Niederlande bei Olympia

Medaillenrekord nach Fehlstart

Von Klaus Max Smolka, Leiden/Frankfurt
09.08.2021
, 13:05
Annemiek van Vleuten gewann doch noch ihre Goldmedaille.
Die Niederlande holen gemessen an der Einwohnerzahl ungewöhnlich viele Medaillen. Am Ende ist es in Tokio sogar zehn Mal Gold, wie bei Deutschland. Wie schaffen sie das?
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Nach einem Fehlstart ein glänzender Rekord: Die niederländische Olympia-Mannschaft hat zehn Mal Gold geholt, zwölf Mal Silber, 14 Mal Bronze – eine Mannschaft aus einem Land mit einem Fünftel so viel Einwohnern wie Deutschland. Die Niederlande belegen Platz sieben im Medaillenspiegel – ähnlich fällt im Erfolg-je-Einwohner-Verhältnis nur noch das einen Platz davor liegende Australien auf. Ansonsten stehen Länder mit weit größerer Bevölkerung vor den Niederlanden.

„TeamNL“, wie sich die Mannschaft nennt, brach den eigenen bisherigen Rekord aus dem Jahr 2000: In Sydney hatte man 25 Medaillen geholt – zu denen alleine der Schwimmer Pieter van den Hoogenband vier beitrug, je zwei Mal Gold und Bronze. In Tokio fungierte dieser einstige Modellsportler jetzt als Chef de Mission: Gesicht nach außen, Ansprechpartner für Athleten und logistischer Organisator vor den Spielen.

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Dabei begann die Mission in Tokio alles andere als vielversprechend: Pannen, Pech und Corona überschatteten die ersten Tage. Kurios vor allem das Straßenradrennen der Frauen: Annemiek van Vleuten rollte jubelnd über die Ziellinie, im Glauben, Gold gewonnen zu haben. Aber da war noch eine österreichische Außenseiterin vor ihr gewesen, die mit anderen Fahrerinnen aus dem Feld ausgerissen war. Diese Begleiterinnen wurden eingeholt, aber die Österreicherin – Anna Kiesenhofer – hatten van Vleuten und auch einige andere nicht auf dem Zettel. Die Niederländerin hatte schon 2016 in Rio Pech gehabt, als sie mit Kurs auf Gold schwer stürzte. Und jetzt dies.

Souverän und sympathisch

Dann der Sturz von Mathieu van der Poel beim Mountainbike-Rennen. Der niederländische Meister stürzte auf dem Rundkurs in der ersten Runde; beim Sprung über einen Felsen in eine kurze, steile Abfahrt verschätzte er sich, landete kopfüber. Die Verantwortung schrieb er später den Organisatoren zu, die nach dem letzten Trainingslauf unerwartet eine Rampe abgebaut hätten. Zwei Tage lang war der Überschlag des niederländischen Meisters ständig im Fernsehen zu sehen, er dürfte eines der bleibenden Bilder dieser Spiele in den Niederlanden sein. Schließlich kollidierte im Training für das BMX-Rennen noch Niek Kimmann mit einem Streckenposten, verletzte sich an der Kniescheibe.

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Nur Pech? Oder mangelnde Organisation, mangelnde Kommunikation? Das war die schnell aufkommende Frage, welche Gäste in der Olympia-Dauersendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erörterten. Nebenbei stach van Vleuten nach ihrem Missgeschick heraus: Im Interview erklärte sie souverän und sympathisch den Vorfall, ohne etwas zu schönzureden, aber auch ohne jedes Drama.

Dazu kamen auffallend viele Corona-Fälle, beklemmende Berichte über das Quarantaine-Hotel und Kritik an den Corona-Restriktionen für die Sportler. Am Tag vier konnte TeamNL ganze drei Silbermedaillen präsentieren – nicht viel bei den hochgespannten Erwartungen dieser Sportnation. Das Olympiakomitee NOC*NSF berief eigens eine Pressekonferenz ein, van den Hoogenband beruhigte: Es sei ja noch Zeit.

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Tags drauf die Wende, mit einem ersten Rekord: Das Team brachte acht Medaillen hervor, so viel wie noch nie zuvor an einem Olympischen Tag. Van Vleuten gewann das Zeitfahren – und Kimmann sollte später im BMX, trotz Kniescheibenverletzung ebenfalls Gold gewinnen. Ansonsten beeindruckte vor allem die Leichtathletik.

Radrennen und Wasser

In den Mannschaftssportarten ist die Bilanz mäßiger – Ausnahme die Hockey-Frauen, die nach glänzender Leistung Gold gewann. Mit jeweils drei Medaillen kehren Leichtathletin Sifan Hassan und Bahnradrennfahrer Harrie Lavreysen – beide holten je zwei Mal Gold und einmal Bronze. Der Sportdatenanbieter Gracenote, den die heimischen Medien oft für Medaillenprogosen heranziehen, hatte kurz vor den Spielen sogar 48 Medaillen und Platz sechs in der Länderrangliste in Aussicht gestellt. Wobei betont wurde, dass coronabedingt diese Spiele besonders schwierig zu prognostizieren seien.

Radrennen und alles, was mit dem Wasser zu tun hat – darin stechen die Niederlande sportlich hervor, wohl kein Zufall, da das Land vom Wasser geprägt ist und die Fortbewegung im Alltag wie in kaum einem anderen Land vom Fahrrad. In der Leichtathletik, so analysiert die Zeitung „Trouw“, habe das Land Spitzentrainer aus dem Ausland angezogen. In Papendal unweit von Arnheim trainieren Spitzensportler in einem Leistungszentrum.

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„Guter Kafee ist sehr wichtig“

Generell dürfte die Bewegungsfreude der Bewohner eine Rolle spielen, ebenso die Infrastruktur. „Es gibt kein Land in Europa mit so vielen Sportvereinen je Einwohner (25.000 in den Niederlanden)“, analysiert die Radboud-Universität in Nijmegen (Nimwegen). „Weiterhin gibt es kein anderes Land, in dem die Sporteinrichtungen so naheliegen wie in den Niederlanden: Die Niederlande zählen 1.500 Schwimmbäder 2.000 Fitnesszentren und mehr als 3.000 Fußballvereine.“ Nach dem Befund der Universität treiben etwa 10 Millionen Niederländer – das sind etwa zwei Drittel – mindestens einmal im Monat Sport, fünf Millionen mindestens einmal in der Woche.

Im Spitzensport bleibt natürlich die professionelle Vorbereitung wichtig. Van den Hoogenband informierte vor den Spielen, was der Verband alles nach Tokio an Materialien bringen lässt: nicht nur Sportgeräte, auch beispielsweise Matratzen. „Und guter Kaffee. Das ist sehr wichtig.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
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