Deutsche Schwimmerin in Tokio

Köhler enttäuscht und „verschenkt“ Medaille

Von Christoph Becker
31.07.2021
, 06:53
Unzufrieden mit der eigenen Leistung: Sarah Köhler nach dem Rennen über 800 Meter Freistil
Der zweite Medaillencoup bei Olympia bleibt Sarah Köhler verwehrt. Der Amerikanerin Katie Ledecky gelingt derweil Sporthistorisches. Und Caeleb Dressel schwimmt einen neuen Weltrekord.

Sarah Köhler ist mit einer großen Enttäuschung aus dem Becken des Tokyo Aquatics Center gestiegen. Die Bronzemedaillen-Gewinnerin im Rennen über 1500 Meter schwamm, mit der Hoffnung auf eine weitere Medaille, über 800 Meter in 8:24,56 Minuten auf Platz sieben. Im Vorlauf war Köhler mehr als sieben Sekunden schneller gewesen, eine Leistung, die am Samstag zu einer weiteren Bronzemedaille gereicht hätte.

Während Sarah Köhler zunächst mit leerem Blick am Beckenrand saß und anschließend von einer „verschenkten Medaille“ sprach, rückte die sporthistorische Dimension des überlegenen Siegs von Katie Ledecky in den Fokus. Sie schwamm in 8:12,57 Minuten nach London 2012 und Rio de Janeiro 2016 zur dritten Goldmedaille auf dieser Distanz. Das gelang bislang nur der Australierin Dawn Fraser (100 Meter Freistil, 1956 – 1964) und der Ungarin Krisztina Egeszegi (200 Meter Rücken, 1988 – 1996).

Gold in sechs Einzelrennen

Zudem ist Ledecky nun die einzige Frau, die in sechs Einzelrennen olympisches Gold gewonnen hat. Nach ihrem Sieg sagte die 24 Jahre alte Ledecky, dass sie vorhabe, ihre Karriere mindestens bis zu den Spielen von Paris, womöglich auch bis Los Angeles 2028 fortzusetzen. „Ich bin noch jung, ich liebe das Training. Ich mache weiter, bis die Zeit gekommen ist.“

Ledecky setzte damit einen erfolgreichen Schlusspunkt im Duell mit der Australierin Ariarne Titmus, die sie über 800 Meter vom Start weg distanzieren konnte. Titmus, die Ledecky über 400 Meter und 200 Meter Freistil geschlagen hatte, lag zwischenzeitlich beinahe zweieinhalb Sekunden zurück und konnte den Rückstand lediglich auf den letzten 100 Metern auf 1,26 Sekunden reduzieren. Gleichwohl kam sie in 8:13,83 Minuten mit persönlicher Bestzeit und ozeanischem Kontinental-Rekord ins Ziel. Dritte wurde die Italienerin Simona Quadarella (8:18,35 Minuten).

„Als ich mit dem Schwimmen begonnen habe, mit sechs Jahren, habe ich nie davon geträumt, dass ich es zu Olympischen Spielen schaffen würde“, sagte Ledecky. „Die Möglichkeit gehabt zu haben, an drei Spielen teilzunehmen, Medaillen zu gewinnen, die Nationalhymne zu hören, ist großartig. Es ist ein Vergnügen, Freundschaften zu schließen, Teil großartiger Mannschaften zu sein, mit tollen Teamkollegen. Ich genieße den Moment. Ich werde versuchen, ihn ein bisschen auszukosten und ihn mit Familie und Freunde zu genießen und dann später wieder an die Arbeit zu gehen.“

„Ich bin sprachlos“, sagte Sarah Köhler nach dem Rennen zunächst in der ARD. „Irgendwie wollte es heute nicht. Andere haben ihre Chance genutzt, ich habe sie verpasst. Das ist eine ziemliche Enttäuschung für mich.“ Das Einschwimmen sei schon nicht so rund gelaufen, wie vor ihrem Vorlauf, in dem sie deutschen Rekord geschwommen war. Sie habe dabei schon gemerkt, dass sie „nicht so richtig Druck auf der Hand“ habe. „Aber das heißt nicht unbedingt etwas.“

„Von Anfang an nicht mitgekommen“

Doch der Plan, mit dem sie ins Rennen gestartet war – Bundestrainer Bernd Berkhahn hatte gesagt, sie dürfe „an keiner Stelle eine Hundertstelsekunde verschenken“ – war schon auf der ersten von 16 Bahnen dahin. „Ich bin von Anfang an nicht mitgekommen, habe gehofft, sie brechen noch ein und ich kann noch rankommen. Das war nicht der Fall.“ Simona Quadarella habe sie noch bis zur 200-Meter-Marke gesehen – „danach nicht mehr“.

Als sie im Ziel deren Zeit gesehen habe, war „ich noch mehr enttäuscht. Das ist eine verschenkte Medaille gewesen.“ Auch Köhler, 27 Jahre alt, kündigte an, die Karriere bis zu den Olympischen Spielen in drei Jahren in Paris fortsetzen zu wollen. Ihr Magdeburger Trainer Bernd Berkhahn hatte nach dem dritten Platz im 1500-Meter-Rennen gesagt, er traue Köhler in Zukunft noch schnellere Zeiten zu.

Unterdessen ist der Amerikaner Caeleb Dressel zunächst zu seinem dritten Sieg in Tokio geschwommen und kann sein Vorhaben, sechs Goldmedaillen zu gewinnen, gleichwohl nicht mehr verwirklichen. Im Rennen über 100 Meter Freistil schlug er in Weltrekordzeit (49,45 Sekunden) an, der Ungar Kristof Milak schwamm Europarekord (49,68 Sekunden) und wurde Zweiter vor dem Schweizer Noe Ponti (50,74 Sekunden). Für die Schweiz ist es nach der Bronzemedaille von Jeremy Desplanches über 200 Meter Lagen bereits die zweite Medaille in Tokio. Zuvor hatte ein Schweizer Schwimmer 1984 in Los Angeles eine Medaille gewonnen.

In Tokio ist die Schweizer Mannschaft, die mit zwei Frauen und fünf Männern in Tokio am Start ist, bislang erfolgreicher als das Team des Deutschen Schwimm-Verbands, das 30 Beckenschwimmerinnen und –Schwimmer zu den olympischen Rennen geschickt hat. Vor dem 1500-Meter-Rennen am Sonntag, in das Weltmeister Florian Wellbrock als ein Favorit auf den Sieg startet, fällt die Bilanz des DSV damit durchwachsen aus. Mit acht Finalteilnahmen wurde die Bilanz der Spiele von Rio 2016 verbessert, allerdings gab es in Tokio zwei neue Einzelstrecken (1500 Meter Freistil der Frauen, 800 Meter Freistil der Männer), in beiden sorgten Köhler und Wellbrock für sportliche Höhepunkte.

Nicht für das Finale qualifizieren konnte sich die gemischte 4x100-Meter-Lagenstaffel, Annika Bruhn, Lisa Höpink, Fabian Schwingenschlögl und Marek Ulrich, waren mit der zehntschnellsten Zeit in den Vorläufen ausgeschieden.

Trend der Schwimm-Wettbewerbe

Der Endlauf zum Abschluss des vorletzten Wettkampftages belegte einen weiteren Trend der Schwimm-Wettbewerbe: Die nahezu umfassende Dominanz der Amerikaner ist gebrochen, neben den erstarkten Australiern – vor allem den Australierinnen; Rückenschwimmerin Kaylee McKeown schwamm über 200 Meter Rücken die fünfte Goldmedaille, Mannschaftskollegin Emily Seebohm wurde Dritte – sind China und Großbritannien zu großen Rivalen geworden.

Bei der erstmals ausgetragenen Männer-Frauen-Staffel siegten Kathleen Dawson (Rücken), Adam Peaty (Brust), James Guy (Schmetterling) und Anna Hopkin (Freistil) in Weltrekordzeit (3:37,58 Minuten) vor China und Australien. Dressel, als Schlussschwimmer mit großem Rückstand ins Becken gesprungen, konnte die Amerikaner lediglich auf Platz fünf nach vorn bringen. Der 17 Jahre alten Lydia Jacoby, Olympiasiegerin über 100 Meter Brust, hatte zudem Pech, ihr war die Brille in den Mund verrutscht, sie schwamm allerdings gleichwohl nur 14 Hundertstelsekunden langsamer als bei ihrem Sieg im Einzelrennen am Dienstag.

Für Dressel bieten sich am Schlusstag zwei weitere Chancen auf Gold: er geht als Favorit ins 50-Meter-Freistil-Finale (das Halbfinale war das dritte Rennen, dass er am Samstag, nach der Ehrung seines 100-Meter-Schmetterling-Siegs und der Staffel bestritt, er schwamm Bestzeit). Zudem werden die traditionellen Lagenstaffeln am Sonntag ausgetragen, das Männerrennen, aller Voraussicht nach mit Dressel als Schlussschwimmer wird die Wettbewerbe der Beckenschwimmer beschließen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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