Schwimmen in Tokio

Australien steht vier Minuten still

Von Christoph Becker
26.07.2021
, 17:18
Schneller als Katie Ledecky? Nicht zu fassen für Ariarne Titmus.
Ariarne Titmus ist die erste Frau, die Katie Ledecky bei einem olympischen Einzelrennen besiegt hat. Die Australierin ist nun Teil einer großen Geschichte: „Es macht mich sehr demütig“.

In Rio de Janeiro war Katie Ledecky schneller wieder im Ziel gewesen nach acht Bahnen durch das 50-Meter-Becken. Ihr Weltrekord über 400 Meter Freistil von damals, 3:56,46 Minuten, geschwommen auf dem Weg zu einer von vier Goldmedaillen in Brasilien, steht bis heute. Am Montag in Tokio war Kathleen Genevieve Ledecky aus Washington, D.C., so schnell wie nie, außer eben damals in Rio: 3:57,36.

„Dreisiebenundfünfzig, das ist eine unglaubliche Zeit“, sagte Ariarne Titmus. Sie muss es wissen. Sie schwamm hinter Ledecky. Sie schwamm neben Ledecky. Und dann schwamm sie vor Ledecky. Ariarne Titmus schwamm schneller als Katie Ledecky. Ariarne Titmus, vor bald 21 Jahren in Launceston auf Tasmanien geboren, ist die erste Frau, die ein Einzelrennen bei Olympischen Spielen gegen Katie Ledecky gewonnen hat.

In Australien, einer Nation, die einen wesentlichen Teil ihres nicht eben kleinen sportlichen Stolzes mit Siegen ihrer Schwimmer über die Amerikaner befeuert, habe das öffentliche Leben am Montag für knapp vier Minuten stillgestanden, wurde Ariarne Titmus anschließend erzählt. An ihrer alten Schule, dem Lutherischen College St. Peters in Indooroopilly, Queensland, hätten die Schüler im Auditorium die Übertragung verfolgt. „Es macht mich sehr demütig“, sagte die Siegerin auf ihrer Pressekonferenz nach dem Rennen, „Teil dieser Geschichte zu sein.“ Ariarne Titmus ist aufgestiegen in den Zirkel ganz großer australischer Schwimmerinnen.

Zwischen 2013 und 2019 ist Katie Ledecky zu 15 Weltmeisterschaftstiteln geschwommen. Aber in Gwangju, bei der WM vor zwei Jahren, hatte Katie Ledecky das Rennen über 400 Meter verloren. Gegen Ariarne Titmus, die junge Australierin, die mit ihren Eltern nach Queensland gezogen war, der sportlichen Chancen halber. Und so begleiten Katie Ledecky ein paar Fragen, als sie am Montagvormittag in Tokio Richtung Startblock der Bahn vier geht. 24 Jahre alt ist sie inzwischen, bei den Trials der Amerikaner im Juni in Omaha, Nebraska, hatte sie gewonnen, was zu gewinnen war – aber die Zeiten warfen eine Frage auf, die sie jetzt verfolgt: ist das noch die unbesiegbare Katie Ledecky? Oder ist das eine alte Ledecky?

Neben ihr, Bahn fünf, steht Titmus, 20 Jahre alt. Und Bingjie Li, China, 19. Isabel Gose, Deutschland, 19. Erika Fairweather, Neuseeland, 17. Muhan Tang, China, 17. Und Summer McIntosh, Kanada, 14. Jünger, als Ledecky es war vor neun Jahren im Aquatics Centre von Stratford, als sie zu ihrem ersten Olympiasieg kraulte.

Ariarne Titmus (m.) präsentiert ihre Goldmedaille in Tokio.
Ariarne Titmus (m.) präsentiert ihre Goldmedaille in Tokio. Bild: Marko Djurica/Reuters

Der Start. McIntosh kommt als Schnellste zur ersten Wende. Dann übernimmt Ledecky. Sie ist die Alte. Sie zieht davon. Eine halbe Sekunde Vorsprung nach 150 Metern. Mehr als sechs Zehntel nach 200. Ledecky führt, souverän. Der Kopf von Titmus bewegt sich auf Höhe von Ledeckys Füßen. Aber der Vorsprung wächst jetzt nicht mehr. „Ich wusste, dass ich hinten bin“, wird Titmus später sagen. „Auf der fünften Bahn kam ich näher.“ Sie täuscht sich. Bei der fünften Wende ist der Vorsprung so groß wie bei der vierten: 66 Hundertstelsekunden. Und dann, dann kommt Ariarne Titmus näher. Schnell. Sehr schnell. Zwischen Meter 250 und 300 klaut sie Ledecky eine halbe Sekunde.

Ledecky wird später erzählen, bei 300 Metern habe sie geschaut. Und gesehen: „Oh, da ist sie ja.“ Und Titmus erinnert sich: „Bei 350 Metern haben wir gleichauf gewendet.“ Auch das stimmt nicht. Sie führt. 22 Hundertstelsekunden. Noch fünfzig Meter. Titmus führt, doch Ledecky ist unbesiegt, immer noch. Sie hat nicht vor, dass Titmus das ändert. Ledecky sieht Titmus nicht an, Titmus sieht Ledecky nicht an. Sie atmen voneinander weg, Titmus nach links, Ledecky nach rechts, wie ein Paar, das sich gestritten hat, bevor das Licht zur Nacht gelöscht wurde. Jetzt wird es dunkel, auch für die Schwimmerinnen.

Jetzt ist es ein Rennen, von dem Menschen in einigen Jahren noch sprechen werden. Frau gegen Frau. Bis zur Wand. Titmus schlägt an. Ledecky schlägt an. Titmus hat gewonnen. 3:56,69 Minuten. Die Fernsehzuschauer wissen es. Ariarne Titmus weiß es nicht. Weltrekord würde sie schwimmen müssen, um Ledecky zu schlagen, hatte ihr Trainer Dean Boxall ihr jahrelang erzählt. Es stimmte nicht. Titmus blickt nach links, wendet den Kopf, sieht die Anzeigetafel. Sieht die Ziffer eins neben ihrem Namen. Und das Gehirn schaltet ab. „Ich sah die Eins, nicht die Zeit, und dachte: whatever.“ Egal. Olympiasiegerin. Ledecky besiegt.

Auf der Tribüne wird Trainer Boxall von Endorphinen gesteuert. Wie ein Derwisch, wie ein Rockstar fegt er über den Rang, die langen, blonden Haare wirbeln, ein paar Augenblicke wirkt es, als wollte er eine Plexiglaswand begatten. Das Video geht um die Welt, umgehend. Li kommt ins Ziel, als Dritte. Viereinhalb Sekunden nach Titmus. Isabel Gose wird Sechste. Und Katie Ledecky? Ist besiegt.

Und doch zufrieden. Sehr zufrieden. Nur ein einziges Mal ist sie schneller geschwommen über 400 Meter als in diesem Rennen. „Ich bin ein großartiges Rennen geschwommen“, sagt sie hinterher. „Seit fünf Jahren war ich nicht mehr so schnell. Das ist ein gutes Zeichen für die kommenden Rennen.“ 200, 800, 1500 Meter: Ledecky plant drei weitere Einzelstarts. Am Montagabend, acht Stunden nach dem Finale, ist sie zu zwei Vorläufen zurück im Becken. Ariarne Titmus will über 200 und 800 Meter Freistil starten. Im Finale über 200 Meter Freistil am Mittwoch soll es eine Fortsetzung geben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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