Doping-Kontrollen

Misstrauen gegenüber Testprogramm

Von Luca Brück
09.06.2021
, 07:55
Ein Mitarbeiter der französischen Anti-Doping-Agentur hält Urinproben in einem Träger.
Die Sorge ist verbreitet, dass Athleten spärliche Dopingkontrollen nutzen könnten, um verbotene Substanzen zu nehmen. Welchen Einfluss hat die Pandemie – wie viel oder wenig wurde und wird getestet?

Im Februar des vergangenen Jahres meldete CHINADA, die chinesische Antidopingagentur, dass sie wegen der Einschränkungen durch das neuartige Coronavirus die Dopingkontrollen aussetze – sechs Monate vor den geplanten Olympischen Spielen. Die Empörung war groß. Dass nur Wochen später das Leben auch in Europa ausgebremst, dass die Olympischen Spiele verschoben, dass schon bald deutlich mehr Menschen als in China in Europa und den Vereinigten Staaten erkranken und sterben würden, das alles sah kaum jemand kommen.

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Nun gibt es wieder Zweifel, ob die Olympischen Spiele stattfinden können. Auch einige Athleten sind unglücklich mit den Voraussetzungen. Für eine weitere Verlegung der Spiele plädierte vor drei Monaten die Kugelstoßerin Christina Schwanitz, nicht vorrangig wegen des Gesundheitsschutzes, sondern um Chancengleichheit sicherzustellen. Die Sorge ist verbreitet, dass Athleten die spärlichen Dopingkontrollen nutzen könnten, um im Aufbautraining verbotene Substanzen zu nehmen.

Wie viel oder wenig wurde und wird tatsächlich getestet? Belastbare Zahlen gibt es für den Beginn der Pandemie, denn da konnte man die Tests abzählen: Der Kampf gegen die Doper pausierte. Für ihre 47 Mitgliedstaaten (und kurioserweise auch für Australien) hat das die Menschenrechtsorganisation Council Of Europe ermittelt. Wie die nationalen Antidopingorganisationen arbeiteten, unterschied sich allerdings stark. Mangels Wettkämpfen fielen beinahe die Hälfte der geplanten Tests aus.

„Es lief auf hohem Niveau weiter“

Für eine erfolgreiche Antidopingstrategie sind aber die Trainingstests mindestens genauso wichtig wie die Wettkampftests. Von Anfang März bis zum Ende der Datenerhebungen am 4. Mai des vergangenen Jahres testeten 31 Länder überhaupt nicht, darunter Deutschland. Die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland (NADA) und die von ihr beauftragten Unternehmen pausierten sogar bis zum 16. Mai. In 17 anderen Ländern wurde dagegen durchgetestet, etwa in Frankreich, Dänemark, Norwegen und der Schweiz, wenn auch teilweise in geringerem Umfang.

Die NADA blickte vergangene Woche bei ihrer digitalen Jahrespressekonferenz dennoch zufrieden auf 2020 zurück. „Durch die schnelle Entwicklung neuer Kommunikationsstrategien lief die Antidopingarbeit, trotz Lockdowns und der damit verbundenen Einschränkungen in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens, auf hohem Niveau weiter“, sagte die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann.

Von Sommer 2020 an testete die NADA wieder relativ viel, im gesamten Jahr wurden 9572 Kontrollen vorgenommen, nur knapp ein Viertel weniger als im Vorjahr. Bei diesen Kontrollen wurden allerdings deutlich weniger Proben genommen, ein gutes Drittel fehlt zum Vorjahresniveau. Weltweit wurden im März 2020 nur 578 Proben genommen. Im März 2019 waren es 26.933 gewesen, diesen März kamen die Kontrolleure wieder auf 22.649, obschon immer noch viele Wettkämpfe ausfielen. Den Vergleich veröffentlichte die Welt-Antidopingagentur (WADA) Anfang Mai. Die Maschen der Testnetze waren demnach von Februar bis September 2020 sehr weit. Im gesamten Jahr wurden 168. 256 Blut- und Urinproben genommen. Das ist ein Rückgang um 45 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Dennoch antwortet Andrea Gotzmann optimistisch auf Fragen nach der Chancengleichheit bei den kommenden Großereignissen, neben den Olympischen Spielen die Endrunde der Fußball-Europameisterschaft, für die Dopingkontrollen dort ist die Europäische Fußball-Union zuständig. „Ich glaube, dass alle Organisationen das vorolympische Testprogramm auf hohem Niveau durchführen“, sagt sie. Allerdings verlaufe die Pandemie in Wellen und überall auf dem Erdball unterschiedlich. Unterschiede bei den Testungen seien also denkbar.

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Dass die NADA 2020 (bei deutlich höherem Aufwand) vergleichsweise viel testen konnte, liegt auch an der gesicherten Finanzierung. Seit dem 1. Januar wird die NADA institutionell gefördert; zum Gesamtbudget trug der Bund gut zwei Drittel bei. Unter den Bedingungen seien die Kontrollen angemessen gewesen, urteilt NADA-Vorstand Lars Mortsiefer. Dennoch dürfte das Misstrauen in Tokio groß sein. Die Vielzahl von Welt- und Europarekorden in der Leichtathletik im vergangenen Jahr ließ aufhorchen. David Storl, zweimal Weltmeister und dreimal Europameister im Kugelstoßen, benannte die Quarantäne als Covid-Kontaktperson als mögliches Schlupfloch.

Der Zeitung Die Welt erzählte er, dass ein Dopingkontrolleur an seiner Tür umdrehen musste, weil Storl ihn nicht einlassen durfte – behördlich angeordnet. Die NADA teilte daraufhin mit, dass 2020 nur rund ein Dutzend Quarantänefälle dokumentiert worden seien, das entspreche 0,13 Prozent aller Kontrollen. 2021 war das Dutzend allerdings bereits im ersten Quartal erreicht. Alle diese Fälle würden dokumentiert, nachverfolgt und die Unterlagen der behördlichen Anordnung angefordert und überprüft, heißt es von der NADA.

Das Testniveau ist demnach beinahe wieder auf Vor-Pandemie-Stand. Auf die Zahlen der entscheidenden Testphase, nämlich für das halbe Jahr vor den Spielen, wird man warten müssen. „Sicherlich gilt es zu prüfen, ob die für die Olympischen und Paralympischen Spiele qualifizierten Sportler*innen einem adäquaten Testprogramm unterlagen“, heißt es von der NADA. „Da diese vorolympischen Testprogramme zu Jahresbeginn erneut angelaufen sind, kann dazu noch keine Aussage getroffen werden.“ Da die Proben auch dieser Spiele für spätere Analysen eingefroren werden, sind die Ergebnisse möglicherweise wieder einmal nur vorläufig.

Quelle: F.A.Z.
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