmann, dessen Olympiaprojekt aus seiner Sicht nicht aufgegangen ist. Keine Frankreichrundfahrt, um frisch gestärkt olympischen Lorbeer einfahren zu können, eine Medaille.

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„Gestern hat uns Corona einen Strich durch die Vorbereitung gemacht, dadurch war es schwierig“, sagte der Deutsche mit Blick auf den positiven Test seines Teamkollegen Simon Geschke: „Wir sind motiviert an den Start gegangen und haben das Beste draus gemacht. Am Anfang war es schwer für mich, aber am Ende bin ich alle Attacken mitgegangen.“

Vielleicht ist das Ergebnis des Olympia-Rennens noch kein Beweis, aber zumindest ein interessanter Hinweis. Offenbar schaffen es die weltbesten Profis innerhalb von sechs Tagen die Torturen der dreiwöchigen Rundfahrt wegzustecken, dazu einen Zeitzonen- und einen Klimawechsel. Das hat etwas Unglaubliches. Vor allem mit Blick auf den Wettkampf am Samstag. Er bot einige Geschichten, die auch das Resultat erklärten und die Minen der ersten Drei: Carapaz goldstrahlend, Pogacar lächelnd, von Aert bedrückt.

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Es geht um die Ehre für einen Tag

Das Rennen war schwer zu lesen. Das ist typisch für die Tour bei Olympia. Erstklassig besetzt, aber mit Nationalmannschaften, zusammengefügt aus den Fahren der multinationalen Profiteams. Maximal nur fünf pro Land, was sich auf die Strategie auswirkt. Sind die Fahrer auf einander abgestimmt? Trauen sie sich. Es geht um die Ehre für einen Tag. Im Hintergrund führt nicht der Teamchef Regie, der den Vertrag verlängert oder – bei Unbotmäßigkeit - auch nicht.

Davon hängt im Alltag die Zukunft ab, kaum von olympischen Meriten. In so einer Konstellation auf so einem schweren Kurs über 234 Kilometer und fast 5000 Höhenmeter ist Vorsicht gefragt, werden Helfer nicht verschlissen. Und der Kapitän muss sich vorsehen, höllisch aufpassen, wann er eingreift und ob ihm nicht während des Rennens doch noch eine interner Gegner erwächst, der nicht an morgen denken zu braucht. Spannend.

Das Peloton ließ erstmal gelassen eine Ausreißergruppe ziehen, auf 17, 18 Minuten davon fahren. 100 Kilometer vor dem Ziel zog es an, die ersten schon mal mit gelfletschten Zähnen, drei Kilometer vor dem Gipfel des höchsten Punktes (1500 Meter), elf Prozent Steigung. Da stampften sie, die Münder offen durch Wald und Wiese, fern des grauen Tokio. Schon lichtete sich die große Gruppe.

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Die Hintermänner stiegen noch einmal aus dem Sattel, um noch dran bleiben zu können auf den letzten Metern vor einer 14 Kilometer langen Abfahrt, vor der ersehnten Erholung im Windschatten. Mancher vergeblich. Einer nachdem anderen fiel heraus, nach Luft schnappend in der feucht heißen Atmosphäre. Erbarmungsloser Radsport. Erbarmungslose Olympiaorganisatoren. Japaner sagen, es sei verrückt, in ihrem Sommer Spitzensport zu treiben.

Die Sommerspiele 1964 fanden im Oktober statt. Trotzdem kamen die Menschen in der Mittagshitze aus dem Schatten. Zuschauer bei Olympia! Viele am Start, einige säumte die Straßen im ländlichen und viele winkten im Ziel, in Drei-, Viererreihen. Die Behörden hatten die Bevölkerung gebeten, Abstand zu nehmen. Verbieten wollen sie es nicht. Im Notstandsgebiet Tokio ist Publikum nicht zugelassen, in anderen Präfekturen schon. 5500 durften auf die Rennstrecke.

Fans in den Bergen, sahen wie das enteilende Feld der Mut die scheinbar Abgehängten verließ. Da fielen Kurbelumdrehungen in den Keller. Alessandro Valverde sah man, wie er nur noch in Zeitlupe trat. Ausgelaugt, der 41 Jahre alte Spanier. Erbarmungswürdig leidend der einstige Toursieger Geraint Thomas nach dem nächsten Sturz. Vier bei der Frankreichrundfahrt, einer am Samstag. Aber aufgeben?

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Nein. Hoffen auf die zweite Luft. Das Rennen begann doch gerade erst. Tempomacher verwandelten des Peloton in einen Eilzug beim Kurs zur ersten Runde auf Fuji-Rennstrecke. Sie sausten geduckt durch die Boxengasse, wo die Formel 1 zuletzt 2008 mit Tempo 80 hinaus schoss auf die Piste. Fast 50 allein aus den Beinen heraus reichten, den Rückstand aufzusaugen: 59 Sekunden 50 Kilometer vor dem Ziel. Jetzt aber.

Man kann sich vorstellen, wie Simon Geschke am Fernseher mitgelitten haben könnte. Der Arme. Positiv getestet auf Corona am Freitag. Der erste aus dem deutschen Olympiateam, kurz vor dem großen Tag. Er fühlte keine Beschwerden, zeigte keine Symptome, glaubt sich fit und lag am Boden. In der Blase positiv? Wie das? Geschke beteuerte, sich an alle Regeln gehalten zu haben. Dirk Schimmelpfennig, Chef de Mission des Deutschen Olympischen Sportbundes, bestätigte die Darstellung Geschkes. Der vermutet, auf der Reise von der Tour nach Japan, vielleicht auf dem Flughafen in Charles de Gaulle in Paris, vom Virus erwischt worden zu sein.

Carapaz konnte auf die Unterstützung einiger Zuschauer im bauen.
Carapaz konnte auf die Unterstützung einiger Zuschauer im bauen. Bild: AP

„Wir haben morgens einen Spucktest gemacht, und diese Tests sind ein bisschen sensibler“, sagte der Berliner im ZDF: „Die können schon ausschlagen, wenn man sich vorher die Zähne geputzt hat. Das war bei mir der Fall, und deshalb dachte ich, dass es ein Fehler gewesen sein muss.“ Eine PCR-Probe am Abend bestätigte die Sorge. Olympia ade, mit 35 Jahren vermutlich für immer. Hektik im Team. Was ist mit dem Zimmerkollegen Emanuel Buchmann? Negativ, Starterlaubnis. Immerhin. „Das war mir dann das Wichtigste“, sagt Geschke.

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Während er das Quartier wechseln musste und noch Tage in Quarantäne zu bleiben hat, wählte das Trio Buchmann (29.), Schachmann sowie Niklas Arndt eine defensivere Strategie. So wirkte es zumindest. Unauffällig als kleine Einheit im großen Räderwerk. Ohne Geschke fehlte ein Helfer. Und doch schaffte es Schachmann ins Finale dieses Radsport-Auftaktes der Spiele. Die Ausreißer sind eingeholt. Am letzten Berg, hinauf zum Kagosaka Pass, gelingt es Pogacar nicht, sich abzusetzen.

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Aber zwei entwischen dann doch: Carapaz und der Amerikaner McNulty. Nur das nicht, wird sich van Aert gesagt haben. Wie der Belgier arbeitet, wie er die Wattzahlen in die Höhe treibt. Und alle anderen mitzieht – in seinem Windschatten, geballte Rad-Sport-Prominenz in seinem Rücken. Aber sie stützt ihn nicht. Man schaut sich an, man lässt ihn strampeln. Das ist der Fluch seiner starken Beine. Alle um ihn herum wissen sie, dass keiner im Sprint gegen van Aert bestehen würde.

So macht man Olympiasieger. Denn die Gruppe der Uneinigen kommt nicht mehr heran, schluckt nur noch den von Carapaz ein paar Kilometer vor dem Hiel abgehängten McNulty, bevor es dann doch zum Sprint kommt. Mit einem geschwächten van Aert. Zuerst sieht es so aus, Dritter? Aber das Fotofinish belegt den Vorsprung. Eine Reifenbreite für den Belgier. Zweiter, wie bei der WM in Imola, auf einer Rennstrecke. Wieder nur Zweiter. Aber der Weg dorthin war großartig.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hecker, Anno
Anno Hecker
Verantwortlicher Redakteur für Sport.
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